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Börsenwoche : Profiteure des Chaos

Viel zu tun: Containerschiff „Brussels Express“ im Hamburger Hafen Bild: dpa

Inflation, Rezession, Zinswende: Manche Unternehmen machen in dieser Zeit die Geschäfte ihres Lebens.

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          Schiffe müsste man haben. Dann könnte man leichterdings jede Menge Flüssiggas für den Winter horten, Heizöl zur Not auch. Oder man holte sich all die Güter, die derzeit irgendwo zwischen China und Hamburg feststecken, kurzerhand selbst beim Hersteller ab. Hapag-Lloyd macht so etwas beruflich, und wie attraktiv das ist, durften die Börsianer diese Woche an den vorläufigen Geschäftszahlen ablesen: mit ihren 248 Schiffen hat die Hamburger Reederei im ersten Halbjahr glatt 10 Milliarden Euro operativen Gewinn gemacht. Und dafür musste sie nicht mal mehr Waren transportieren als im Vorjahr. Es wurden wieder sechs Millionen Standardcontainer transportiert, aber zu 80 Prozent höheren Frachtraten.

          Daniel Mohr
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Um 4,6 Milliarden Euro hob die Reederei nun ihre Gewinnschätzung für das Jahr 2022 an. 20 Milliarden Euro operativer Gewinn scheinen möglich. Festtag für die Aktionäre! Leider befinden sich nur 3,6 Prozent der Aktien im Streubesitz. Mithin helfen die Kursgewinne der Aktie zwar dem F.A.Z.-Index, nicht aber den Auswahlindizes der Deutschen Börse, die wenigstens zehn Prozent frei handelbare Aktien fordert. Auf 58 Milliarden Euro stieg der Börsenwert diese Woche. Nur sieben Dax-Konzerne schaffen mehr. Solch schwindelerregende Gewinnhöhen erreicht allenfalls Biontech mit seinem Impfstoff und Volkswagen, die dafür allerdings Abermillionen Autos durch 600.000 Mitarbeiter produzieren lassen müssen.

          Auch diese Woche mussten sich viele andere Unternehmen weit mehr abmühen. Adidas, Fresenius und Fresenius Medical Care gestanden ein, ihre Jahresziele nicht mehr erreichen zu können. Unipers Staatsrettung wird erwartungsgemäß keine Freude für die Aktionäre. Dafür konnten die großen Tech-Unternehmen in Amerika überzeugen. Vor allem Amazon. Doch an die Gewinnmargen von Hapag-Lloyd kommt auch der Online-Handelsriese nicht heran. Um immerhin 30 Prozent erhöht er die Jahresgebühr für Amazon-Prime-Kunden.

          Ölkonzerne haben ihre Gewinnmargen drastisch erhöht

          Darüber können Frachtraten-Abkassierer indes nur müde lächeln. Allenfalls die Ölkonzerne können da mithalten. Unterm Strich verdiente Shell im zweiten Quartal 18 Milliarden Dollar! Und am Freitag stand Exxon Mobil dem niederländisch-britischen Ölmulti in nichts nach: 17,9 Milliarden Dollar Nettogewinn im zweiten Quartal – höchster Gewinn in der langen Geschichte des Unternehmens. Wie lange das noch gut geht? Schon nach dem ersten Quartal hatte der amerikanische Präsident angemerkt, Exxon mache „mehr Geld als Gott“. Die Ölkonzerne haben ihre Gewinnmargen bei der Herstellung von Kraftstoffen drastisch erhöht.

          Eine Ölraffinerie müsste man haben. Oder zumindest ein paar Frachtschiffe. Aber das ist ja das Schöne am Aktienmarkt. Mit nur ein paar Euro Einsatz ist man zumindest mit einem kleinen Anteil Reeder oder Ölmulti.

          Oder Inhaber von Aston Martin, Louis Vuitton oder Hérmes. Denn die Geschäfte mit Luxus funktionieren auch in der Krise. Der Klientel ist schließlich egal, ob Kartoffeln oder Last-Minute-Reisen gerade von der Inflation getrieben werden. Die Autohersteller verwenden ihre knappen Teile daher bevorzugt für die Luxusklasse. Da kann schließlich fast jeder Preis verlangt werden.

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