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Bundesbankpräsident Weidmann : „Den Unmut der Sparer kann ich gut verstehen“

Von solchen hypothetischen Verlusten gehe ich nicht aus. Und wenn doch, dann verteilen sich Verluste letztlich auf alle Notenbanken des Eurosystems gemäß ihrem Kapitalanteil an der EZB. Das heißt, unser positiver Target-Saldo stellt hier kein besonderes Risiko dar. Ein Land mit ausgeglichenem Target-Saldo wäre nicht besser gestellt, weil sich die Verluste eben an den Kapitalanteilen orientieren.

Auf jeden Fall hätte ein Land wie Italien aber ein großes Drohpotential: „Wenn ihr uns Hilfe verweigert, treten wir aus dem Euro aus und bescheren euch hohe Verluste.“

Ich glaube kaum, dass ein Politiker, der die Interessen des eigenen Landes im Blick hat, eine solch abenteuerliche Vorstellung haben kann. Ein Euro-Austritt wäre aus meiner Sicht mit gravierenden Schäden insbesondere für das austretende Land verbunden, beispielsweise für dessen Sparer.

Ökonomen, die Target begrenzen wollen, wollen in Wirklichkeit den Euro totmachen?

Nein, und solche Unterstellungen sind auch nicht hilfreich. Noch mal: Wir sollten durchaus über Risiken der Geldpolitik diskutieren. Die Target-Salden können hierfür ein Indikator sein, müssen es aber nicht. Die Salden werden sinken, wenn bei einer Normalisierung der Geldpolitik die Zentralbankliquidität zurückgeführt wird und der private Kapitalmarkt wieder verstärkt für den Ausgleich zwischen den Banken sorgt.

Ist denn der Erhalt des Euros ein Ziel der Geldpolitik?

Das Mandat der Geldpolitik ist Preisstabilität im Euroraum. Das ist der spezifische und wesentliche Beitrag des Eurosystems für den Erhalt des Euro. Über die Zusammensetzung des Euroraums entscheidet die Politik auf der europäischen Ebene und in den Mitgliedstaaten. Und nur die Politik kann langfristig sicherstellen, dass sich die Mitgliedsländer wirtschaftlich so entwickeln, dass der Währungsraum als Stabilitätsunion funktioniert.

Sie selbst haben sich in den vergangenen Jahren bei wichtigen Weichenstellungen wie etwa dem Ankauf von Staatsanleihen gegen die Mehrheit des EZB-Rats gestellt. Wie fühlt man sich in solch einer Minderheitenposition?

Ich vertrete Positionen, weil ich von ihnen überzeugt bin. Und insofern sehe ich auch kontroverse Diskussionen nicht als Problem. Im Übrigen kann man auch aus einer Minderheitenposition heraus Einfluss auf einzelne Beschlüsse nehmen, wie etwa die Ausgestaltung des aktuellen Staatsanleihekaufprogramms. Außerdem trifft der EZB-Rat viele geldpolitische Entscheidungen im Konsens – die jüngste zum Beispiel.

Im kommenden Jahr endet die Amtszeit von Mario Draghi. Viele erwarten, dass Sie ihm nachfolgen werden. Die Südländer befürchten, sie kämen mit EZB-Präsident Weidmann erst recht unter das Diktat einer ultra-orthodoxen Geldpolitik.

Die EZB hat nur ein Ziel, nämlich Preisstabilität zu sichern. Unabhängig von der Person des Präsidenten müssen sich die Bürger im Euroraum darauf verlassen können.

Dieser Text ist Teil des Kompendiums „Supermacht China –Beherrscht Peking bald die Welt?“. Mehr Informationen zur gleichnamigen Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung finden Sie hier.

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