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Finanzmarkt : Japans Börsen droht Ungemach, das von innen kommt

Die Kursanstiege sind wohl nur kurzfristiger Natur. Bild: AP

Japans Aktien sind billig geworden. Erhöhte Fallzahlen durch die Delta-Variante, verzögerter Start der Impfungen: Das spiegelt sich an der Börse in Tokio. Die Gewinnaussichten verbessern sich, der Nikkei aber noch nicht.

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          Ein Freudensprung war es nicht. Doch die Anleger an der Börse in Tokio haben auf die geldpolitischen Erklärungen des Gouverneurs der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, Jerome Powell, positiv reagiert. Der Nikkei-Index begann die Handelswoche mit einem leichten Plus von 0,5 Prozent auf 27.789 Punkte. Am Mittwoch stieg der Index sogar um 1,3 Prozent auf 28.451 Punkte und schloss damit so hoch wie seit Mitte Juli nicht mehr.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Powell hatte Ende vergangener Woche auf der Jackson-Hole-Konferenz der Fed auf einen Zeitplan für die Verringerung der Anleihekäufe verzichtet und nur erklärt, dass es in diesem Jahr geschehen könnte. Leitzinserhöhungen in Amerika stehen damit in noch weiterer Ferne.

          Mit dem weiter expansiven Umfeld in den Vereinigten Staaten droht den Finanzmärkten in Tokio so von der anderen Seite des Pazifiks vorerst kein Ungemach. Doch das Ungemach produziert Japan derzeit auch ohne Hilfe von außen. Es spiegelt sich in der längerfristigen Entwicklung des Nikkei-Index wider. In den ersten Monaten des Jahres näherte der Index sich einem Dreißig-Jahreshoch. Doch seit dem Hochstand von 30.714 Punkten Mitte Februar hat der japanische Leitindex gut 9 Prozent an Wert verloren. Seit Jahresbeginn gibt das ein Plus von rund 2 Prozent für den Nikkei, während wichtige Aktienindizes wie der Dow Jones oder der Dax um rund 16 Prozent zulegten. Unter den großen Aktienmärkten der Welt hat die japanische Börse sich in diesem Jahr am schlechtesten entwickelt, mit Ausnahme der chinesischen Handelsplätze in Schanghai und Hongkong, die seit Jahresbeginn verloren haben.

          Rekordzahlen bei Infektionen, statt an der Börse

          Das Auseinanderlaufen der Entwicklungen zeigt, wie sehr Japan sich von der internationalen wirtschaftlichen Erholung in der Pandemie abgekoppelt hat. Es rächt sich, dass Japan erst rund drei Monate später als westliche Nationen mit den Schutzimpfungen gegen Covid-19 begonnen hatte. Wirtschaftlich ist das Land dadurch anfälliger für die Unsicherheiten der Pandemie, die den Konsum der privaten Haushalte bremsen. Nur knapp schrammte Japan im zweiten Quartal an der Rezession vorbei.

          Seit Juli belastet ausgerechnet während der Olympischen und Paralympischen Spiele die Delta-Variante in der fünften Viruswelle die Japaner. Jetzt bestimmen Virus- und nicht mehr Börsenrekorde das Bild. Die Unsicherheiten greifen ins Politische aus. Die Unzufriedenheit mit der Regierung wegen der als unzureichend empfundenen Anti-Corona-Politik nimmt zu. Ende September muss Ministerpräsident Yoshihide Suga sich der Wahl zum Parteivorsitzenden der Liberaldemokraten stellen und spätestens bis Ende Oktober eine Neuwahl des Unterhauses ansetzen. Suga bereitet neue wirtschaftliche Maßnahmen gegen die schwache Konjunktur vor, was die Aktienkurse stützen könnte. Ein neues Konjunkturpaket könnte auch vor der Wahl Stimmung machen. Finanzanalysten erwarten, dass der Nikkei-Index bis zum Jahresende wieder fast die 30.000 Punkte erreichen werde. Das zeigt eine Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters von Mitte August. Die Befragten setzen darauf, dass sich die Binnenwirtschaft in Japan mit zunehmenden Schutzimpfungen stabilisiert. Verwiesen wird auch auf die allgemein positiven Aussichten und viele verbesserte Prognosen, die die Unternehmen in den vergangenen Wochen während der Vorlage der Quartalsberichte präsentierten. Gemessen an den Gewinnaussichten sind Japans Aktien derzeit etwa halb so teuer wie noch im Februar.

          Die Gewinnschätzungen für den breiter gefassten Topix seien in den vergangenen beiden Wochen um etwas mehr als 2 Prozent gestiegen, kommentiert John Vail, der Chief Global Strategist von Nikko Asset Management. Er verweist darauf, dass die Erwartungen für den S&P 500 in den USA und für Europa im Wesentlichen unverändert geblieben seien. „Das Gewinnwachstum der japanischen Unternehmen ist trotz aller Befürchtungen absolut wettbewerbsfähig“, sagt Vail. Doch weitere Schocks im Gefolge der Pandemie sind nicht ausgeschlossen. Vor allem die Knappheit an Halbleitern oder Computerchips kann Japans verarbeitendes Gewerbe treffen.

          Im August meldete der globale Marktführer, der Autohersteller Toyota, dass er im September seine Produktion in Japan um 40 Prozent reduzieren werde. Die Aktien von Toyota gaben zeitweise 5 Prozent nach. Auch Honda und Nissan sowie eine Reihe von Zulieferern waren negativ betroffen. Toyota begründete die Kürzung mit Covid-bedingten Produktionsausfällen von Vorprodukten in Südostasien, darunter auch von Halbleitern. Die Episode verdeutlicht die Risiken, die sich trotz der globalen Impfkampagne immer noch aus der Pandemie ergeben können. Mit einem Plus von 20 Prozent seit Jahresbeginn schlägt die Aktie von Toyota Motor den Nikkei-Index aber locker.

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