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Inflationssorgen : Bund bekommt nun höhere Zinsen zu spüren

Muss deutlich mehr für Zinsen ausgeben: Bundesfinanzminister Christian Lindner Bild: dpa

Die Zinsausgaben im Bundeshaushalt steigen deutlich. Die neue zehnjährige Bundesanleihe wird mit dem höchsten Zinskupon seit dem Jahr 2014 ausgestattet.

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          Die durch die hohe Inflation ausgelöste Verkaufswelle an den Anleihemärkten erreicht nun den Bundeshaushalt in Form höherer Zinsausgaben. Und hier zeigt die Kurve steil nach oben: Für dieses Jahr plant Finanzminister Christian Lindner (FDP) mit Zinsausgaben von 16,3 Milliarden Euro und im kommenden Jahr mit 30 Milliarden Euro. Das ist deutlich mehr als in den beiden vorangegangenen Jahren: 2020 musste der Bund für Zinsen auf seine Schuldtitel 6,5 Milliarden Euro aufwenden und 2021 knapp 4 Milliarden Euro.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Zinswende bekommt auch die für die Schuldenverwaltung zuständige Finanzagentur in ihren Emissionsplanungen für das dritte Quartal zu spüren: Die neue zehnjährige Bundesanleihe wird am 6. Juli mit einem Zinskupon von 1,7 Prozent ausgestattet. So viel musste der Bund für den Referenztitel seit acht Jahren nicht mehr zahlen. Am Dienstag stellte Tammo Diemer, Geschäftsführer der Finanzagentur, die Emissionspläne für das dritte Quartal vor. Weiterhin sollen 106,5 Milliarden Euro am Kapitalmarkt platziert werden. Davon entfallen 53,5 Milliarden Euro auf Kapitalmarktpapiere, unter denen Bundesanleihen mit einer Laufzeit von mindestens zwei Jahren verstanden werden.

          Kurzfristige Geldmarktpapiere, also sogenannte Bubills mit einer Laufzeit von höchstens zwölf Monaten, sollen in einem Volumen von 53 Milliarden Euro begeben werden. Etwas geändert hat die Finanzagentur ihre Emissionsplanungen am langen Ende: Das Volumen der für den 10. August geplanten Aufstockung der 30-jährigen Bundesanleihe mit Fälligkeit im August 2048 wird um 0,5 Milliarden auf 1,5 Milliarden Euro erhöht. Darüber hinaus wird am 14. September nicht wie ursprünglich vorgesehen die 30-jährige Bundesanleihe mit Fälligkeit im August 2052 um 1,5 Milliarden Euro aufgestockt, sondern die 30-jährige Bundesanleihe mit Fälligkeit im Juli 2044 um eine Milliarde Euro. Schließlich wird im Eigenbestand des Bundes die inflationsindexierte Anleihe mit Fälligkeit im April 2046 zum 1. Juli um 0,5 Milliarden Euro aufgestockt, um eine eventuelle Nachfrage zusätzlich zu den regulären Auktionen flexibel bedienen zu können.

          Zufrieden mit Nachfrage

          Im ersten Halbjahr wird der Bund Anleihen über 224,75 Milliarden Euro platzieren. Bislang entfielen 205,25 Milliarden Euro auf 57 Auktionen. Von den restlichen 19,5 Milliarden Euro wurden 8 Milliarden Euro in Syndikatsverfahren verkauft, der Rest wird noch bis Ende Juni begeben. Im Syndikatsverfahren sprechen ausgewählte Banken Investoren gezielt an. Dieses Emissionsverfahren ist aber teurer als die Auktionen, weshalb die Finanzagentur diese Variante nur bei bestimmten Titeln wie zum Beispiel den grünen Bundesanleihen wählt. Diemer zeigte sich mit der Nachfrage im ersten Halbjahr zufrieden, auch wenn das Marktumfeld von großen Schwankungen geprägt gewesen sei.

          Die Verkaufswelle am Anleihemarkt verdeutlicht die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe: Mitte Dezember hatte diese noch bei minus 0,4 Prozent gelegen. Am vergangenen Donnerstag war sie bis auf 1,923 Prozent gestiegen. Am Dienstag notierte sie bei 1,74 Prozent. Der Kurs des als ausfallsicher geltenden Titels pendelt derzeit um 85 Prozent. Bei Fälligkeit würden die Anleger 100 Prozent erhalten. Am Anleihemarkt sorgen sinkende Kurse für steigende Renditen, während umgekehrt höhere Kurse die Renditen drücken.

          Rekordverluste am Anleihemarkt

          Professionelle Anleger sprechen schon von einem Crash, der sich seit Jahresanfang am Anleihemarkt abgespielt hat. Es war die schlechteste Entwicklung der als sicherer Hafen geltenden Staatsanleihen seit 1999. Auch Volker Schmidt, leitender Portfoliomanager beim Luxemburger Vermögensverwalter Ethenea, berichtete am Dienstag von Rekordverlusten. Europäische Anleihen mit Investment-Grade, also im investitionswürdigen Bereich (Ratings von mindestens „BBB-/Baa3“) haben nach seinen Angaben allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres durchschnittlich mehr als 13 Prozent verloren. Die Renditen zweijähriger US-Staatsanleihen hätten sich seit Jahresbeginn von 0,75 Prozent auf mehr als 3 Prozent sogar vervierfacht.

          Schmidt hält weitere Kursverluste und damit steigende Renditen für amerikanische und europäische Staatsanleihen bis Jahresende für möglich, auch wenn das Ausmaß der vergangenen Monate nicht mehr erreicht werden dürfte. Sorge bereitet der Europäischen Zentralbank (EZB) die deutlich höhere Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe Italiens. Diese ist in der vergangenen Woche auf mehr als 4 Prozent gestiegen, inzwischen aber auf 3,6 Prozent gesunken.

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