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Branchen-Analyse : Gesundheitsaktien offerieren Anlegern nicht nur bittere Pillen (Teil II)

  • -Aktualisiert am

Die Pharmaindustrie wartet mit Negativschlagzeilen auf. Preisdruck, Sparzwang und hohe Zulassungshürden drücken die Margen. Die Nebenwertespezialisten von Smartcaps schreiben, welche Gesundheitsaltienn dennoch lohnen (Teil II).

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          Börsianer streiten sich schon seit längerer Zeit, ob Biotechnologie- oder Pharmaaktien das bessere Investment im Gesundheitssektor sind. Schaut man sich die strukturellen Probleme der Arzneimittelhersteller an, neigt sich die Waagschale eindeutig zu Gunsten der Biotechs. Experten sind sich einig, daß die Biotech-Unternehmen innovativer sind und es immer besser verstehen, ihre neu entwickelten Medikamente zu hohen Preisen auf den Markt zu bringen.

          Die Medigene AG ist ein Paradebeispiel für diese Entwicklung. Als erste deutsche Biotechfirma überhaupt verfügt das Unternehmen über ein eigenes Medikament auf dem Markt. Medigene hat die am weitesten entwickelte Medikamenten-Pipeline der deutschen Biotechindustrie. Der Konzern aus der Nähe von München konzentriert sich auf neue Ansätze zur Behandlung von verschiedenen Krebs- und Tumorerkrankungen - ein Bereich, dem Experten einen großen medizinischen Bedarf und ein ebenso hohes wirtschaftliches Interesse beimessen.

          Die Neunmonatszahlen belegen das Potenzial des deutsch-amerikanischen Unternehmens. Nach dem dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres sind die Umsatzerlöse von MediGene um das Siebenfache auf 11,6 Millionen Euro angestiegen - im Vorjahreszeitraum belief sich der Umsatz auf 1,6 Millionen Euro. Mit solchen Werten nimmt sich Medigene neben Firmen wie Schwarz Pharma oder Stada als Winzling aus.

          Anleger auf der Suche nach wachstumsstarken Unternehmen

          Doch die rasante Wachstumsdynamik der kleinen Biotech-Schmiede läßt die Branchengrößen wachsam werden. Noch schreibt Medigene Verluste, will den Fehlbetrag in 2004 allerdings auf 15 Millionen Euro halbieren. Vor kurzem beschloß das Unternehmen eine weitere Kapitalerhöhung, um den Barmittelbestand um bis zu 21 Millionen Euro aufzustocken. Das Geld will Medigene in die Forschung und den Erwerb von Lizenzrechten stecken. Die Aktionäre zeigen sich von dieser Strategie durchaus angetan. Die Medigene-Aktie hat in den vergangenen drei Monaten um rund neun Prozent an Wert gewonnen und notiert stabil über der Sieben-Euro-Marke.

          Neben Arzneimittel- und Biotech-Firmen sind es auch die Pharmagroßhändler, die verstärkt in den Blick der Investoren geraten. Die Research-Abteilung der Deutschen Bank beispielsweise hat ausgerechnet, daß der Umsatz der Großhandelsbranche in 2002 um fast 14 Prozent gestiegen ist. Aufgrund der Sparzwänge werden solche Wachstumsraten im laufenden und kommenden Jahr wohl nicht mehr erreicht. Trotzdem halten die Experten der Deutschen Bank für die Branche langfristig ein durchschnittliches Wachstum von mehr als drei Prozent im Jahr für möglich. Zum Vergleich: Die gleiche Studie rechnet für den Pharma-Weltmarkt aufgrund der Sparzwänge in diesem Jahr mit einem Umsatzminus.

          BGH verhindert Aufstieg zum größten deutschen Pharma-Großhändler

          Auch die Großhandelssparte ist von Konsolidierung, Fusionen und Rationalisierung geprägt. So hat vor kurzem der größte europäische Pharma-Großhändler Celesio die Logistik-Tochter seines Konkurrenten Sanacorp AG gekauft und damit einen ersten Schritt zum geplanten Aufbau des Outsourcing-Geschäftes für Arzneimittelhersteller gemacht. Im Gegenzug tritt die Sanacorp Pharmahandel AG den Geschäftsbereich „Herstellerlogistik“ ab und konzentriert sich ganz auf ihr Kerngeschäft, den Pharma-Großhandel. Den würde das Unternehmen aus Planegg bei München gerne ausbauen - durch die Fusion mit dem Pharma-Großhändler Anzag.

          Sanacorp ist schon seit Jahren an der Mehrheit der Andreas-Noris Zahn AG (Anzag) interessiert. Bisher hält die Gesellschaft knapp 25 Prozent. Mit Hilfe einer vereinbarten Option soll diese Beteiligung auf knapp über 50 Prozent aufgestockt werden. Der Kartellsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) hat den Zusammenschluß im Juli allerdings untersagt. Durch den Zusammenschluß würde laut Branchenschätzungen der größte deutsche Pharmahändler entstehen. Die Wettbewerbshüter warnten davor, daß das neue Unternehmen so stark würde, daß es selbst finanzstarke Konkurrenten aus den jeweiligen Märkten fernhalten könnte.

          Doch Sanacorp gibt sich nicht geschlagen. Eine Sprecherin von Sanacorp sagte auf Anfrage von Smartcaps, daß das Unternehmen auch nach dem BGH-Urteil die Mehrheit an der Anzag weiterhin übernehmen wolle. „Wir werden an dem Vorhaben festhalten.“

          Unternehmensentwicklung hängt oft an politischen Entscheidungen

          Die Sanacorp AG ist mit einem Umsatzvolumen von 2,4 Milliarden Euro das viertgrößte Pharma-Großhandelsunternehmen in Deutschland und beschäftigt knapp 3.000 Mitarbeiter an 14 Standorten. Die Fusionspläne geben den Vorzugsaktien des Pharma-Großhandelsunternehmen mächtig Auftrieb: Binnen Jahresfrist haben die Sanacorp-Vorzüge um mehr als 60 Prozent an Wert gewonnen und notieren aktuell knapp unter der 23 Euro-Marke. Analysten betonen die hohe Profitabilität der Sanacorp - sie erwarten einen Gewinn je Aktie von rund 2,40 Euro für das laufende Jahr. Auch die Dividendenrendite von mehr als fünf Prozent gilt als äußerst attraktiv.

          Ob Großhändler, forschender Arzneimittelhersteller oder Biotech-Schmiede: Bei Betrachtung der Firmen rund um den Gesundheitsbereich zeigt sich wieder einmal die starke Abhängigkeit der Unternehmensentwicklung von politischen Entscheidungen. Das ist schade, denn politische Willkür verschleiert oft das wahre Potenzial der Small- und Mid Caps unter den Gesundheitsaktien. Bleibt zu wünschen, daß der Staat künftig weniger in das Geschehen auf dem Health-Care-Markt eingreift. Nur so können sich faire, an Fundamentaldaten orientierte Bewertungen durchsetzen.

          Langfristig winken ohnehin rosige Zeiten: Bei allem Wehklagen sollte man nicht vergessen, daß die Zeichen in der Gesundheitsbranche angesichts der demographischen Entwicklung und den verbleibenden Schwierigkeiten bei der Heilung schwerer Krankheiten weiterhin auf Wachstum stehen.

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