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Scherbaums Börse : Börsenindizes funktionieren oft wie ein Fahrstuhl

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Blick ins Detail: Die Charttechnik analysiert Muster in den Börsenkursen. Bild: dpa

Gibt es Länder, in denen sich Aktieninvestments besonders lohnen? Eine neue Studie bringt für die entwickelten Industrienationen ein erstaunliches Muster zu Tage. Es bestätigt eine altbekannte Börsenweisheit.

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          Am deutschen Aktienmarkt ist der Start in den Herbst schlecht verlaufen, die Aktienmärkte gehen verunsichert in das Jahresschlussquartal. Der Dax verliert abermals und notiert damit unter der 15.000er-Marke. Nimmt man die kurzfristige Charttechnik hinzu, so befindet sich das Börsenbarometer schon seit Anfang September in einem Abwärtstrend.

          Die Gründe für die Unsicherheit sind vielfältig: „Den Vereinigten Staaten droht wieder einmal der Sturz von der Fiskalklippe, und die Evergrande-Krise in China schwelt weiter. Steigende Energiepreise sorgen für Inflationsdruck, der Zinsängste der Notenbanken über angedrohte Liquiditätsdrosselungen schürt. Und das alles geschieht vor dem Hintergrund einer derzeit weniger dynamischen Weltwirtschaft“, so die Einschätzung von Robert Halver von der Baader Bank.

          In diesem Zusammenhang ist eine aktuelle Studie der Sutor Bank interessant. Diese hat sich mit den Aktienrenditen der größten entwickelten Märkte beschäftigt und diese miteinander verglichen. Gibt es bestimmte Länder, die sich für die Geldanlage besser eignen als andere? Untersucht wurden die Aktienrenditen auf Jahresbasis in den vergangenen 24 Jahren sowie auf Monatsbasis in den 24 Monaten von Januar 2019 bis Dezember 2020. Datenbasis der Studie ist die Indexfamilie MSCI net dividends in Dollar.

          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. : Bild: Christoph Scherbaum

          Auf Jahresbasis lässt sich laut der Studie bei nahezu jedem Länderindex ein „Fahrstuhl-Muster“ feststellen. Allein bei der Hälfte der 22 untersuchten Länderindizes liegen die einzelnen Länder mindestens einmal im untersuchten Zeitraum auf dem ersten sowie auf dem letzten Platz im Ranking. Die geringsten Ausschläge verzeichnet Frankreich. Der französische MSCI-Länderindex lag als höchste Platzierung im Länder-Ranking auf Platz fünf, als schlechteste Platzierung auf dem fünftletzten Platz.

          Deutschland hingegen muss sich als höchste Platzierung mit einem zweiten Platz zufrieden geben, lag aber auch einmal auf dem letzten Rang im Ländervergleich. Das Jahr 2008 mit der Finanzkrise ist besonders interessant: Hier reichte Japan ein Minus von 25,4 Prozent, um den ersten Platz im Ländervergleich zu kommen.

          Wer meint, dass es beim Ausmaß der Schwankungen auf die Anzahl der Werte ankommt, die in einem Länderindex vertreten sind, der liegt falsch. Die Studie zeigt es am Beispiel Dänemark und Amerika auf.

          Im MSCI Dänemark sind aktuell 18 Werte vertreten, der Pharmariese Novo Nordisk hat hier aufgrund der hohen Marktkapitalisierung rund ein Drittel Anteil am Index. Dennoch hat das Land starke Hochs und Tiefs erlebt und lag beispielsweise 2015 im Länder-Ranking auf Platz 1, ein Jahr später hingegen auf dem letzten Platz. Dem gegenüber stehen die Vereinigten Staaten: Im MSCI-USA-Index werden über 600 Unternehmen geführt. Doch auch hier sind extreme Schwankungen zu sehen. 2004 und 2006 lag der MSCI USA auf dem vorletzten Platz im Länder-Ranking, 2014 auf Rang 1. Der Podestplatz hängt hier wiederum mit der Kursentwicklung der Tech-Werte wie Microsoft, Facebook, Apple und Tesla zusammen.

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          Es lebe die Diversifikation!

          Doch nicht nur über einen längeren Zeitraum hinweg sind extreme Schwankungen zu sehen, auch bei kurzfristigen Renditen auf Monatsbasis zeigt sich das gleiche Bild. Ein Blick dazu in das Jahr 2020: Hier gibt es der Studie zufolge drei Länder, die jeweils zweimal Monatssieger werden, nämlich Dänemark, Neuseeland und Österreich. Ein Indiz, um auch beim Jahresergebnis im vorderen Bereich zu landen ist das jedoch nicht. Zwar wird Dänemark im Jahresergebnis 2020 erster (+43%), doch Neuseeland nur sechster (+20%) und Österreich sogar nur 18. (-3%).

          „Der Vergleich zeigt sehr deutlich, dass die globalen Aktienrenditen keinem Muster unterliegen. Die Schwankungen in der Wertentwicklung sind stellenweise enorm – ob von Jahr zu Jahr oder von Monat zu Monat“, fasst Lutz Neumann, Leiter der Vermögensverwaltung bei der Sutor Bank zusammen.“ Für den langfristig orientierten Anleger sollte dies einmal mehr Grund genug sein, beim eigenen Depot auf eine Diversifikation zu achten, um das Risiko zu streuen. „Anleger nehmen dadurch die positiven Wertentwicklungen der globalen Aktienmärkte mit, unabhängig davon, wo und wann diese auftreten“, so Neumann weiter.

          In Bezug auf Branchen nimmt derweil laut Robert Halver am Aktienmarkt die Umschichtung in zyklische Werte wieder leicht zu: „Dabei liegt der Fokus auf Sektoren wie Industrie, Energie und Grundstoffe, denen zukünftig die weltkonjunkturelle Beschleunigung nach Wegfall der Lieferengpässe zugutekommt.“ Ebenso würden Finanzwerte profitieren, deren Ertragsperspektiven durch steigende Zinsen nicht belastet, sondern verbessert werden.

          Mit Blick auf die neue deutsche Regierung können laut Halver Aktien aus dem Bereich erneuerbarer Energien mit einer gewissen Sonderkonjunktur rechnen. Der Finanzmarktexperte sagt aber auch: „Selbst wenn Value wieder gefragt ist, ist Growth langfristig nicht out.“ Die Digitalisierung samt Automatisierung von Industrieprozessen, künstliche Intelligenz, die Quantenkommunikation und -informatik würden Megathemen bleiben, die – da sie noch Beschleunigung erfahren – nachhaltige Gewinnquellen bleiben.

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