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Börsensprache : Lauter Imponiervokabeln

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Börsianer pflegen ihre eigene Sprache. Diese ist geprägt von Anglizismen. Damit alle mitreden können, sind die Medien gefragt.

          2 Min.

          Die “Broker“ waren lange “bullish“, das “Sentiment“ am “Market“ war gut. Tag für Tag gab es eine “Correction“ der “Estimates“ für die “Tradingrange“ des “Benchmark-Index“. Dann begann das “Tech-Bashing“, das “Selling-on-Figures“ und schließlich kam es zu “Downgrades“ verschiedener “Key-Player“. Der “Sell-Off“ führte zu neuen “Year-Lows“. Dort fand der Index einen starken “Support“, der hielt. Der Weg zum Durchbrechen aller “Resistances“ schien frei.

          Ginge es nach den Experten an der Börse, würde über die Märkte nur in dieser Form berichtet. Denn so reden viele Händler und Analysten. Für sie ist die Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft “MUV2“ und jedes Wort zuviel. Aber wie sollte über das Geschehen an Aktien- oder Rentenmärkten berichtet werden? Die Meinungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Prof. Dr. Walter Krämer sagt: “Ich muss mir den Mantel des polyglotten Kapitalmarktexperten nicht umhängen.“ Er ist Vorsitzender des “Vereins Deutsche Sprache“ und seit Jahren hartnäckiger Bekämpfer von Anglizismen. Einmal im Jahr verleiht der 1997 gegründete Verein, dem bislang über 10.000 Mitglieder beitraten, den Titel Sprachpanscher des Jahres.

          Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, Johannes Ludewig, und Ron Sommer, aktueller “Chief Executive“ der Deutschen Telekom AG (im übrigen nicht German Telecom AG), gehörten schon zu den prominenten Preisträgern. Den Verein störten unter anderem die “Service-Points“ und die “Moonshine-Tarife“.

          Kritik an Imponiervokabeln

          “Bei den Börsenfuzzis ist es noch schlimmer“, erklärt Krämer, “denn da werden lediglich Imponiervokabeln unters Volk gestreut.“ Grundsätzlich verwehrt sich der Lehrstuhlinhaber für Wirtschafts- und Sozialstatistik jedoch nicht gegen die englische Sprache. “In meinen Vorlesungen zur Kapitalmarkttheorie verwende ich zum Beispiel auch die Ausdrücke 'Put' und 'Call'. Es geht um einen Kompromiss zwischen Kürze und Prägnanz“, betont der Vereinsvorsitzende.

          Dr. Lutz Hagen, am Lehrstuhl für Kommunikations- und Politikwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg tätig, verweist darauf, dass die verwendete Sprache der Rezeptionssituation anzupassen sei. “Die Medien sind lediglich ein Echo der Gesellschaft, in der sich immer feinere Spezialsegmente bilden“, erklärt er. Vor allen Dingen durch die neuen Medien komme es zu einer verstärkten Fragmentierung.

          Internet mit negativem Einfluss

          Dass im Moment der anglo-amerikanische Sprachraum die Leitkultur sei, liege am stark wachsenden Internet, wo nun einmal Englisch dominiert. Im 18. Jahrhundert war das noch anders. Da dominierte Französisch. Worte, die heute benutzt werden und per Rechtschreibreform eingedeutscht wurden, stammen aus dieser Zeit. Bestes Beispiel: “Portemonnaie“ oder Neudeutsch eben Portmonee. “Die Sprache ist ein lebendes System“, führt Hagen aus. Er unterstreicht, dass sie ein Werkzeug ist, mit der etwas erreicht werden soll. “Letztlich geht es darum, die Bedürfnisse der Zielgruppe am besten zu befriedigen.“ Dabei komme es vor allem auf die Art des Mediums an, in welcher Form diese Befriedigung geschehen kann. Es ist nun einmal generell so, dass sich der Stil von Nachrichtenagenturen, Printmedien oder Hörfunk und Fernsehen grundsätzlich unterscheidet.

          Medien müssen zur einfachen Sprache beitragen

          Fachleute sollen ihren Jargon in ihren Kreisen ruhig beibehalten, aber in den Medien hätten Begriffe wie “bid-ask-spread“ einfach nichts verloren, betont Krämer. Er ist sich sicher, dass der Nimbus des Fortschrittlichen ohnehin bald nicht mehr existent sein wird und die Anglizismen der Vergangenheit angehören werden. Dann wird wieder über die Geld-Brief-Spanne geredet. “Und alle können sich wieder verstehen, da jeder nicht nur mit Spezialbegriffen um sich wirft“, kommt Hagen auf einen momentanen Kritikpunkt der Kommunikationswissenschaft am Wirtschaftsjournalismus zu sprechen. Alles hängt wohl auch davon ab, welchem “Trend“ die Medien folgen und ob sie bereit sind das “Denglisch“ - so der Spezialbegriff des Vereins Deutsche Sprache - ins Deutsche zu übersetzen. “Denn letztlich sind es die Medien, die unser Sprachbild maßgeblich prägen“, resümiert Hagen.

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