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Privatplazierung : Mittelständler entdecken Schuldscheinmarkt

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Die Halloren Schokoladenfabrik hat vor kurzem einen Schuldschein über 23,5 Millionen Euro begeben. Bild: Halloren

Neuerdings entdecken auch kleinere Mittelständler den Schuldschein für sich. Aber nicht für jedes Unternehmen ist dieses Instrument geeignet.

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          Weniger aufwendig als eine Anleihe, andere Investoren als bei einem klassischen Kredit – spätestens seit dem Rekordjahr 2008 ist der Schuldschein bei Finanzchefs von Unternehmen beliebt. Auch in diesem Jahr haben zahlreiche Emittenten aus unterschiedlichen Branchen den Schuldscheinmarkt angezapft. Erst vor kurzem hat die Halloren Schokoladenfabrik einen Schuldschein über 23,5 Millionen Euro platziert. Das Darlehen gliedert sich in eine dreijährige und in eine fünfjährige Tranche, die beide variabel verzinst werden. Mit dem Emissionserlös will Deutschlands älteste Schokoladenfabrik die in den Jahren 2009 und 2012 begebenen Anleihen in Höhe von insgesamt 20 Millionen Euro vollständig ablösen. Die Equinet Bank hat die Emission als Sole Lead Arranger begleitet.

          Schuldscheinemissionen von Unternehmen in Miliarden Euro
          2011 2012 2013 1. Hj 2014
          Begebeungen 9,7 12,1 9,0 3,8
          Tilgungen 8,3 8,3 15,9 4,0
          Ausstehendes Marktvolumen 68,6 72,4 65,5 65,3
          Quelle: Capmarcon

          Die Halloren Schokoladenfabrik ist ein bekanntes deutsches mittelständisches Unternehmen, aber auch unbekanntere Firmen entdecken den Schuldscheinmarkt als neue Refinanzierungsquelle für sich. Zum Beispiel hat der ITK-Dienstleister QSC aus Köln in diesem Frühjahr erstmals in der Unternehmensgeschichte einen Schuldschein platziert. „Ursprünglich wollten wir nur 50 bis 100 Millionen Euro einsammeln“, sagt Finanzchefin Barbara Stolz. Aufgrund der starken Nachfrage konnte QSC das Emissionsvolumen aber auf 150 Millionen Euro erhöhen. Eine derart hohe Überzeichnung ist für einen Debütemittenten enorm, aber Investoren suchen gerade händeringend nach Anlagemöglichkeiten.

          Schlanke Dokumentation und überschaubarer Plazierungsaufwand

          Neben dem Schuldschein hat die QSC-Finanzchefin auch noch andere Finanzierungsinstrumente wie eine Mittelstandsanleihe oder einen Konsortialkredit geprüft. Doch der Schuldschein war für Barbara Stolz wegen des geringen Dokumentationsaufwands und der günstigen Zinskosten unschlagbar. Auch für große Mittelständler spielt das Thema Kosten eine entscheidende Rolle bei der Wahl des Schuldscheins. „Eine Anleihe wäre für uns deutlich teurer und aufwendiger gewesen“, bestätigt Finanzexpertin Ilka-Patricia Bernhart von den Sana Kliniken, die 2013 rund 2 Milliarden Euro erlösten – viermal so viel wie QSC. Sana hat in diesem Sommer einen Schuldschein über 300 Millionen Euro plaziert.

          Der Flughafenbetreiber Fraport hat sich Ende Oktober ebenfalls unter anderem aus Kostengründen für einen Schuldschein entschieden. Denn das neue Darlehen über 350 Millionen Euro wird mit 1,436 Prozent verzinst und ist damit aus Sicht von Fraport günstiger als eine vergleichbare Anleihe. Der Risikoaufschlag von 0,7 Prozent über dem Referenzzinssatz lag Unternehmensangaben zufolge deutlich unter dem Aufschlag der vorangegangenen Emission im Jahr 2012.

          Hinzukommt, dass eine Schuldscheinplatzierung im Vergleich zu einer Anleiheemission weniger aufwendig ist. „Der Platzierungsaufwand ist beim Schuldschein sehr überschaubar“, sagt Stefan Land, Finanzchef des SAP-Komplettdienstleisters All for One Steeb. „Da es sich um lauter einzelne Schuldscheindarlehen handelt, lassen sich die Rückzahlungszeitpunkte auch gut tranchieren, im Einklang mit der Unternehmensplanung.“ Der Aufwand für die laufende Betreuung sei zudem deutlich geringer als beim Konsortialkredit oder bei einer Anleihe.

          Auch die Berichtspflichten halten sich beim Schuldschein in Grenzen, Emittenten benötigen kein externes Rating, müssen keine Sicherheiten stellen und auch keine Stimmrechte oder Unternehmensanteile abgeben.

          Schuldschein nicht für jedes Unternehmen geeignet

          Dennoch kann nicht jedes Unternehmen einen Schuldschein emittieren. Beispielsweise sollte die implizite Bonität des Schuldners nicht schlechter sein als ein BB-Rating nach S&P, sagt Equinet. Darüberhinaus sollte dem Kreditinstitut zufolge unter anderem die Eigenkapitalquote idealerweise höher als 20 Prozent und die operative Gewinnmarge (Ebit) über 7 Prozent liegen. Die Nettofinanzschulden im Verhältnis zum Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) sollten hingegen weniger als 3,5x betragen. Das bedeutet für die Emittenten, dass sie im Investmentgrade-Bereich oder zumindest in der Nähe davon liegen und ein stabiles Geschäftsmodell haben sollten, wenn sie einen Schuldschein emittieren wollen.

          Was ist ein Schuldschein?

          Der Schuldschein steht mit seinen Anforderungen und Regelungen zwischen dem klassischen Bankkredit und einer Unternehmensanleihe. Im Gegensatz zu den Unternehmensanleihen handelt es sich beim Schuldschein nicht um ein klassisches Wertpapier, das an der Börse gehandelt werden kann. Deshalb besteht keine Prospektpflicht und auch keine Prospekthaftung. Die Bank kann die Schuldscheine aber an ausgewählte Investoren weiterreichen. Vielmehr ist der Schuldschein eine bilaterale Kreditvereinbarung, die zwischen dem Emittenten und den jeweiligen Investoren geschlossen wird.

          Das Emissionsvolumen startet in der Regel bei etwa 20 Millionen Euro. Es werden inzwischen aber auch Schuldscheine mit einem Emissionsvolumen von rund 10 Millionen Euro angeboten. Formell gibt es keine Untergrenze.

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