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Betriebliche Altersvorsorge : Pensionszusagen belasten die Bilanzen deutscher Unternehmen

  • -Aktualisiert am

Immer mehr Unternehmen ächzen unter den hohen Pensionszusagen, die sie vor Jahrzehnten gemacht haben. Bild: Macgyverhh / iStock / Thinkstock / Getty Images

Steigende Pensionsrückstellungen belasten die Bilanzen der Unternehmen. Nicht nur große Konzerne trifft es, vor allem Finanzchefs von Mittelständlern kämpfen.

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          Wenn es bei der Lufthansa mal wieder Streiks gibt, kostet das nicht nur die Reisenden Nerven. Auch die Lufthansa zahlt: „Die Streiks verursachen nicht nur einen großen direkten wirtschaftlichen Schaden, sondern auch einen Imageschaden für Lufthansa mit erheblichen und heute noch nicht absehbaren Folgen für unser Unternehmen und seine Mitarbeiter“, warnt Lufthansa-CFO Simone Menne. Doch trotz der hohen Kosten wehrt sich die Fluggesellschaft standhaft gegen die Forderungen der Piloten, in denen es auch um eine bessere Übergangsversorgung derzeitiger Mitarbeiter bis zur Rente sowie gleichwertige Betriebsrenten für neue Mitarbeiter geht.

          Denn sie kann sich diese nicht mehr leisten – die niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt erhöhen die Kosten für das Unternehmen. Danach  errechnet sich nämlich, mit welchem Zinssatz künftige Pensionen heute abgezinst werden müssen. Und je niedriger der Zinssatz aktuell liegt, desto höher müssen die Rückstellungen sein, die die Unternehmen dafür heute bilden müssen. Die Lufthansa hatte bei der Ausarbeitung der Tarifverträge mit 6 bis 7 Prozent kalkuliert – derzeit gibt der Rechnungszins aber nur 2,69 Prozent her, wie die Unternehmensberatung Towers Watson berechnet hat. Die sich zunehmend weitende Deckungslücke muss ausfinanziert werden und treibt die Pensionsrückstellungen massiv nach oben.

          Mittelstand: Rückstellungen steigen um ein Drittel

          Härter als die börsennotierten Konzerne, die nach dem internationalen Bilanzierungsstandard IFRS berichten, trifft es den Mittelstand. Die Ursache liegt in der unterschiedlichen Bilanzierungsmethode: Nach dem nationalen Standard HGB bestimmt sich der Rechenzins für die Höhe der Pensionsrückstellungen als Durchschnitt der vergangenen sieben Jahre. Anders gesagt: Die Pensionskrise erreicht den Mittelstand mit Verzögerung.

          Ende 2013 lag der Zinssatz bei 4,84 Prozent, bis 2019 könnte er auf etwa 3 Prozent sinken, erwartet das Beratungsunternehmen Longial. Die Rückstellungen für mittelständische Finanzchefs würden dann um 35 Prozent steigen. Für manchen Mittelständler kann das existenzbedrohlich sein, reden will darüber öffentlich kaum jemand. Ein Unternehmen, das anonym bleiben will, rechnet vor: Bei einem Umsatz von 20 Millionen Euro und einem Überschuss von 800.000 Euro liegen die Pensionsrückstellungen derzeit bei 3,1 Millionen Euro – das Eigenkapital ist nur halb so hoch. Und bis 2019 könnte der Gewinn wegen der niedrigen Zinsen insgesamt um 1,5 Millionen Euro belastet werden.

          Einen Königsweg aus der Pensionsfalle gibt es nicht. Der Versorgungszusage können Unternehmen nicht entkommen. Dennoch haben Unternehmen, die es sich nicht leisten können, die niedrigen Zinsen auszusitzen, einige Handlungsoptionen:

          1. Umstellung zum auf beitragsorientierte Pensionszusagen

          Jahrzehntelang gaben Unternehmen ihre Rentenversprechen nach dem sogenannten Defined Benefit Modell (leistungsorientierte Pensionszusagen). Sie garantierten Arbeitnehmern damit die Höhe der Rente zum Pensionseintritt. Damit übernahmen sie allerdings auch das Zinsrisiko, denn nur bei entsprechendem Anlageerfolg der Pensionsvermögen können sie ihr Versprechen ohne Probleme halten. Jahrzehntelang ging das gut - in der andauernden Niedrigzinsperiode aber droht das Defined Benefit Modell vielen Unternehmen zum Verhängnis zu werden. Einige stellen daher nun auf das sogenannte Defined Contribution-Modell (beitragsorientierte Pensionszusagen) um. Demnach garantiert  das Unternehmen nicht mehr die Höhe der Auszahlung, sondern nur die Höhe des Beitrags zur Betriebsrente, die für den Mitarbeiter angelegt wird.

          Dadurch trägt der Arbeitnehmer das Risiko über die Zinsentwicklung am Kapitalmarkt– er kann aber auch davon profitieren, falls die Zinsen stark ansteigen. Das Unternehmen hingegen hat eine höhere Planungssicherheit und entlastet seine Bilanz. Aber: „Viele Unternehmen wollen das aus sozialpolitischen Gesichtspunkten nicht“, sagt Longial-Chef Paulgerd Kolvenbach. Die Lufthansa diskutiert dieses Modell schon länger – im September konnte sie es zumindest bei den Flugbegleitern durchsetzen und stellte dort von Defined Benefit auf Defined Contribution um. Der Trend hin zum Defined Contribution Modell setzt sich also fort, das hat auch Towers Watson kürzlich beobachtet.

          2. An Externe auslagern

          Unternehmen können die Pensionsverpflichtungen mit einem Schlag aus der Bilanz nehmen, wenn sie diese an einen externen Anbieter wie einen Pensionsfonds oder an ein Lebensversicherungsunternehmen übertragen. Allerdings kann sich das nicht jedes Unternehmen leisten. „Die externen Träger müssen mit deutlich vorsichtigeren Rechnungsgrundlagen kalkulieren und berechnen einen erheblichen Aufschlag“, sagt Marc Walddörfer, Mitglied der Geschäftsführung bei Longial. Und je höher die Rückstellungen sind, desto teurer wird das. Aus dem Schneider sind Finanzchefs nicht unbedingt: Bei ungünstiger Entwicklung der Zinsen können Nachschusspflichten entstehen.

          3. Bilanzierungsspielräume ausnutzen

          Mittelständler können sich kurzfristig Luft verschaffen, indem sie Bilanzierungsspielräume nutzen. Der Rechnungszins ist allerdings gesetzlich vorgegeben, die biometrischen Rechungsgrundlagen sind im Prinzip auch fest vorgegeben. „Ein bisschen Ermessensspielraum haben Unternehmen bei Trendannahmen, zum Beispiel bei Gehalts- und Rententrends, die sie ansetzen.“, sagt Marc Walddörfer. „Allerdings dürfen diese auch nicht willkürlich gewählt werden, sondern müssen die beste Schätzung der langfristigen Entwicklung darstellen“. Das anonyme mittelständische Unternehmen hat die Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters in der Bilanz abgebildet. Dadurch konnten die Rückstellungsbeiträge auf einen längeren Zeitraum verteilt werden und wurden so niedriger ausgewiesen. Allerdings ist dies nur ein Einmaleffekt – und damit nur eine einmalige Verschnaufpause.

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