https://www.faz.net/-gv6-48yf

Britische Aktien : Mit schwachen Pfunden wuchern

Bild: F.A.Z.

Die Briten lehnen den Euro ab. Sie wollen lieber eine schwache Währung. Doppelt gut für Anleger: Britische Aktien versprechen hohe Dividenden und Währungsgewinne.

          3 Min.

          Die Welt kann noch eine Weile mit dem Pfund rechnen. Das wird der britische Schatzkanzler Gordon Brown morgen wahrscheinlich der Welt verkünden. Großbritannien wird also vorerst nicht der Europäischen Währungsunion beitreten und damit seine Notenbank sowie seine Währung behalten.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Für den deutschen Anleger bedeutet dies zunächst, daß ihm weiterhin eine Alternative zu den drei großen Weltwährungen Dollar, Euro und Yen zur Verfügung steht. Wer das Anlagerisiko auf mehrere Währungen verteilen will, wird dies begrüßen. Zumal das Pfund Sterling derzeit eine Volkswirtschaft repräsentiert, die jedenfalls im europäischen Maßstab gut dasteht. Zudem wird das Pfund von einer Notenbank emittiert, die seit der Entlassung in die operationelle Unabhängigkeit 1997 einen guten Ruf genießt.

          Trotz einiger Kritik in jüngster Zeit ist sie weitgehend transparent geblieben und mit dem klaren Auftrag ausgestattet, das Inflationsziel der Regierung einzuhalten. Das Vertrauen, das ihr entgegengebracht wird, zeigt sich am klarsten in den niedrigen Zinsen für britische Regierungsanleihen. Diese unterscheiden sich kaum von ihren europäischen Gegenstücken. Investitionen in Fremdwährungs-Anlagen bringen freilich auch erhebliche Risiken mit sich.

          Das Pfund ist in jüngster Zeit gegenüber dem Euro deutlich schwächer geworden. Wer aber glaubt, daß dieser Prozeß bald beendet ist, der kann den britischen Markt durchaus als attraktiv ansehen. "Sterling könnte noch etwas fallen, doch ich glaube, es liegt jetzt ungefähr auf dem richtigen Niveau. Wie immer bei Währungen sind Risiken jedoch weiter da", sagt George Magnus, Volkswirt bei UBS Warburg in London.

          Das Pfund galt seit den späten neunziger Jahren gegenüber Mark und später dem Euro als überbewertet, hat aber in den vergangenen zwölf Monaten eine erhebliche Korrektur erfahren. Die Kursverluste gegenüber dem Euro bieten britischen Unternehmen eine Atempause im Exportgeschäft, nachdem sie etliche Jahre mit einem starken Pfund leben mußten. Weil fast 60 Prozent der britischen Exporte auf den europäischen Kontinent gehen, ist die Erleichterung nicht zu unterschätzen.

          Verglichen mit deutschen Firmen, die derzeit unter der Euro-Stärke leiden, macht dies britische Unternehmenswerte attraktiver. Nur sind Aktien zu meiden, deren Unternehmen stark vom Amerika-Geschäft abhängen. Denn ein Wermutstropfen ist die gleichzeitige Aufwertung des Pfundes gegenüber dem Dollar. Es notiert derzeit auf dem höchsten Stand seit dreieinhalb Jahren. Eine sichere, weil weniger schwankende Grundlage für Investitionen in britische Aktien ist indes die höhere Dividendenrendite. Britische Unternehmen honorieren traditionell das Engagement ihrer Anteilseigner höher als viele Konzerne aus anderen Ländern.

          Der Kursverfall hat zudem dafür gesorgt, daß man sich den Dividendenstrom für vergleichsweise wenig Geld sichern kann, auch wenn die Tiefstände der Kurse von Mitte März nicht mehr gelten. Eine durchschnittliche Dividendenrendite von 3,75 Prozent bietet derzeit der FTSE-100, verglichen mit 2,9 Prozent für den Dax, 2,35 Prozent für den spanischen Markt oder 2,74 Prozent für Frankreich. Der S&P-500 stellt nur 1,26 Prozent in Aussicht.

          Wenn man noch bedenkt, daß das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) britischer Aktien unter dem von Deutschland und Frankreich liegt, kann man Unternehmenstiteln aus Großbritannien durchaus gute Seiten abgewinnen. Wer auf kräftige Kursgewinne im Zuge einer erwarteten Erholung hofft, liegt jedoch auf den Britischen Inseln oft falsch. Der Hauptmarkt wird von Werten wie dem Öl-Riesen BP, dem Pharmakonzern Glaxo-Smithkline oder dem Getränkekonzern Diageo geprägt. Dies sind defensive Werte, die eher für die Krise als für den Aufschwung danach gut sind. Dennoch stehen jede Menge Ausnahmen mit ihren firmenspezifischen Besonderheiten zur Verfügung.

          In jüngster Zeit hoffen etliche Investoren auf einen Kursaufschwung beim Rüstungslieferanten BAE Systems, weil eine Fusion mit Boeing als möglich gilt. Vodafone führt weiterhin international die Riege der Mobilfunkbetreiber an, hat aber nur einen Teil seines Kursverlustes aufgeholt. Und bei einem anderen britischen Telekomwert, bei Cable&Wireless, gab es so viele Restrukturierungen und Sparrunden, daß jetzt eine Erholung als möglich erscheint.

          Vom Kauf britischer Staatsanleihen indes raten die meisten Analysten den Investoren aus dem Euro-Raum ab. Die 30jährige Anleihe aus Großbritannien rentiert nur mit 4,4 Prozent, also unter den 4,6 Prozent der Bundesanleihe. Bei den Zehnjahrespapieren liegen die Briten mit 4,1 gegenüber 3,7 Prozent zwar höher, doch dieser Abstand rechtfertige nicht das Währungsrisiko, meint etwa Stephen Bell, Chefökonom von Deutsche Bank Asset Management.

          Insgesamt gilt: Britische Aktien sind zur Beimischung ins Portfolio gut, auch wenn das Währungsrisiko bestehenbleibt. Oder gerade deshalb, weil das verlängerte Leben des Pfundes der britischen Volkswirtschaft die Flexibilität erhält, um sich von den Wirren des Kontinents abzuschotten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fernsehduell vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: Ministerpräsidentin Malu Dreyer (links), SWR-Chef Fritz Frey und CDU-Spitzenkandidat Christian Baldauf

          Dreyer und Baldauf im TV-Duell : Ziemlich bissige Kandidaten

          In rund einer Woche wählt Rheinland-Pfalz. Im Fernsehduell bringt Ministerpräsidentin Dreyer den CDU-Spitzenkandidaten Baldauf kurz in Erklärungsnot. Die Bilanz ihrer Regierung ist allerdings auch nicht perfekt.
          Ein Pilot winkt aus der Pilotenkabine eines Flugzeuges vom Typ Boeing 737 Max.

          Krisenjet : Erneuter Vorfall mit Boeing 737 Max

          Erst wenige Wochen ist die 737 Max nach mehreren Unfällen wieder für den Flugverkehr zugelassen. Nun kam es offenbar abermals zu einem technischen Problem, verletzt wurde allerdings niemand.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.