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Börsenwoche : Anleger in Schockstarre

Frustrierendes Börsenhalbjahr: Ein Händler an der Wall Street wirkt verzweifelt. Bild: dpa

Es ist an den Finanzmärkten ein frustrierendes Halbjahr gewesen. Doch es könnte inzwischen schon zuviel des Pessimismus eingepreist sein.

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          Es ist an den Finanzmärkten ein frustrierendes Halbjahr gewesen. Selbst die düstersten Prognosen Anfang des Jahres sind noch unterboten worden: Der Deutsche Aktienindex Dax hat 20 Prozent verloren. Die führenden amerikanischen Marktbarometer weisen die schlechteste Halbjahresbilanz seit Jahrzehnten auf. Der Dow-Jones-Index hat um 15 Prozent nachgegeben, der breit gefasste S&P-500-Index um gut 20 Prozent. Ähnlich schlecht liegt der Weltaktienindex MSCI, der ein Minus von 21 Prozent verzeichnete. Es ist für den Index, dem viele deutsche Anleger über passive Indexfonds (Exchange Traded Funds; ETF) folgen, die schwärzeste erste Jahreshälfte in seiner Geschichte.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Bilanz hellt nicht der Umstand auf, dass Panikverkäufe trotz Ukrainekrieg und entfesselter Inflation bislang ausgeblieben sind. Vielmehr vollziehen sich die Kursverluste in geordneten Bahnen. Die Anleger ziehen sich nach und nach zurück, das sehr kontinuierlich, aber nicht hektisch. Nach ihrem Rückzug verharren immer mehr von ihnen in Schockstarre angesichts des noch drohenden Unheils wie zum Beispiel einem Ausfall der russischen Gaslieferungen und die damit verbundenen Einschränkungen in der europäischen Industrieproduktion.

          Es fällt schwer, zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf eine Kehrtwende zu hoffen. Die Märkte stehen im Bann der Inflations- und Rezessionssorgen. Doch beides zusammen funktioniert nicht: Ein Konjunkturabschwung bremst die Preissteigerungen, weil die Nachfrage nachlässt. Zudem müssen die Notenbanken dann ihre Zinserhöhungen vorsichtiger dosieren, um nicht noch größeren wirtschaftlichen Schaden anzurichten. Sollte es zu einer Rezession kommen, dann wären die aktuellen Inflations- und Zinssorgen übertrieben. Zwar bliebe das Konjunkturumfeld weiterhin ungünstig, aber die Notenbanken müssten dann ihren Straffungskurs überdenken.

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          Ein weiterer Inflationstreiber sind die Lieferkettenprobleme, die ihre Ursache vor allem in den strikten Corona-Lockdowns in China haben. Unabhängig von der Diskussion, ob diese in ihrer Härte gerechtfertigt gewesen sind oder nicht, deutet einiges derzeit auf eine Entspannung hin. Sollten die Lieferketten wieder besser laufen, dann könnten die angebotsseitigen Probleme, insbesondere in der Produktion, vielleicht nicht vollständig, aber doch spürbar behoben werden. Es gibt auch weiterhin günstige Szenarien, die eine gewisse Wahrscheinlichkeit haben. Sollten sie eintreten, dann kann das Ausmaß der jüngsten Kursverluste möglicherweise übertrieben gewesen sein.

          Totalausfall unwahrscheinlich

          Die große Unbekannte ist der Ukrainekrieg und damit eine weitere Eskalation in den Beziehungen zwischen den NATO-Staaten und Russland. Die Angst vor dem Ausfall der Gaslieferungen treibt Wirtschaft und Politik um. Es könnte zu Produktionsausfällen kommen. Doch ist ein plötzlicher Totalausfall der Energieversorgung unwahrscheinlich, zumal an Alternativen seit Monaten gearbeitet wird. Schließlich wäre ein von außen erzwungenes Energiesparen für Haushalte und Unternehmen eine gute Vorbereitung im Kampf gegen den Klimawandel und für den Übergang in eine nachhaltige Wirtschaft.

          Die Hoffnung stirbt zuletzt, oder anders ausgedrückt: „Wenn Du durch die Hölle gehst, geh weiter.“ Das Zitat, das offenbar fälschlicherweise dem früheren Premierminister Großbritanniens, Winston Churchill, in den Mund gelegt wird, zeugt keineswegs von einer Schicksalsergebenheit, sondern von der Hartnäckigkeit, die nötig ist, um sich durch widrige Umstände nicht von seinem Weg abbringen zu lassen. In der Schockstarre bleibt man in der Hölle stehen. Sie kann deshalb keine Lösung sein.

          Das Ziel lautet, das Vermögen stabil zu halten. Das wäre eine Rendite, die über der langfristigen Geldentwertung liegt. Das ist schwer genug, und die wohlhabenden Anleger wären froh, wenn sie dieses Ziel erreichten. Angesichts der Kursübertreibungen nach dem Corona-Crash im Frühjahr 2020 darf es nicht verwundern, wenn die Märkte die in der Tat widrigen Umstände zum Anlass nehmen, auch einmal nach unten die Kurse zu strapazieren. Eine wirkliche Entspannung ist in den kommenden Wochen nicht in Sicht. So erwartet der Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank, Dirk Steffen, eine Revision der Gewinnprognosen, wenn die Unternehmen demnächst ihre Berichte zum zweiten Quartal vorlegen werden.

          Auch wenn weitere Kursrückgänge noch zu erwarten sind, müssen sich Anleger stets bewusst sein, dass es irgendwann auch wieder aufwärts geht. Die Analysten der amerikanischen Bank JP Morgan führen den momentanen Ausverkauf an den Börsen darauf zurück, dass der Durchschnittsinvestor von einem konjunkturellen Desaster ausgeht. Sollte das Desaster nicht eintreten, könne eine Erholung einsetzen. Es gibt auch einen positiven Aspekt des Ausverkaufs: viele günstige Einstiegsgelegenheiten.

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