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Börsen : Die Vertrauenskrise

  • -Aktualisiert am

Die Zinssenkung in Amerika wird die Märkte kaum nachhaltig beeindrucken Bild: AP

Jetzt hat die Vertrauenskrise die Weltbörsen erfasst. Im Unterschied zu den früheren Schockwellen kommen diesmal die schlimmsten Nachrichten nicht von den Banken, sondern von den Versicherungen. Eine Analyse.

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          Vertrauen ist die Basis von allem, ohne Vertrauen ist alles nichts. Was passiert, wenn Vertrauen in Misstrauen umschlägt, erlebten zu Beginn der amerikanischen Kreditkrise zuerst die Banken, als sie begannen, sich gegenseitig nicht mehr zu trauen. Kaum eine Bank wollte einer anderen einen Kredit geben, alle horteten ihr Geld, die Notenbanken sprangen ein, gaben klammen Banken kurzfristige Kredite. Die Liquiditätshilfen zeigten an den Geldmärkten die erwünschte Wirkung, doch das Vertrauen kehrte nicht zurück.

          Jetzt hat die Vertrauenskrise die Weltbörsen erfasst. Auf den Kurssturz in Asien und Europa reagierte die amerikanische Notenbank noch vor der Handelseröffnung in New York mit der außerplanmäßigen kräftigen Senkung des Leitzinses um 0,75 Prozentpunkte auf 3,5 Prozent. An den Aktienbörsen wird dankbar nach diesem Rettungsring der Fed gegriffen, die Kurse haben sich im ersten Reflex ein wenig erholt. Aber wie lange wird das Zinsmanöver helfen? Die Fed hat diese Notmaßnahme nicht mit Liquiditätsnöten der Banken, sondern mit steigenden Risiken für Amerikas Wirtschaft und Sorgen um die Konjunktur begründet.

          Spezialversicherer im Fokus

          Die noch zum Ende des vergangenen Börsenjahres gehegte Hoffnung hat getrogen. Die Krise am Markt für zweifelhafte amerikanische Hauskredite hat sich doch ausgebreitet. Sie ist vom Kreditmarkt auf die Gütermärkte übergesprungen und bedroht nun den wirtschaftlichen Aufschwung - und das nicht nur in den Vereinigten Staaten. Aus der Kreditklemme unter Banken droht eine allgemeine Kreditverweigerung für Unternehmen und Verbraucher zu werden, mit schlimmen Folgen für Wachstum, Investitionen, Löhne und Arbeitsplätze. All diese Sorgen drücken sich im Kurssturz der Aktienbörsen aus. Der Korrekturbedarf ist schnell, schonungslos und drastisch. Das spricht nicht gegen, sondern für die Funktionsfähigkeit der Börsen. Die Marktteilnehmer revidieren ihre Erwartungen, die Gewinnentwicklung eines jeden Unternehmens wird im Lichte des drohenden Abschwungs hinterfragt. Auch in der Korrektur zeigt der Markt seine Leistungsfähigkeit.

          Der Marktwert der Allianz ist in nur zwei Börsentagen um 15 Milliarden Euro gefallen

          Im Unterschied zu den früheren Schockwellen kommen diesmal die schlimmsten Nachrichten nicht von den Banken, sondern von den Versicherungen. Wie zuvor die Kreditinstitute haben auch die Versicherungen immer wieder betont, sie hätten alle Risiken im Griff, es gebe keine Verluste. Plötzlich spricht man über den drohenden Zusammenbruch von bislang nur Fachleuten bekannten Spezialversicherungen, den „Monolinern“. Das sind Versicherer, die sich auf die Versicherung von Anleihen spezialisiert haben. Großanleger wie Versicherungen und Pensionsfonds haben Teile ihrer gewaltigen Anleiheportfolios bei diesen Monolinern gegen Ausfälle versichert. Wenn nun der Spezialversicherer pleitegeht, müssen die Großanleger die Verluste tragen. Das erklärt, warum der Marktwert der Allianz in nur zwei Börsentagen um 15 Milliarden Euro gefallen ist.

          In Deutschland droht keine Rezession

          Wenn die Versicherungen und Vermögensverwalter dem schlechten Beispiel der Banken folgen, ihre Risiken ebenfalls nicht offenlegen und nur scheibchenweise die Verluste ausweisen, dann wird das Misstrauen weiter wuchern. Das könnte wie bei den Banken auch zu einem neuen Machtgefüge führen. Die ehemals großen Wall-Street-Banken sind zum Teil nur noch die Hälfte wert, das Geld für dringend benötigte Kapitalerhöhungen kommt von den in Deutschland verteufelten Staatsfonds aus Asien und Arabien, die in der Krise 70 Milliarden Dollar in westliche Banken investiert haben.

          Die Zinssenkung der Fed wird die Märkte wohl kaum nachhaltig beeindrucken. Zu groß sind die Sorgen über das Verhalten der für die Konjunktur so wichtigen amerikanischen Verbraucher. Von deren Konsumfreude lebte in der Vergangenheit nicht nur die amerikanische Wirtschaft, sondern auch viele Exportunternehmen in Asien und Europa. Wenn nun Wellen von Zwangsversteigerungen über Amerika rollen, wird das nicht an den Konsumenten vorübergehen. Erste Bremsspuren zeigen sich bereits in den Bilanzen der Einzelhändler und der Bauwirtschaft. Auch in Europa hat es Übertreibungen auf den Immobilienmärkten gegeben, vor allem in Spanien und Großbritannien. Es spricht wenig dafür, dass sich Europa einem Abschwung der wichtigsten Volkswirtschaft der Welt wird entziehen können, auch wenn in Deutschland, anders als in den Vereinigten Staaten, keine Rezession droht.

          Selbst das vom amerikanischen Präsidenten Bush angekündigte Konjunkturprogramm im Volumen von 150 Milliarden Dollar kann die Akteure an den Märkten nicht beruhigen. Zwar hören die Amerikaner gern von sinkenden Steuern, Doch kommt diese Botschaft nicht gegen das Bündel schlechter Nachrichten an. Der Verfall der Hauspreise zusammen mit der Kreditklemme und der Bankenkrise, zu der jetzt noch der Bärenmarkt an den Aktienmärkten hinzugekommen ist, wirken stärker. Zum Glück trifft das die Weltwirtschaft in robuster Verfassung. Die Volkswirtschaften in Asien und Europa werden den Abschwung in Amerika wenigstens zum Teil auffangen können.

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