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F.A.Z.-Kongress 2022 : Bundesbankpräsident Nagel: „EZB muss handeln“

Hauptpanel mit dem Präsidenten der Deutschen Bundesbank Dr. Joachim Nagel und F.A.Z.-Herausgeber Gerald Braunberger Bild: Frank Röth

Der neue Bundesbankpräsident hebt auf dem F.A.Z.-Kongress hervor: Die außergewöhnlich hohe Inflation trifft gerade die Menschen mit mittlerem und kleinem Einkommen. Europas Notenbank müsse Amerikas Fed bald folgen.

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          Auch die Europäische Zentralbank darf nicht untätig bleiben – und muss der US-amerikanischen Notenbank Federal Reserve bald auf dem Weg einer Normalisierung der Geldpolitik folgen. Das hat Bundesbankpräsident Joachim Nagel am Freitag auf dem F.A.Z.-Kongress 2022 in Frankfurt im Gespräch mit F.A.Z.-Herausgeber Gerald Braunberger erklärt: „Wir müssen was tun.“

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zuvor am Freitagmorgen hatte schon der französische Notenbankchef François Villeroy de Galhau für Aufmerksamkeit gesorgt. Er hatte für ein Ende der Wertpapierkäufe der Notenbank im Juni plädiert und für die Anhebung des Einlagenzinssatzes der EZB bis zum Jahresende in den positiven Bereich. Das hatte augenblicklich den Wechselkurs des Euro hochgetrieben, von 1,0499 auf 1,0541 Dollar.

          Zweistellige Preissteigerungen in einzelnen Eurostaaten

          Nagel hob hervor, dass die Inflation im Euroraum, aber auch in Deutschland einen außergewöhnlich hohen Stand erreicht habe. Im April lag sie in Deutschland bei 7,4 Prozent, im Euroraum insgesamt bei 7,5 Prozent. In manchen Euroländern wie den baltischen Staaten, den Niederlanden und neuerdings auch der Slowakei ist die Inflationsrate sogar schon zweistellig. Der Bundesbankpräsident strich heraus, dass eine hohe Teuerung gerade die Menschen mit einem kleineren oder mittleren Budget hart treffe. „Aber das betrifft uns auch alle“, sagte Nagel. „Ich werde im Bekanntenkreis ständig darauf angesprochen.“

          Hinsichtlich des Zeitpunktes der ersten Zinserhöhung im Euroraum äußerte Nagel sich vorsichtig. Er halte nicht viel davon, darüber jetzt öffentlich zu spekulieren. Zuletzt hatten sogar Mitglieder des EZB-Direktoriums wie Isabel Schnabel und Vizepräsident Luis de Guindos gesagt, es sei zumindest möglich, dass die EZB im Juli den ersten Zinsschritt gehe. Nagel sagte, er freue sich, dass auch andere Mitglieder des EZB-Rates jetzt seine Position verträten, dass man gegen die hohe Inflation etwas tun müsse.

          EZB-Chefvolkswirt Philip Lane und EZB-Direktoriumsmitglied Fabio Panetta hatten gleichwohl auch auf die Unsicherheit über die weitere Entwicklung durch den Ukrainekrieg hingewiesen. „Der Krieg ist schwer prognostizierbar“, hatte Lane am Donnerstag gesagt. Nagel warnte, die Notenbank dürfe nicht zu lange warten: „Sonst wird der volkswirtschaftliche Preis zu hoch.“

          Wie geht es mit der Inflation weiter?

          Der Bundesbankpräsident äußerte Verständnis für die Sparer und ihren Wunsch, für ihr Erspartes bald wieder einen positiven Zins zu bekommen.Er deutete an, dass zumindest die Zeit der Negativzinsen von Seiten der Notenbank bald vorbei sein werde – die negativen Realzinsen aber, die für den Kaufkraftverlust der Ersparten nach Abzug der Inflation stehen, dürften noch eine Weile erhalten bleiben.

          Der Bundesbankpräsident meinte, selbst nach einem Ende des Ukrainekriegs werde nicht mehr alles so sein, wie es war. So könnte es beispielsweise zu einer gewissen Deglobalisierung kommen, auch dürften Unternehmen versuchen, Lieferketten weniger anfällig zu gestalten. Das sei mit Kosten verbunden, die Auswirkungen auf die Teuerung haben könnten. Auch die Transformation der Wirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit könnte Folgen für die Inflation haben. Untersuchungen der Bundesbank legten bis 2030 dadurch einen Beitrag von 0,3 bis 1,1 Prozentpunkte zur Inflation nahe. „Um so mehr müssen wir darauf achten, dass die Inflationsrate dort bleibt, wo wir sie haben wollen“, sagte Nagel. „Wir alle brauchen stabiles Geld.“ 

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