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Brief aus Wall Street : Martha und die Regeln

Martha Stewart wußte, daß Insiderhandel verboten ist. Was erklärt also ihr Verhalten? Es ist Gier in Kombination mit einer Art Größenwahn.

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          Der Prozeß und die Verurteilung von Martha Stewart hat die amerikanische Öffentlichkeit in einer Weise gefesselt wie kein anderer der zahlreichen Skandale an der Wall Street in den vergangenen Jahren. Die großen Fernsehsender haben am Freitag nachmittag sogar ihr Programm für die Nachricht vom Schuldspruch unterbrochen, was ansonsten nur Ereignissen vom Range einer Mondlandung zugestanden wird. Das liegt natürlich zum großen Teil an der Prominenz der Lifestyle-Unternehmerin. Denn im Vergleich zu den Bilanzskandalen bei Unternehmen wie Enron oder Worldcom nahmen sich ihre Vergehen wie eine Lappalie aus. Aber das Urteil hat dennoch große Bedeutung und ist für Privatanleger ein positives Signal. Es unterstreicht, daß für alle Marktteilnehmer die gleichen Regeln gelten müssen - und das ist die wichtigste Voraussetzung für einen funktionierenden Aktienmarkt.

          Norbert Kuls
          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Verurteilt wurde Stewart, weil sie Ermittlungen wegen fragwürdiger Aktienverkäufe mit falschen Aussagen behinderte. Mit dem Verkauf von Aktien vermied sie gerade mal 50 000 Dollar Verlust. Für eine vielfache Millionärin wie sie dürfte das kaum ein solches Risiko wert gewesen sein. Allein mit dem starken Aktienkursverfall ihres Unternehmens Martha Stewart Living Omnimedia nach Bekanntgabe des Urteils verlor Stewart über 180 Millionen Dollar.

          Gier und Größenwahn

          Stewart kannte zudem als frühere Aktienbrokerin die Regeln der Wall Street genau. Sie wußte, daß Insiderhandel verboten ist. Was erklärt also ein solches Verhalten? Es ist Gier in Kombination mit einer Art Größenwahn. Stewart schien überzeugt gewesen zu sein, daß normale Regeln für sie nicht mehr gelten. Diese Motive finden sich auch bei anderen Unternehmensskandalen, die derzeit amerikanische Gerichte beschäftigen. Die Manager von Skandalfirmen verhielten sich ähnlich. Allzu lange kamen sie damit auch durch, weil Verwaltungsräte ungenügend kontrollierten und die Analysten an der Wall Street ihnen zu Füßen lagen.

          Die Geschworenen haben Martha Stewart wieder auf den Boden geholt. Die Jury wollte die klare Botschaft senden, daß an der Wall Street die gleichen Regeln für alle gelten müssen. Das ist ihnen gelungen. Sie sprechen Kleinanlegern aus der Seele, die während der Baisse ihre Ersparnisse verloren haben. Für das trotz wieder steigender Kurse immer noch nicht völlig wiederhergestellte Vertrauen der Anleger ist das eine Linderung.

          Keine Impulse für die Börse

          Die derzeit insgesamt seitwärts tendierende Börse erhielt davon allerdings keine unmittelbaren Impulse. Im Wochenvergleich stieg der breiter gefaßte Aktienindex S&P 500 um ein Prozent. Der DowJones-Index verbuchte ein leichtes Plus von 0,1 Prozent. Der technologielastige Index der Computerbörse Nasdaq erholte sich von einem sechswöchigen Kursrückgang und schloß um 0,9 Prozent höher.

          Ob wachsendes Vertrauen in die Wall Street jetzt zum richtigen Zeitpunkt kommt, ist fraglich - zumindest nach Ansicht des legendären Investors Warren Buffett. In seinem immer mit Spannung erwarteten jährlichen Brief an die Aktionäre seiner Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway bezeichnete der zweitreichste Mann der Welt Aktien und festverzinsliche Papiere als überbewertet. Er finde es immer schwieriger, ausreichend niedrig bewertete Investments für das Berkshire-Portfolio zu finden. Er habe zudem einen "großen Fehler" gemacht, während der großen spekulativen Blase in den neunziger Jahren nicht einige der größeren Positionen zu verkaufen. Zumindest hat Buffett aber nicht den gleichen Fehler gemacht wie Martha Stewart und auf einen Insidertip reagiert. Aber das kann man sich bei dem integren Warren Buffett sowieso nicht vorstellen.

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