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Aktienmarkt : Brasilien verharrt im Börsentief

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Schlechte Stimmung an der Börse: Eine Dürre nach dem heißesten Sommer seit siebzig Jahren gefährdet die Ernte von Kaffee, Zuckerrohr und Mais Bild: Corbis

Schlechtere Absatzchancen in China und die Gefahr von Energieengpässen belasten brasilianische Aktien. Weniger als ein Fünftel konnte bisher in diesem Jahr zulegen.

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          Nach dem Karneval fängt das Jahr in Brasilien eigentlich erst richtig an, heißt es im Land am Zuckerhut. Die Hoffnung, dass nun auch eine Besserung am schwachen Aktienmarkt in Gang kommt, hält sich allerdings in Grenzen. „Wir sehen nichts, was darauf hindeutet, dass der Markt nach oben geht“, sagt Mario Mariante von dem Börsenhändler Planner Corretora. Nach dem schlechten Vorjahr hat der Leitindex der Börse von São Paulo (Bovespa) seit Jahresbeginn weitere 10,2 Prozent verloren, fast 2 Prozent allein seit Aschermittwoch. Damit gehört die Bovespa wie schon 2013 weiterhin zu den schwächsten Börsen des Globus.

          Neben der Krise in der Ukraine lasten Sorgen über eine mögliche Abschwächung der Konjunktur in China auf den Kursen brasilianischer Exportunternehmen. Dazu kommt die latente Gefahr einer Herabstufung der Bonität brasilianischer Staatsanleihen durch die Ratingagentur S&P. Zwar hat Finanzminister Guido Mantega gerade eine Kürzung der Staatsausgaben um 44 Milliarden Real (13,5 Milliarden Euro) angekündigt, um das Haushaltsdefizit einzudämmen. Doch die Umsetzung dieser Ankündigung werde im Wahljahr 2014 eine große Herausforderung sein, kommentierten Volkswirte der Bank JP Morgan.

          Möglicherweise könnte das sich abzeichnende Ende der Zinserhöhungen durch die Zentralbank mittelfristig zu einer Aufhellung der Stimmungslage führen. Nach drastischen Anhebungen des Leitzinses Selic um insgesamt 3,5 Prozentpunkte innerhalb eines Jahres rechnen die meisten Ökonomen mit lediglich noch einer weiteren Anhebung des Selic-Zinssatzes um 0,25 Punkte jetzt im April auf eine Rate von dann 11 Prozent.

          Vorsicht bei Rohstofftiteln

          Zudem hat das Wachstum des brasilianischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) im vierten Quartal 2013 die Erwartungen der Konjunkturexperten übertroffen. Im Gesamtjahr stieg das BIP um 2,3 Prozent. Für 2014 prognostizieren die von der Zentralbank regelmäßig befragten Ökonomen indes eine Verringerung des Wirtschaftswachstums auf 1,7 Prozent. Eine Dürre nach dem heißesten Sommer seit siebzig Jahren gefährdet die Ernte von zahlreichen Agrarprodukten wie Kaffee, Zuckerrohr und Mais. Starke Regenfälle im mittleren Westen Brasiliens erschweren jetzt die Sojaernte. Der von dem Forschungsinstitut Fundação Getúlio Vargas erhobene Index für die Zuversicht der Unternehmen ist seit Jahresbeginn rückläufig. Auch das Konsumentenvertrauen sinkt seit drei Monaten.

          Bovespa-Index seit einem Jahr

          Der erste Zahlungsausfall eines Unternehmens in China hat Ende letzter Woche die Sorgen über die Perspektiven auf dem wichtigsten Absatzmarkt für Brasiliens Rohstoffe weiter verstärkt. Vor allem Bergbau- und Stahlaktien gerieten unter Verkaufsdruck. Auch die Aktien von Energieversorgern werden abgestoßen. Die extreme Dürre in vielen Landesteilen hat die Stauseen der Wasserkraftwerke auf Minimalstände sinken lassen. Das zwingt Energieerzeuger dazu, von der billigen Wasserkraft, die normalerweise 80 Prozent des Strombedarfs liefert, auf teurere Energie aus Öl- und Gaskraftwerken umzuschalten. Die Gefahr, dass Maßnahmen zur Rationierung der Energielieferungen erforderlich werdend könnten, lastet auf der gesamten Wirtschaft. Die Wahrscheinlichkeit von Versorgungsengpässen wird vom Betreiber des nationalen Stromverbundsystems ONS auf etwa 25 Prozent geschätzt. Höhere Energiepreise könnten zudem die zuletzt wieder leicht gestiegene Inflation (5,7 Prozent) weiter antreiben.

          Ungeachtet der Skepsis über Wachstum und Inflation in Lateinamerikas größter Volkswirtschaft habe die Anziehungskraft Brasiliens auf ausländische Anleger zuletzt zugenommen, beobachtet die Bank of America Merrill Lynch. Gut die Hälfte des Börsenumsatzes in São Paulo entfiel im Februar auf Ausländer, die ihr Engagement an der Bovespa netto leicht um 274 Millionen Real (84 Millionen Euro) ausbauten. Die Strategen von Merrill Lynch empfehlen in Brasilien vor allem Banken und andere Finanztitel zum Kauf. Von Stahlaktien sollten Anleger dagegen die Finger lassen. Auch bei den beiden Schwergewichten der Bovespa, dem Bergbaukonzern Vale und der Ölgesellschaft Petrobras, rät die Bank zum Verkauf. Der führende Eisenerzexporteur Vale würde unter verringertem Wachstum in China leiden, die staatlich kontrollierte Petrobras darf gestiegene Kosten für Benzinimporte bisher nur teilweise in den Preisen weitergeben.

          Der Real ist überbewertet

          Brasilianische Aktienexperten raten zum Kauf von soliden Unternehmen, die sich durch eine Führungsposition in ihrem jeweiligen Markt auszeichnen. Favorisiert werden derzeit die größte private Bank Itaú Unibanco, der Getränkekonzern Ambev, das Versicherungsunternehmen BB Seguridade sowie die Super- und Verbrauchermarktkette Pão de Açúcar, ergab eine Umfrage der Wirtschaftszeitung „Valor Econômico“.

          Ausländische Anleger müssen berücksichtigen, dass der Real abermals unter Abwertungsdruck geraten könnte. In den ersten zwei Monaten des Jahres 2014 verzeichnete Brasiliens Außenhandel ein Rekorddefizit, der Fehlbetrag in der Leistungsbilanz liegt bei 3,7 Prozent des BIP. Bis zum Jahresende werde die brasilianische Währung gegenüber dem Dollar um mehr als 10 Prozent abwerten und einen Kurs von 2,60 Real je Dollar erreichen (zuletzt 2,35), prognostiziert die amerikanische Bank Morgan Stanley. Sie hält Brasiliens Währung weiterhin für „überbewertet“ und angesichts interner und externer Risiken für „verwundbar“. Die Konsensprognose brasilianischer Devisenmarktexperten liegt indes bei 2,43 Real je Dollar zum Jahresende 2014.

          Weniger als ein Fünftel der hundert wichtigsten Aktien an der Bovespa konnte im Jahr 2014 bisher Kurszuwächse erzielen. In den meisten Fällen waren Sondereffekte für die Kursgewinne verantwortlich. So profitierte der Online-Händler B2W von einer im Januar erfolgten Zusage des Mutterkonzerns Lojas Americanas, zusammen mit dem amerikanischen Investmentfonds Tiger für 2,4 Milliarden Real neue Aktien des Unternehmens zu 60 Prozent über dem damaligen Marktwert zu erwerben. Der Kurs der Aktie stieg um 48 Prozent. Die Aktie des Immobilienentwicklers Brookfield stieg um 28 Prozent, nachdem das Unternehmen Mitte Februar anbot, seine Aktien zu einem Aufschlag von 30 Prozent zurückzukaufen und von der Börse zu nehmen.

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