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Mittelstandsanleihen : Gläubiger der MS Deutschland sollen auf Zinsen warten

Derzeit eher selten: Die „MS Deutschland“ läuft ein Bild: dpa

Lange gab es Zweifel an der Solidität des „Traumschiff“-Betreibers MS Deutschland. Nun sollen die Gläubiger gut sechs Monate länger auf ihre Zinsen warten.

          Der Traumschiff-Betreiber MS Deutschland lädt seine Anleihengläubiger „im Rahmen der Erarbeitung eines umfassenden Konzepts zur finanziellen Restrukturierung“ für den 8. Oktober zu einer Gläubigerversammlung ein. Die Gesellschaft möchte von den Gläubigern eine Stundung der im Dezember fälligen Zinszahlung bis zum 30. Juni 2015 und ebenso den vorübergehenden Verzicht auf Kündigungsrechten - „um die Ausarbeitung und Umsetzung eines Gesamtsanierungskonzepts gar nicht erst durch mögliche Liquiditätsengpässe zu gefährden“.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Damit bestätigen sich Befürchtungen um die ordnungsgemäße Bedienung der Anleihe wie sie FAZ.NET schon in anderem Zusammenhang berichtet hatte. Ende Juli hatte der neue Eigner Callista Private Equity schon mitgeteilt, dass alle Optionen für eine Restrukturierung geprüft würden und ein Team aus Vertriebs-, Schifffahrts- und Finanzierungsexperten zur MS Deutschland entsandt (vgl. Mittelstandsanleihen-Ticker vom 30. Juli).

          Auf der Tagesordnung steht zudem die Wahl eines Gemeinsamen Vertreters, damit „die Interessen der Anleihegläubiger sachgerecht vertreten werden“. Vorgeschlagen wird der ehemalige bayerische Ministerpräsident und Rechtsanwalt Günther Beckstein. Dieser soll bevollmächtigt werden, über Stundungen von Zinsansprüchen und vorübergehende Ausschlüsse von etwaigen Kündigungsrechten der Anleihegläubiger zu entscheiden.

          Das Stundungsbegehren kommt um so überraschender, als die Zahlung der am 18. Dezember fälligen Zinsen eigentlich durch eine Kreditlinie des früheren Eigners, dem Finanzinvestor Aurelius, abgesichert ist. „Die Kreditlinie von Aurelius steht im Wesentlichen zum gleichen Zins zur Verfügung wie die Anleihe“, sagt Christian Muschick, der bei der MS Deutschland GmbH für die Beziehungen zu Investoren zuständig ist. „Wir würden insofern nur den Gläubiger eintauschen.“

          „Vielversprechende Perspektiven“

          Obendrein sollen die Anleihegläubiger auf ihre Kündigungsrechte verzichten, die mit der Stundung der Zinszahlung eigentlich verbunden wären. Abermals erweisen sich die hoch gelobten Schutzklauseln (Covenants) in einem Anleiheprospekt damit als Makulatur. Genau für den Fall, für den sie vorgesehen sind, sollen sie jetzt wieder einmal ausgehebelt werden. Das ist schon beim Biogasanlagenbauer MT Energie geschehen und beim Fahrradbauer Mifa. Dieses Vorgehen schadet dem Markt für Anleihen mittelständischer Emittenten immer mehr. Gerade Privatanleger, aber auch institutionelle Investoren müssen zunehmend davon ausgehen, dass die Versprechungen in Prospekten und Anleihebedingungen letztlich nichts wert sind.

          Callista begründet sein Ansinnen damit, dass trotz „operativ durchaus vielversprechender Perspektiven“ vor allem die aktuelle Struktur der Finanzierung ein Hemmnis sei, um die Zukunftsfähigkeit des Schiffs langfristig zu sichern. Die Schuld gibt der Eigentümer dabei zum einen der früheren Geschäftsführung um Christopher Nolde, der das Unternehmen zum 1. August „in beiderseitigem Einvernehmen“ verließ. „Unzureichende operative Weichenstellungen der Vergangenheit“ hätten dazu geführt, dass sich die Zukunftschancen noch nicht ausreichend in aktuellen Umsätzen manifestierten.

          Zum anderen wird indirekt auch der frühere Eigner Aurelius kritisiert. Nicht nur, dass Nolde von Aurelius eingesetzt worden war, auch die Anleihenemission ist von Aurelius mit initiiert worden. Und die Finanzschulden, hinsichtlich der Callista den hohen Schuldendienst von jährlich rund 3,4 Millionen Euro beklagt, bestehen fast ausschließlich aus der Anleihe. „Als die Anleihe 2012 begeben wurde, waren die Umsatzerwartungen andere. Die schwächere Entwicklung des Geschäfts war seinerzeit so nicht absehbar“, sagt Muschick. Callista will nach Medienberichten weiteres Eigenkapital zur Verfügung zu stellen.

          Aber an den operativen Perspektiven werden von außen immer wieder Zweifel geäußert. Das „Traumschiff“ sei zu alt, zu teuer nicht mehr en vogue, heißt es. Ende Juli hatte die MS Deutschland die Umsatzerwartungen gesenkt, weil die Akquisition von Neukunden nicht so erfolgreich verlaufen war wie erhofft. Dies wird von Beobachtern so interpretiert, dass das „Traumschiff“ für neue Kunden nur wenig attraktiv ist. Muschick dagegen betont, dass man 2014 wieder wachsen werde - nur eben nicht so stark wie ursprünglich erhofft.

          Vor gut zehn Tagen hatte die Rating-Agentur Feri hat die Bonitätsnote der Anleihe um drei Stufen von „BB-“ auf „B-“ herabgesetzt. Ursprünglich war die Anleihe einmal von der Agentur Scope mit der Note „A“ zehn Stufen besser bewertet worden. Scope hatte damit Ende 2012 eine gute bis befriedigende Bonität bescheinigt. Später hatte die Agentur die Note deutlich gesenkt und der MS Deutschland schließlich das Rating entzogen. Feri hatte die Anleihe von vornherein nur mit „BB-„ drei Stufen besser als derzeit bewertet. Bei der aktuellen Bewertung gilt die Bonität nur noch als mangelhaft. Feri hat eine weitere Herabstufung schon in Aussicht gestellt.

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