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Zäsur für das Bezahlen : Wer bar zahlt, wird teils schräg angeschaut

Selbst beim Bäcker wird jetzt oft bargeldlos gezahlt. Bild: dpa

Die Bundesbank berichtet von einem starken Schub für die Kartenzahlung – und erwartet den E-Euro in fünf Jahren. Verschwindet das Bargeld ganz langsam aus unserem Alltag?

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          Was ihn überrascht habe, sei der starke Widerstand gegen das Bezahlen mit dem Smartphone gewesen, sagt Bundesbankvorstand Burkhard Balz: „Das hätte ich so nicht vermutet.“ Eine Erkenntnis von vielen: Die Bundesbank hat jetzt in einem aufwendigen Verfahren mehr als 5000 Menschen in Deutschland für ein bis drei Tage ein sogenanntes Zahlungstagebuch ausfüllen lassen. Darin sollten sie genau aufzeichnen, was sie gekauft und wie sie es bezahlt haben. Zudem wurden sie online und per Telefon mit Fragen rund um ihre Einstellungen zum Bezahlen gelöchert. Und zwar zwischen August und Oktober 2020, also mitten in der Corona-Krise, aber nicht im Lockdown. Das alles hat die Bundesbank dann mit einer ähnlichen Befragung vor drei Jahren verglichen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es zeigte sich zunächst, was man vermutet hätte: Die Corona-Krise hat dem bargeldlosen Bezahlen einen kräftigen Schub gegeben. Von allen erfassten Zahlungen an der Ladenkasse, in der Freizeit, im Onlinehandel und bei weiteren Zahlungsanlässen wurden demnach 30 Prozent mit einer Karte getätigt. In der gleichen Abgrenzung waren es vor drei Jahren lediglich 21 Prozent gewesen. Gleichzeitig sank der Anteil der Barzahlungen von 74 auf 60 Prozent. In anderen Abgrenzungen fällt der Anteil der Kartenzahlung am Zahlungsverkehr sogar noch deutlich höher aus. „Vor einem Jahr konnte man bei unserem Bäcker noch nicht mit Karte zahlen“, erinnert sich Balz. „Heute wird man dort schräg angesehen, wenn man noch Münzen zusammenzählt, um seine Brötchen zu bezahlen.“

          Bundesbankvorstand Burkhard Balz erwartet den digitalen Euro in fünf Jahren: „Aber Sicherheit und Sorgfalt gehen vor Schnelligkeit.“
          Bundesbankvorstand Burkhard Balz erwartet den digitalen Euro in fünf Jahren: „Aber Sicherheit und Sorgfalt gehen vor Schnelligkeit.“ : Bild: Deutsche Bundesbank

          Einen besonderen Schub habe die Kartenzahlung in der Krise bekommen, weil sie die Möglichkeit des kontaktlosen Bezahlens biete, berichtet die Bundesbank. Immerhin 21 Prozent der Nutzer des kontaktlosen Bezahlens gaben an, erst in der Coronapandemie damit angefangen zu haben. Viele Leute sagten zudem, sie planten ihre Einkäufe jetzt stärker als früher – und kauften mehr auf einmal ein.

          Ohnehin ist in der Corona-Krise ein erheblicher Teil des Einkaufens ganz aufs Internet verlagert worden. 15 Prozent der Befragten gaben an, jetzt mindestens einmal die Woche im Netz einzukaufen, 33 Prozent, einmal im Monat. Dort dominierten als Bezahlformen den Beträgen nach die Kreditkarte (37 Prozent) vor Internetbezahlverfahren wie Paypal (33 Prozent) und Überweisungen und Lastschriften (27 Prozent). Insbesondere Neu-Kunden, die das Online-Shopping erst in der Krise so richtig entdeckt hätten, nutzten eher die Kreditkarte zum Bezahlen; Internetaffine dagegen tendenziell eher die verschiedenen speziellen Internetbezahlverfahren.

          „Wir erwarten nicht, dass sich diese Entwicklung nach der Corona-Krise wieder umkehren wird“, sagte Balz. Wenn die Menschen sich an die Bequemlichkeit der Kartenzahlung gewöhnt hätten, dürften sie dabei bleiben. Zumal viele in der Umfrage angaben, nicht nur aus hygienischen Gründen wegen der Pandemie mit Karte zu zahlen, sondern auch, weil es praktischer sei und schneller gehe.

          Diesmal keine Folge des „War on Cash“

          Kein „War on Cash“, kein Krieg von Banken und Kreditkartengesellschaften gegen das Bargeld verzeichnet also Erfolge im Zurückdrängen von Scheinen und Münzen im Zahlungsverkehr – sondern ganz praktische Erwägungen, verbunden mit den vielfältigen Besonderheiten des Geschäftslebens in einer Pandemie. Gleichzeitig wird Bargeld zur Wertaufbewahrung aber weiter stark nachgefragt.

          Hinsichtlich des Bezahlens mit dem Smartphone äußerten sich viele Leute in der Umfrage eher skeptisch – ähnlich wie gegenüber der Möglichkeit, in Zukunft ihr Girokonto bei einem der „Big Tech“-Konzerne wie Amazon, Apple, Facebook oder Google führen zu lassen. Das gilt für Ältere allerdings mehr als für Junge. Immerhin 13 Prozent sagten, sie hätten schon mal mit dem Smartphone bezahlt. Von den anderen sagten 70 Prozent, sie hätten dafür „keinen Bedarf“, 47 Prozent äußerten Sicherheitsbedenken. Balz erinnerte allerdings daran, dass in den 1980er Jahren vermutlich viele auch gesagt hätten, sie benötigten kein Handy, ohne dass dies den Siegeszug des Mobilfunks aufgehalten hätte.

          Recht gering war auch der Anteil der Menschen, die in der Praxis schon mal in Kontakt mit Bitcoin gekommen sind. 3 Prozent sagten, sie hätten schon mal Krypto-Token gekauft, weitere 3 Prozent gaben an, das zu erwägen. 80 Prozent sagten, sie könnten sich das nicht vorstellen.

          Die Bundesbank zeichnete das Bild einer Gesellschaft, die sich trotz aller Anhänglichkeit an das Bargeld immer stärker in Richtung elektronisches Bezahlen bewegt – die Corona-Krise übernimmt dabei nur die Rolle eines Beschleunigers.

          All das müsse man im Blick haben, wenn es jetzt darum gehe, die Zukunft eines digitalen Euro zu planen. „Ich teile die Einschätzung von EZB-Präsidentin Christine Lagarde, dass fünf Jahre ein realistischer Zeitraum sind, bis wann wir den digitalen Euro haben werden“, sagte Bundesbankvorstand Balz. Er selbst sei Mitglied in einer „High Level Taskforce“ der europäischen Notenbanken zu diesem Thema, die bis Mitte des Jahres ihre Empfehlung über das weitere Vorgehen abgeben wolle, berichtete Balz: „Ich teile allerdings auch die Einschätzung von Bundesbankpräsident Jens Weidmann, dass Sicherheit und Sorgfalt in dieser Frage vor Schnelligkeit gehen.“

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