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Umfrage zur Notenbank : Bürger kritisieren EZB-Niedrigzinspolitik

Die EZB will mehr hören, was die Bürger über sie denken. Bild: dpa

Die Europäische Zentralbank will den Bürgern mehr zuhören. In einer Umfrage haben sich viele Befragte jetzt über die niedrigen Zinsen beklagt. Auch an der Messung der Inflation gab es Kritik.

          2 Min.

          Die Europäische Zentralbank (EZB) will den Bürger mehr zuhören. In einer Umfrage unter Menschen aus der Eurozone, die im Oktober vergangenen Jahres abgeschlossen wurde, gab es aber vor allem viel Kritik an der Niedrigzinspolitik der Notenbank. Das geht aus Ergebnissen des Programms „ECB Listens“ hervor, die von der Notenbank jetzt veröffentlicht wurden.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mehr als die Hälfte der Befragten äußerte Kritik an den niedrigen Zinsen. Nur in etwas mehr als zehn Prozent der Antworten wurden die Folgen der niedrigen Zinsen und der expansiven Geldpolitik positiv beurteilt.

          Die EZB hatte zur Bekämpfung der jahrelangen wirtschaftlichen Flaute im Euro-Raum ihre Leitzinsen immer tiefer gesenkt und Staatsanleihekäufe in Billionenhöhe aufgelegt. Der Einlagensatz liegt seit 2014 sogar im negativen Bereich - aktuell steht er bei minus 0,5 Prozent. Der Leitzins zur Versorgung der Institute mit Liquidität liegt seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. 

          Auch über steigende Preise und Inflation beklagten sich viele, etwa 45 Prozent sprachen von einer sinkenden Kaufkraft. Eigentlich wäre Stabilität des Preisniveaus wichtig, wird ein Umfrageteilnehmer aus Deutschland zitiert, „sonst verlieren entweder meine Ersparnisse an Wert oder mein Einkommen fällt niedriger aus.“ 

          Etwa ein Viertel der Befragten machte sich ausschließlich über Inflation Sorgen. Hyperinflation wurde als eine Befürchtung angesprochen. Weniger als 10 Prozent der Befragten machten sich hingegen Sorgen um Deflation, also dauerhaft sinkende Preise.

          Kritik an der Inflationsmessung

          Viele der Befragten äußerten zudem die Einschätzung, die Inflation werde falsch gemessen. Die Teuerung werde systematisch unterschätzt, die gewählten Messverfahren bildeten die wirklichen Preissteigerungen nicht ab. Insbesondere die Hauspreise, die nicht in der europäischen Messung der Inflationsrate auftauchen, wurden angesprochen. Die überwiegende Mehrheit der Befragten hielt diese Kosten für inflationsrelevant und viele gaben an, dass sie angemessener in den Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) aufgenommen werden sollten. Jüngere Befragte und Befragte aus den nördlichen EU-Mitgliedstaaten schienen über dieses Thema besonders besorgt zu sein.  

          Bürger kritisierten in der Umfrage laut EZB unter anderem, dass niedrige Renditen sie dazu zwingen würden, größere Anlagerisiken einzugehen wie beispielsweise in Aktien zu investieren. „Niedrige Zinsen zwingen mich dazu, risikoreicher anzulegen, als es in dieser Phase meines Lebens vernünftig wäre,“ habe etwa eine Antwort gelautet. Die geringen Erträge auf Spareinlagen seien ein häufig genannter Grund für die Kritik gewesen: „Was soll man mit Ersparnissen anfangen, wenn die Besteuerung höher ist als der Zinssatz?“, habe ein Befragter wissen wollen. In der Umfrage waren mehr als 40 Prozent der Teilnehmer mehr als 55 Jahre alt.

          Angst vor Spekulationsblasen

          Auch Verzerrungen an den Finanz- und Immobilienmärkten und die Angst vor Spekulationsblasen wurden laut EZB angesprochen. „Die Geldpolitik hat zu einer Immobilienblase geführt und Zombiefirmen und -banken am Leben erhalten,“ zitierte die Notenbank aus der Umfrage. Zudem verstärkten die tiefen Zinsen auch die Ungleichheit „in dem sie die Taschen derjenigen füllen, die bereits über Finanzvermögen verfügen“, habe eine Antwort gelautet.

          Laut EZB habe es nur wenige Antworten gegeben, in denen die Niedrigzinspolitik positiv bewertet wurde. Der am meisten genannte Grund sei, dass die lockere Geldpolitik zur wirtschaftlichen Stabilität im Euro-Raum und zur Erhöhung der Beschäftigung beitrage. „Niedrige Zinssätze waren für die Wirtschaft insgesamt von Vorteil. Noch wichtiger ist jedoch, dass die quantitative Lockerung die Wirtschaft stabilisiert hat“, zitierte die EZB.

          Die Notenbank hatte im Rahmen ihres großen Strategiechecks im Februar 2020 das Web-Portal „ECB Listens“ freigeschaltet. Bürger der Euro-Länder wurden aufgefordert, 13 Fragen zu beantworten. Themen waren unter anderem Preisstabilität, die Wirtschaftsentwicklung und die Kommunikation. Die Notenbank erhielt mehr als 3900 Antworten, die sie jetzt ausgewertet hat. 27 Prozent der Antworten kamen aus den Niederlanden, 25 Prozent aus Deutschland und zehn Prozent aus Frankreich.

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