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Brexit-Folgen an der Börse : Wie stark wird das Beben?

Die Unruhe ist zurück an den Börsen. War das erst der Anfang? Bild: Getty

In ganz Europa brechen die Kurse massiv ein, weil die Briten die EU verlassen wollen. Selbst Japan meldet Verluste. Ist das die nächste große Finanzkrise?

          Die vielleicht kürzeste Nacht der Börsengeschichte endete mit einem Schock. Als am Freitagmorgen in aller Herrgottsfrühe das Ergebnis der spannendsten Abstimmung des Jahres bekanntwurde, saßen viele Banker in London und Frankfurt, in Paris und Amsterdam schon in ihren Büros und trauten ihren Augen nicht: Die Briten hatten es tatsächlich getan. Sie hatten für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Der Brexit war da – und die Banker in ihren Büros mit einem Mal hellwach.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Obwohl man sie vorsichtshalber oft schon für fünf oder sechs Uhr ins Office bestellt hatte, um noch vor Öffnung der europäischen Börsen auf die Brexit-Abstimmung reagieren zu können, hatte kaum jemand mit so einem Ausgang gerechnet. Die letzten Umfragen vor der Entscheidung sahen in den Tagen zuvor die Brexit-Gegner vorne. Ein teurer Trugschluss.

          Selbst Japan meldete Verluste

          In ganz Europa stürzten am Vormittag die Aktienmärkte in sich zusammen. Allen voran der Dax, der gleich zum Auftakt um zehn Prozent nachgab – zuletzt war es dazu während der Finanzkrise im Jahr 2008 gekommen. Sagenhafte 65 Milliarden Euro an Börsenwert büßten die Dax-Konzerne ein. Die restlichen Börsen Europas verloren in ähnlichem Maße, selbst das ferne Japan meldete Verluste. Und das britische Pfund? Es fiel noch in der Nacht im Verhältnis zum Dollar auf den niedrigsten Stand seit dem Jahr 1985. Nun war tatsächlich eingetreten, was George Soros, Anfang der 90er Jahre berühmt geworden durch eine spektakuläre Wette auf den Absturz der britischen Währung, kurz vor der Abstimmung vorausgesagt hatte: Dieses Mal würde der Wertverlust des Pfunds noch höher ausfallen.

          Die Unruhe ist zurück an den Börsen, und viele fragen sich jetzt: War das erst der Anfang? Stehen wir gerade am Beginn einer neuen Finanzkrise, die den Folgen der Lehman-Pleite im Jahr 2008 in nichts nachsteht? Wie viel Geld wird der Brexit noch vernichten?

          Wie immer an der Börse kann niemand die Antworten darauf mit hundertprozentiger Sicherheit wissen. Doch wer sich am Tag eins nach der Abstimmung unter Fondsmanagern, Vermögensverwaltern und anderen Investmentprofis umhört, kommt zu dem Ergebnis: Aller Voraussicht nach erleben wir gerade zwar nicht die nächste große Finanzkrise. Aber in den nächsten Wochen könnten die Börsen trotzdem ein ziemlich ungemütlicher Ort bleiben.

          „Ein starker Regenguss, der schon lange sichtbar war“

          Henning Gebhardt gehört zu denen, die am Freitagmorgen um sechs Uhr zur Krisensitzung ins Büro kamen. Gebhardt trägt als Leiter des weltweiten Aktienteams der Fondsgesellschaft DWS für Kundengelder in Höhe von mehr als 90 Milliarden Euro die Verantwortung. Gebhardt sieht keinen Grund zur Panik, Parallelen zur Finanzkrise kann er beim besten Willen nicht erkennen: „Es handelt sich nicht um ein plötzliches Gewitter, das niemand erwartet hat, sondern um einen starken Regenguss, der schon lange am Horizont sichtbar war.“

          Anders als die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers 2008 kam der Brexit nicht aus heiterem Himmel. Der Abstimmungstermin war seit Monaten bekannt, die Möglichkeit eines Austritts nie unwahrscheinlich. Jeder, der sich in irgendeiner Form mit Geldanlage beschäftigt, hatte genügend Zeit, sich darauf einzustellen. Auch steht (anders als bei Lehman) dieses Mal nicht der Zusammenhalt des weltweiten Finanzsystems in Frage, sondern es geht zunächst einmal nur um ein einzelnes Land – wenn auch um ein wichtiges.

          Warum aber gab es dann gleich am Freitagmorgen einen so ungeheuren Verkaufsdruck? Eine Erklärung geht so: Vor allem Hedgefonds, die oft wildere Wetten eingehen dürfen als ganz normale Investmentfonds, hätten in den Tagen vor der Entscheidung auf einen Verbleib Großbritanniens in der EU spekuliert. Und zwar mit viel Geld. Als sie am Freitagmorgen ihren Irrtum bemerkten und ihre Positionen auflösten, hat dies den Kursrutsch verstärkt.

          Aktienmärkte erholten sich ein wenig bis zum Abend

          Hinzu kommt, dass in den Tagen vor der Entscheidung viele Anleger womöglich einem „narrativen Trugschluss“ (narrative fallacy) aufsaßen, wie der Buchautor Nassim Taleb dies nennt. Soll heißen: Ihnen erschien die Story von der plötzlichen Mehrheit für einen Verbleib (vor allem verbreitet durch die Quoten der Buchmacher) so verheißungsvoll für die Aktienmärkte, dass man alles ausblendete, was dagegen sprach. Im Nachhinein eine totale Fehleinschätzung.

          Allerdings hätte man sich aus Anlegersicht noch einen deutlich schlimmeren Verlauf des Tages vorstellen können. Denn trotz des schaurigen Beginns hatten sich die Aktienmärkte bis zum Abend schon wieder ein wenig erholt. Der Dax notierte da bei rund 9557 Punkten – immer noch ein beachtliches Minus von fast sieben Prozent im Vergleich zum Vortag, aber wenigstens deutlich weniger als am Morgen. Auch die englische Notenbank gab leichte Entwarnung: Sie war bereit gewesen, im Notfall den Wechselkurs des Pfunds zu stützen. Dazu kam es nicht, bis zum Abend konnte das Pfund im Vergleich zum Dollar sogar wieder ein wenig zulegen.

          Alles halb so wild also? Leider nicht. Denn einflussreiche Marktakteure glauben nicht daran, dass Anleger schon morgen einfach wieder zur Tagesordnung übergehen können. So sagt beispielsweise Martin Lück, Chefstratege für Deutschland beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock: „Wir halten beim Dax einen Rückgang auf rund 8000 Punkte für möglich.“ Nun kann man sich fragen: Warum sollte es ausgerechnet den Dax so stark treffen? Schließlich waren es doch die Briten, die mit ihrer Entscheidung für Börsenturbulenzen gesorgt haben, und nicht die Deutschen.

          Ein Grund lautet: Der Dax zählt zu den am besten handelbaren Börsenbarometern der Welt. Viele ausländische Großanleger investieren in ihn über spezielle Wertpapiere wie den Dax-Future, die vor allem einen Vorteil haben: Wenn ihnen die Lage in Europa nicht mehr zusagt, können sie ihr Geld aus keinem Markt so schnell abziehen wie aus dem deutschen.

          Zweistellige Kursverluste für Europäische Banken

          Dass dies tatsächlich passieren kann, auch wenn es beim Brexit in allererster Linie um Großbritannien geht, ist gar nicht so unwahrscheinlich. Zwar gibt es Länder, mit denen Deutschland in noch engeren Wirtschaftsbeziehungen steht als mit dem Vereinigten Königreich, rund acht Prozent der deutschen Exporte gehen dorthin. Aber da Großbritannien nun erst einmal in vermutlich langwierigen Verhandlungen klären muss, wie es nach seinem Austritt in Zukunft mit den früheren EU-Partnern Handel treiben wird, könnte der Ausfall eines so wichtigen Mitspielers auch negative Folgen für das Wirtschaftswachstum im Euroraum haben. Die Dax-Firmen, die rund 70 Prozent ihrer Umsätze im Ausland erzielen, wären dann direkt betroffen.

          Selbst Pessimisten erwarten aber nicht, dass es dem Dax in den nächsten Wochen so ergehen wird wie Bankaktien: Europäische Banken mussten am Tag nach der Brexit-Abstimmung teilweise zweistellige Kursverluste hinnehmen, natürlich die britischen Banken, aber auch die Deutsche Bank – noch nie sind Europas Bankaktien an einem einzigen Tag so stark gefallen.

          Im Gegensatz zur Lehman-Krise ist es aber nicht so, dass sich die Banken heute gegenseitig misstrauen und die weltweiten Kapitalflüsse deswegen zum Erliegen kommen. Dieses Mal steht ein wesentlicher Teil ihres Geschäftsmodells in Frage: Bislang konnten die Banken von London aus Wertpapiere, Anteile an Investmentfonds und andere Finanzprodukte ohne zusätzliche Prüfung überall in der EU verkaufen. Dies wird in Zukunft so nicht mehr möglich sein. Auch könnte ihnen in London demnächst eine Menge Geschäft verlorengehen. Dies erklärt den Absturz der Aktie der Deutschen Bank, die einen hohen Anteil ihrer Erträge in Großbritannien erzielt. Teilweise verlor die Aktie um bis zu 15 Prozent.

          Brexit wird Börsen noch lange beschäftigen

          Jeden normalen Anleger packt angesichts solcher Zahlen eine tiefe innere Unruhe. Wäre es nicht besser, allen anderen zu folgen und jetzt auch Aktien zu verkaufen? Wenig spricht dafür. Denn auch wenn es demnächst noch einmal ungemütlich werden könnte, erscheint es sinnvoll, auf mittlere Sicht einer positiven Eigenschaft des Dax zu vertrauen: Weil die Dax-Konzerne in der ganzen Welt aktiv sind, zeigen sie sich meist auch relativ robust gegenüber Schwierigkeiten, die in einzelnen Weltregionen auftreten. Wer also noch nicht den Glauben daran verloren hat, dass die Weltwirtschaft auch in Zukunft wachsen wird, steht mit deutschen Aktien gar nicht schlecht da.

          DWS-Manager Henning Gebhardt jedenfalls ist überzeugt davon, dass sich bald Kaufgelegenheiten auftun werden: „Der Dax ist in Relation zu Amerikas Aktienindex S&P 500 so niedrig bewertet wie seit 30 Jahren nicht. Das ist ein attraktiver Rabatt, aus dem sich Chancen ergeben.“ Eine Option für Mutige.

          Business as usual allerdings werden auch Börsenkenner wie Gebhardt in den nächsten Wochen nicht betreiben können. Denn zumindest eine alte Börsenweisheit muss seit Freitag Morgen als überholt gelten: Politische Börsen haben kurze Beine, lautet sie. Dies stimmt seit der Abstimmung der Briten so nicht mehr. Sicher ist: Der Brexit und seine Auswirkungen werden die Börsen noch eine gehörige Zeit beschäftigen.

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