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Bundesbankpräsident Weidmann : „Den Unmut der Sparer kann ich gut verstehen“

Jens Weidmann, Präsident der Bundesbank, während des Gesprächs mit der F.A.S. in Frankfurt Bild: Frank Röth

Er gilt als möglicher kommender EZB-Präsident und großer Kritiker der aktuellen Geldpolitik. Im F.A.S.-Gespräch erklärt Jens Weidmann, warum es die Sparer im Moment so schwer haben. Und was die hohen Target-Salden wirklich bedeuten.

          Herr Weidmann, in Deutschland gab es seit den 1970er Jahren wirtschaftlich drei große Phasen: Der großen Inflation folgte die große Moderation, die vor zehn Jahren von einer großen Rezession abgelöst wurde. Welche Zeit ist Ihnen die liebste?

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am liebsten lebe ich im Hier und Jetzt. Ökonomisch war jede dieser Phasen auf ihre Art herausfordernd.

          Hat die heutige Zeit schon ein Label?

          Klar ist jedenfalls: Die Rezession ist längst überwunden. Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer Hochkonjunktur. Die Arbeitslosigkeit ist auf einem Tiefstand, und die Erwerbstätigkeit nimmt immer weiter zu. Auch der Euroraum erlebt inzwischen einen breiten Aufschwung und sinkende Arbeitslosigkeit.

          Dann ist ja alles paletti.

          Leider nicht. Denn die gute Konjunktur und das niedrige Zinsniveau verdecken, dass die Staatsverschuldung in vielen Ländern noch immer zu hoch ist, zu viele notleidende Kredite Bankbilanzen belasten. Das Trendwachstum bleibt schwach, und in manchen Ländern Europas ist die Arbeitslosigkeit nach wie vor zu hoch. Es gibt also etliche offene Baustellen.

          Stünden wir heute wieder vor einer Krise wie im Sommer 2008, würden wir die Gefahr eher bemerken als damals?

          Krisen zu prognostizieren ist heute nicht einfacher als damals. Im Zweifel würden uns andere Risiken überraschen. Der entscheidende Punkt ist: Wir brauchen widerstandsfähige Volkswirtschaften und Finanzsysteme. Dann können wir auch mit unerwarteten Verwerfungen besser fertig werden.

          Jens Weidmann in seinem Büro in Frankfurt

          Im September sind es zehn Jahre her seit der Lehman-Pleite, dem Höhepunkt der Finanzkrise. Wissen wir heute wirklich, was damals schieflief?

          Beim Entstehen der Krise wirkte ein ganzes Bündel an Faktoren zusammen. Die eine, einfache Erklärung gibt es nicht. Es gab Übertreibungen, Regulierungslücken und Fehlanreize im Finanzsystem. Risiken wurden falsch eingeschätzt und nicht adäquat bepreist. Epizentrum der Krise war der amerikanische Immobilienmarkt, doch die Schockwellen nach dem Platzen der dortigen Blase breiteten sich weltweit aus. Insgesamt war die Widerstandsfähigkeit der Systeme zu gering.

          Die Lehre daraus...

          ...ist vielschichtig: mehr Transparenz über Risiken, bei Fehlentwicklungen früher gegensteuern, die Widerstandsfähigkeit von Finanzsystemen, Volkswirtschaften und Staaten erhöhen – und nicht zuletzt die Eigenverantwortung glaubhaft stärken, so dass Anleger Risiken angemessen berücksichtigen oder gar nicht erst eingehen.

          Viele Banken, die vorher gute Gewinne gemacht haben, wurden damals vom Steuerzahler aus der Misere herausgepaukt. Die Lehman Bank aber schickte man 2008 in die Pleite. Aus heutiger Sicht ein Fehler?

          Die entscheidenden Fehler waren sicherlich im Vorfeld gemacht worden. Im Rückblick wäre es vielleicht besser gewesen, die Bank zu retten. Doch im Nachhinein ist man immer klüger. Und hätte man so die Krise verhindert, oder wäre dann ein anderer Dominostein zuerst gefallen? Die Lehre darf jedenfalls nicht sein, Marktmechanismen wie eine Pleite von Banken auszuschließen. Stattdessen muss dies künftig gefahrloser möglich sein.

          War Lehman der Höhepunkt der Krise?

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