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Finanzierung : Crowdfunding drängt in den Mittelstand

Wenn der Schwarm finanziert, können auch Millionensummen zustande kommen – eine neue Chance für den Mittelstand? Bild: Thinkstock

Lange Zeit war Crowdfunding nur eine Finanzierung für kleine Start-Ups. Doch inzwischen werden Millionen eingesammelt. Mittelständlern eröffnet das ganz neue Perspektiven.

          Crowdfunding wird erwachsen: Immer größer werden die Beträge, die über den Schwarm eingesammelt werden, immer professioneller präsentieren sich die Plattformen, die Kapitalsuchende und Kleininvestoren zusammenbringen. Vor allem das Crowdinvesting als renditeorientierte Form des Crowdfundings (siehe Kasten), bei der Privatanleger Geld investieren und von zukünftigen Zahlungsströmen profitieren, hat in den vergangenen Jahren ein beachtliches Wachstum hingelegt, wenn auch von niedrigem Niveau aus: Konnte 2011 gerade mal insgesamt eine halbe Million Euro über Crowdinvesting eingesammelt werden, waren es 2013 schon 15 Millionen Euro, heißt es in einer kürzlich erschienenen Studie der Deutschen Bank.

          3 Millionen davon generierte die Crowdfunding-Plattform Bergfürst – und das mit nur einer einzigen Finanzierung, der des Start-Ups Urbanara, einem Online-Versender von Heimtextilien. Das Finanzierungsvolumen ist so hoch, dass es durchaus auch die Finanzierungsbedürfnisse von Mittelständlern befriedigen könnte. Und so stellt sich zunehmend die Frage: Könnte Crowdinvesting künftig auch eine echte Finanzierungsalternative für Mittelständler werden?

          Crowdfunding kostet Zeit und Geld

          „Auf jeden Fall“, behauptet Bergfürst-Chef Guido Sandler, „vor allem für Mittelständler, die auf der Suche nach Eigenkapital zum Zweck der Wachstumsfinanzierung sind“. Denn bei Bergfürst investieren die Anleger ihr Geld in Aktien, die dann auch über die Plattform gehandelt werden können – die bisher einzige Plattform in Deutschland, die Crowdinvesting mit Eigenkapital anbietet.

          Studienautor Christoph Laskawi von Deutsche Bank Research ist hingegen skeptisch: „Der Aufwand, den eine Finanzierung über Crowdinvesting macht, kann durchaus hoch sein“, warnt er. Neben den Gebühren, die Plattformen wie Bergfürst einziehen, müssen sie transparent auftreten, um die privaten Anleger von ihrem Konzept zu überzeugen. „Gerade mittelständische Unternehmen könnten die Veröffentlichung der eigenen Daten kritisch sehen. Für sie ist es häufig attraktiver, einen Kredit bei der Hausbank, mit der seit Jahren Geschäftsbeziehungen bestehen, aufzunehmen“, so Laskawi.

          Mittelständlern fehlt es an Charme

          Hinzu kommt: Die Kampagne über eine Crowdinvesting-Plattform frisst auch eine Menge Zeit. Es muss ein Video gedreht werden, außerdem Informationen für private Anleger aufbereitet und Kontakte gepflegt werden. Ben Esser, Chef von Urbanara, sieht gerade darin einen Vorteil. Der enge Kontakt zu den Geldgebern könne ein effektives Marketingwerkzeug sein: „Uns gefiel der Gedanke, dass Investoren nicht nur Geldgeber sind, sondern durch das Crowdinvesting zu Fans der Markt Urbanara und so auch zu Multiplikatoren werden“, sagt Esser.

          Doch Urbanara ist eben kein Mittelstandsunternehmen, sondern ein Start-Up. Und das kann den entscheidenden Unterschied ausmachen: „Start-Ups reizen Investoren oftmals auch durch innovative Geschäftsmodelle und die Möglichkeit, Teil von etwas Neuem zu sein“, glaubt Studienautor Laskawi. Diese Aspekte fielen bei einem etablierten Mittelständler weg. Bergfürst-Chef Sandler hält dagegen: „Wir stehen regelmäßig mit unseren 9.200 Investoren in Kontakt und unsere Befragungen zeigen: Investoren haben sehr wohl Interesse an der Wachstumsfinanzierung mittelständischer Unternehmen“.

          Doch genau diese Investoren sind es, die möglicherweise blauäugig an die ganze Sache herangehen, denn dass die Euphorie das Risikobewusstsein trübt, ist auch ein Ergebnis der Studie. Die Anleger sind nicht professionell, können die Chancen und Risiken nicht adäquat bewerten. Gleichzeitig werden Entscheidungen beim Crowdinvesting in äußerst kurzer Zeit getroffen, denn ein Klick ist schnell gemacht. Der bisherige Rekord: Das Start-Up Secucloud sammelte bei der Plattform Seedmatch in nur 38 Minuten 50.000 Euro ein.

          Zwar sind bislang nur sieben Unternehmen, die sich über die Crowd finanziert haben, insolvent geworden, mithin also 6 Prozent. Doch die Geschichte der meisten ist noch sehr jung, jedes dritte junge Unternehmen scheitert binnen der ersten vier Geschäftsjahre. Das dicke Ende kann also noch kommen. Erst wenn das ausbleibt, ist der Crowdfunding-Markt auch reif für kapitalsuchende Mittelständler.

          Crowdfunding ist nicht gleich Crowdfunding

          Crowdfunding basierend auf Spenden: Unternehmen werben um Spenden bei der Crowd, Spender erhalten keine Gegenleistung. Diese Variante wird oft zum Finanzierung von wohltätigen Vorhaben genutzt.

          Crowdfunding basierend auf Gegenleistung: Unternehmen werben um Finanzmittel, im Gegenzug erhalten Geldgeber nicht-monetäre Leistungen, zum Beispiel Kinokarten für einen finanzierten Film.

          Crowdlending: Kreditbasiertes Crowdfunding, bei die Crowd finanzielle Mittel leiht, die sie verzinst zurückerhält. Es besteht ein Ausfallrisiko. Crowdleding kann unter die Aufsicht der Bafin fallen.

          Crowdinvesting: Renditeorientiertes Crowdfunding, bei dem Investoren an den künftigen Geldzuflüssen des Unternehmens profitieren. Die Investition kann durch Eigenkapitalbeteiligungen oder eine Mischung aus Eigen- und Fremdkapital (Mezzanine) erfolgen. Crowdinvesting kann unter die Aufsicht der Bafin fallen.

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