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Volks- und Raiffeisenbanken : Genossenschaftliche Banken erwarten steilen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen

  • -Aktualisiert am

BVR-Präsidentin Marija Kolak Bild: BVR

Fast 100.000 Privat- und Firmenkredite von genossenschaftliche Banken befinden sich in Stundung. Die Risiken seien aber zum größten Teil mit Immobilien gesichert.

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          Die genossenschaftlichen Banken bekommen die Folgen der Corona-Krise zu spüren, weil viele ihrer Kunden Kredite vorerst nicht wie geplant zurückzahlen können. Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) rechnet zudem trotz weitreichender staatlicher Konjunkturstützen und Hilfen für krisengeplagte Unternehmen mit einer stark steigenden Zahlungsunfähigkeit von Unternehmen.

          Mark Fehr

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen dürfte 2020 um rund 20 Prozent steigen“, sagte BVR-Präsidentin Marija Kolak am Mittwoch auf der Pressekonferenz zum konsolidierten Jahresabschluss der genossenschaftlichen Finanzgruppe. Das Ausgangsniveau sei allerdings im langjährigen Vergleich niedrig.

          Zur genossenschaftlichen Finanzgruppe gehören neben den etwa 800 lokalen Volks- und Raiffeisenbanken unter anderem deren Zentralinstitut DZ Bank sowie der Fondsanbieter Union Investment, die Bausparkasse Schwäbisch Hall und das Versicherungsunternehmen R+V.

          Erlaubnis für Stundungen abgelaufen

          Der Verband schätzt die Gefahr von Kreditausfällen für die Finanzgruppe als beherrschbar ein. Laut BVR-Vorstandsmitglied Gerhard Hofmann befinden sich aktuell knapp 98.700 Kreditkonten in Stundung – dies sei ein Drittel weniger als auf dem Höhepunkt im März und April. Grund für den Rückgang sei, dass die staatliche Ausnahmegenehmigung für von Corona betroffene Darlehensnehmer zum 30. Juni ausgelaufen sei. Dieses Moratorium erlaubte Schuldnern, die Rückzahlung ihrer vor dem 1. Juli fälligen Verbindlichkeiten vorübergehend zu stoppen, um sich finanziell Luft zu verschaffen.

          Bei einer Kreditstundung ist die Zahlung von Zins und Tilgung vorübergehend ausgesetzt. Die aktuell gestundeten Kredite des BVR haben laut Hofmann ein Volumen von 15,7 Milliarden Euro, was 2,7 Prozent des gesamten Kreditvolumens ausmache. Dabei sei der Großteil dieser Forderungen (96 Prozent) mit Immobilien gesichert. Angesichts des nach wie vor teuren Immobilienmarktes dürfte dies Banken einen starken Schutz bieten.

          Geldhäuser melden die gestundeten Kredite wöchentlich der Aufsicht. Im Einzelnen entfallen bei BVR-Banken zum 3. Juli 58.522 Stundungen auf private Schuldner, was einem Volumen von 7 Milliarden Euro und einem Anteil von 1,9 Prozent in diesem Kundensegment entspricht. Gewerbliche Kreditnehmer machten in 40.156 Fällen davon Gebrauch, was einem Volumen von 8,6 Milliarden Euro und einem Segmentanteil von 3,9 Prozent entspricht.

          Kreditstundungen waren zuletzt durch ein Interview des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank in den Blick geraten. Karl von Rohr sprach darin von 70.000 Privatkunden seines Instituts und der zum Konzern gehörenden Postbank, die eine Aussetzung von Tilgungen und Zinszahlungen beantragt hätten (F.A.Z. vom 13. Juli). Die Finanzgruppe der Sparkassen nannte eine Zahl von 189.000 gestundeten Verbraucherkrediten per Anfang Juli. Die Targobank verzeichnete 47.000 Stundungsanfragen von Privat- und Firmenkunden und die Commerzbank 33.000 Stundungen.

          Die Kunden von Volks- und Raiffeisenbanken haben laut BVR wegen der Corona-Krise zudem deutlich mehr Finanzierungen in Anspruch genommen. In den Monaten März bis Juni stiegen die monatlichen Zuwächse der Darlehensbestände von Privat- und Firmenkunden der Genossenschaftsbanken um 40 Prozent gegenüber den Monaten vor Corona. Insgesamt haben die genossenschaftlichen Banken demnach seit Anfang März 17 Milliarden Euro mehr Darlehen vergeben. Die Kreditbestände betrugen Ende Juni 647 Milliarden Euro. Insbesondere die Nachfrage nach privaten Baufinanzierungen wird nach Einschätzung des BVR wegen der niedrigen Zinsen hoch bleiben.

          Kommt eine Bankenkrise?

          Ökonomen des Wirtschaftsforschungsinstituts IWH sehen kleinere und regionale Banken wie Volks- und Raiffeisenbanken oder Sparkassen als von der Corona-Krise besonders betroffen, da diese Kreditinstitute stark in kleineren und damit krisenanfälligeren Unternehmen engagiert seien. Zudem zählten zu den Kunden zahlreiche Gesellschaften aus besonders heftig getroffenen Branchen wie dem Einzelhandel oder dem Gastgewerbe. IWH-Präsident Reint Gropp hält daher eine Bankenkrise selbst für den Fall für wahrscheinlich, dass es für die deutsche Wirtschaft insgesamt sehr gut laufe.

          Der BVR hat die IWH-Studie zur Kenntnis genommen, und bezeichnet sie als Szenarioanalyse, die in der Wissenschaft bisher kein großes Echo gefunden habe. Die steigende Risikovorsorge für das klassische Kreditgeschäft ist im Jahresabschluss der genossenschaftlichen Finanzgruppe aber nicht zu übersehen. Es handele es sich jedoch vorwiegend um von Rechnungslegungsregeln erzwungene pauschale Wertberichtigungen, heißt es.

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