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Brexit-Folgen an der Börse : Wie stark wird das Beben?

Anders als die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers 2008 kam der Brexit nicht aus heiterem Himmel. Der Abstimmungstermin war seit Monaten bekannt, die Möglichkeit eines Austritts nie unwahrscheinlich. Jeder, der sich in irgendeiner Form mit Geldanlage beschäftigt, hatte genügend Zeit, sich darauf einzustellen. Auch steht (anders als bei Lehman) dieses Mal nicht der Zusammenhalt des weltweiten Finanzsystems in Frage, sondern es geht zunächst einmal nur um ein einzelnes Land – wenn auch um ein wichtiges.

Warum aber gab es dann gleich am Freitagmorgen einen so ungeheuren Verkaufsdruck? Eine Erklärung geht so: Vor allem Hedgefonds, die oft wildere Wetten eingehen dürfen als ganz normale Investmentfonds, hätten in den Tagen vor der Entscheidung auf einen Verbleib Großbritanniens in der EU spekuliert. Und zwar mit viel Geld. Als sie am Freitagmorgen ihren Irrtum bemerkten und ihre Positionen auflösten, hat dies den Kursrutsch verstärkt.

Aktienmärkte erholten sich ein wenig bis zum Abend

Hinzu kommt, dass in den Tagen vor der Entscheidung viele Anleger womöglich einem „narrativen Trugschluss“ (narrative fallacy) aufsaßen, wie der Buchautor Nassim Taleb dies nennt. Soll heißen: Ihnen erschien die Story von der plötzlichen Mehrheit für einen Verbleib (vor allem verbreitet durch die Quoten der Buchmacher) so verheißungsvoll für die Aktienmärkte, dass man alles ausblendete, was dagegen sprach. Im Nachhinein eine totale Fehleinschätzung.

Allerdings hätte man sich aus Anlegersicht noch einen deutlich schlimmeren Verlauf des Tages vorstellen können. Denn trotz des schaurigen Beginns hatten sich die Aktienmärkte bis zum Abend schon wieder ein wenig erholt. Der Dax notierte da bei rund 9557 Punkten – immer noch ein beachtliches Minus von fast sieben Prozent im Vergleich zum Vortag, aber wenigstens deutlich weniger als am Morgen. Auch die englische Notenbank gab leichte Entwarnung: Sie war bereit gewesen, im Notfall den Wechselkurs des Pfunds zu stützen. Dazu kam es nicht, bis zum Abend konnte das Pfund im Vergleich zum Dollar sogar wieder ein wenig zulegen.

Alles halb so wild also? Leider nicht. Denn einflussreiche Marktakteure glauben nicht daran, dass Anleger schon morgen einfach wieder zur Tagesordnung übergehen können. So sagt beispielsweise Martin Lück, Chefstratege für Deutschland beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock: „Wir halten beim Dax einen Rückgang auf rund 8000 Punkte für möglich.“ Nun kann man sich fragen: Warum sollte es ausgerechnet den Dax so stark treffen? Schließlich waren es doch die Briten, die mit ihrer Entscheidung für Börsenturbulenzen gesorgt haben, und nicht die Deutschen.

Ein Grund lautet: Der Dax zählt zu den am besten handelbaren Börsenbarometern der Welt. Viele ausländische Großanleger investieren in ihn über spezielle Wertpapiere wie den Dax-Future, die vor allem einen Vorteil haben: Wenn ihnen die Lage in Europa nicht mehr zusagt, können sie ihr Geld aus keinem Markt so schnell abziehen wie aus dem deutschen.

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