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Börsengänge : Börsenkandidaten weht eisiger Wind entgegen

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Der Kursrutsch an den Aktienmärkten wird Börsenkandidaten wohl Startschwierigkeiten bescheren. Denn die Preisvorstellungen der Emittenten und Investoren drohen auseinander zu driften. Nicht alle Unternehmen lassen sich davon abschrecken.

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          Der Wind für Börsenkandidaten wird in Deutschland rauher. Angesichts des Abschwungs an den weltweiten Aktienmärkten drohen die Preisvorstellungen der Emittenten und Investoren wieder auseinanderzudriften. „Diese Märkte verunsichern die Investoren enorm“, sagt Christian Bacherl, bei der Hypo-Vereinsbank (HVB) für Börsengänge zuständig. Die Preisverhandlungen würden schwieriger. Europaweit haben im Mai schon fünf Unternehmen ihren Börsengang auf unbestimmte Zeit verschoben, weil sie ihre Preisvorstellungen am Markt nicht durchsetzen konnten.

          Auch in Deutschland könnten manche Unternehmen ihre Kapitalmarktpläne auf Eis legen: „Das würde mich nicht überraschen“, sagt Michael Muders, Fondsmanager der Union Investment. „Der eine oder andere wird den Börsengang verschieben“, sekundiert Raimund Herden, Fusionsexperte von Dresdner Kleinwort Wasserstein (DrKW).

          Noch ist das in Deutschland in diesem Jahr nicht vorgekommen. Unterschiedliche Preisvorstellungen beim Börsengang von Air Berlin wurden mit einer Senkung der Preisspanne behoben. Seit einigen Wochen hat sich das Kapitalmarktumfeld aber enorm verschlechtert. Sechs der neun Börsenneulinge des Jahres 2006 haben ihren Ausgabepreis mittlerweile unterschritten. Am Dienstag rutschte der Kurs von Wacker Chemie, der bisher größte Börsengang in diesem Jahr, deutlich unter den Emissionspreis. Nun erwischt es diejenigen Unternehmen kalt, die rechtzeitig vor dem Sommerloch für die kommenden Wochen ihren Börsengang geplant haben.

          Ein gewagter Schritt? Klöckner will ab 28. Juni an die Börse

          Mögliche Kandidaten für den M-Dax

          Dabei stehen ausgerechnet einige Schwergewichte parat. Der Kranhersteller Demag Cranes, der Stahlhändler Klöckner & Co. (Klöco), der Maschinenbaukonzern Bauer und der Bauzulieferer Wacker Construction Equipment würden mit jeweils dreistelligen Millionenbeträgen zu den größten Börsengängen des Jahres gehören und wären damit mögliche Kandidaten für den Nebenwerteindex M-Dax. Dieser Index ist nach dem Einbruch der vergangenen Wochen unter den Stand vom Jahresbeginn zurückgefallen.

          Daß der Enthusiasmus der Anleger verschwunden ist, zeigt sich an den Aktien von Demag Cranes. Die Papiere werden vorbörslich am unteren Ende der mit 25 bis 31 Euro ausgegebenen Preisspanne gehandelt - obwohl Demag offenbar mit einem Preisabschlag von 20 bis 30 Prozent zum wichtigsten Wettbewerber auf den Markt kommt. Demag ist mehrheitlich im Besitz der Beteiligungsgesellschaft KKR. Finanzinvestoren würden ihre Beteiligungen nicht zu jedem Preis an den Markt bringen, weil sie an einer möglichst hohen Rendite interessiert seien, sagt Muders. Erst in der vergangenen Woche hatte der zum Beteiligungsfonds Blackstone gehörende britische Kinobetreiber Cineworld den Börsengang aufgrund der schlechten Marktverfassung verschoben.

          Eine lange Schlange von Börsenkandidaten

          Auch der Stahlhändler Klöco stammt aus der Schatulle eines Finanzinvestors. Der amerikanische Beteiligungsfonds Lindsay Goldberg & Bessemer (LGB) will sich mit dem Börsengang von einem Teil seiner Aktien trennen. Klöco solle frühestens am 28. Juni an die Börse kommen, teilte das Unternehmen am Dienstag im Wertpapierprospekt mit. Die Angebotsfrist werde voraussichtlich am 22. Juni beginnen und am 27. Juni enden. Der letztmögliche Starttermin für die Zeichnungsfrist sei der 13. Juli. Das Unternehmen will an diesem Mittwoch mit der Präsentation vor den Anlegern beginnen. Mit einem Volumen von rund 500 Millionen Euro, davon ein Fünftel aus einer Kapitalerhöhung, wäre der Börsengang der drittgrößte in diesem Jahr.

          Der Tief- und Maschinenbaukonzern Bauer könnte mit einem Volumen von 400 Millionen Euro in eine ähnliche Größenordnung vorstoßen. Auch Bauer, an dem die Deutsche Beteiligungs-AG einen Anteil von gut 41 Prozent hält, will aber nicht zu jedem Preis an die Börse. Ein Abschlag von 20 bis 30 Prozent wie bei Demag sei nicht vorstellbar, sagte Konzernchef Thomas Bauer vor wenigen Tagen.

          Noch ist die Schlange der Börsenkandidaten riesig. „Die Banken sind für den Herbst extrem gebucht“, sagt Bacherl. Alle beobachteten nun mit Argusaugen den Markt. Sollte die Aktienbaisse auch zu einem Mittelabfluß bei den Fondsgesellschaften führen, werde deren Risikobereitschaft stark sinken. Doch im Moment rechne niemand mit einem dauerhaften Abschwung und dementsprechenden Folgen für den Markt: „Ich glaube nicht, daß wir auf eine Situation zulaufen, in welcher der Markt komplett geschlossen ist“, beschwichtigt Bacherl.

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