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Börse : Hedge-Fonds greifen nach Dax-Aktien

  • -Aktualisiert am

„Das Beispiel Deutsche Börse könnte Schule machen” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Könige der Spekulanten mischen deutsche Unternehmen auf. Dabei macht sich Angst unter den Dax-Vorständen breit, wissen sie doch, daß die bequemen Zeiten vorbei sind. Die Aktionäre hingegen profitieren.

          Es gibt keinen Zweifel: Hedge-Fonds haben deutsche Unternehmens ins Visier genommen. Bei Daimler-Chrysler sollen sie bereits ein Fünftel aller Aktien halten - in der Hoffnung auf eine mögliche Aufspaltung.

          Beflügelt von Übernahmegerüchten, haben angeblich mehrere Fonds aus der Finanzmetropole London Aktien der Commerzbank gekauft. Linde zählt immer mehr ausländische Aktionäre. Chef Wolfgang Reitzle hat Angst vor einer spektakulären Machtübernahme und Zerschlagung durch Finanzinvestoren.

          Hohe Ausschüttungen

          „Hedge-Fonds engagieren sich verstärkt auf dem deutschen Markt“, sagt Matthias Poth, Leiter des Kapitalmarktgeschäfts bei Hering Schuppener Consulting. Und Hermann Prelle, Co-Leiter Investment Banking bei UBS in Deutschland, bestätigt: „Die Dax-Vorstände machen sich Sorgen über das Interesse der Hedge-Fonds. Sie wissen: Die bequemen Zeiten sind vorbei.“

          Das Beispiel Deutsche Börse könnte Schule machen. Vor noch nicht einmal einem Jahr haben aggressive Aktionäre unter Führung des Londoner Hedge-Fonds TCI Börsenchef Werner Seifert aus dem Amt gejagt. TCI-Manager Christopher Hohn torpedierte Seiferts Übernahmepläne, die in seinen Augen nur Seiferts Machtfülle erweitern sollten, das Unternehmen aber teuer zu stehen gekommen wären. Statt die Londoner Börse zu kaufen, wurde viel Geld an die Aktionäre ausgeschüttet. Der Aktienkurs schoß in die Höhe.

          Die Idylle ist empfindlich gestört

          „Der Erfolg, den TCI bei der Deutschen Börse hatte, zieht Nachahmer an“, glaubt UBS-Mann Prelle. „Ich bin sicher, daß das nicht der letzte Fall gewesen ist.“ Um sich zu wappnen gegen mögliche Angriffe, erkunden die Dax-Unternehmen gerade ihre Aktionärsstruktur - ein mühsames Geschäft.

          Angst geht um im einstigen Naturschutzgebiet Deutschland-AG. Seit immer mehr Überkreuzbeteiligungen gekappt wurden, ist die Idylle empfindlich gestört. Wo einst Großaktionäre wie Allianz, Münchener Rück oder Deutsche Bank ihre schützende Hand über Unternehmen hielten, wuchern nun die Beteiligungen ausländische Anleger, darunter viele Hedge-Fonds. Gleichzeitig ist die Präsenz auf Hauptversammlungen mager. So ist es schon mit relativ kleinen Aktienpaketen möglich, großen Einfluß zu nehmen.

          Hoffnung auf den schnellen Gewinn

          Deutschland ist attraktiv. Die meisten Dax-Unternehmen sind im internationalen Vergleich unterbewertet. Obwohl sich herumgesprochen hat, daß wenig profitable Sparten abgestoßen und erfolgversprechende hinzugekauft werden, daß Firmen Kosten sparen, mit Gewerkschaften längere Arbeitszeiten oder niedrigere Löhne aushandeln und im Ausland produzieren, sehen ausländische Analysten noch immer ein großes Potential für steigende Gewinnmargen. Denn die liegen trotz aller Anstrengungen weit unter dem europäischen Durchschnitt. Es gibt noch einiges zu tun bei Siemens, Daimler-Chrysler, Linde, MAN und anderen.

          „Die Liste der Großunternehmen, die vor gewaltigen Umbrüchen stehen, ist lang“, sagt Prelle, ohne Namen zu nennen. „Renditegetriebene Investoren sehen hier Chancen auf eine sehr attraktive Verzinsung.“ Dafür gehen sie mitunter große Risiken ein. Anders als klassische Fonds, deren Ehrgeiz sich oft darauf beschränkt, so erfolgreich wie der Dax zu sein, setzen sie viel Geld auf wenige Titel - in der Hoffnung auf den schnellen Gewinn. Sie spähen nach Ineffizienzen und Ungereimtheiten, engagieren sich mit Milliardenbeträgen und werfen so Licht auf Mißstände.

          Wunsch nach Veränderung ist groß

          Weil viel auf dem Spiel steht, schauen Hedge-Fonds genauer hin als andere Anleger - und sind bei Vorständen gefürchtet. „Wenn das Management nicht im Interesse der Anleger handelt und beispielsweise zu geringe Renditen erwirtschaftet, greifen Hedge-Fond-Manager ein“, sagt Berater Poth. „Oft reichen vor dem Hintergrund niedriger Hauptversammlungspräsenzen wenige Prozente an einer Firma, um Druck auszuüben.“

          Daimler-Chrysler könnte ein solcher Fall sein. Der massive Kurssprung der Aktie nach dem angekündigten Rückzug von Daimler-Boss Jürgen Schrempp beweist: Der Wunsch der Investoren nach Veränderung ist groß. Allein schon die Idee, die verlustreiche Tochter Smart zu schließen und sich von der milliardenschweren EADS-Beteiligung zu trennen, beflügelt den Kurs. Hedge-Fonds könnten den designierten Daimler-Chef Dieter Zetsche schon bald dazu zwingen.

          Unbequemer Aktionismus

          Der Einfluß der Hedge-Fond-Manager wächst. Mehr und mehr Vorstände reisen nach London und New York, um mit ihnen zu reden. Sie versuchen herauszukitzeln, ob ihre strategischen Entscheidungen mitgetragen werden oder ob Rebellion droht. „Manager, die mit Hedge-Fonds zu tun haben, tun gut daran, sie zu verstehen“, sagt Prelle. „Das kann bedeuten: mal ignorieren, mal bekriegen, mal zusammenarbeiten.“

          Aber sollen Hedge-Fonds überhaupt soviel Macht bekommen? „Hedge-Fonds sorgen für mehr Aktionärsdemokratie in Deutschland“, glaubt Sven Zeller, Partner bei Clifford Chance. „Das ist nicht schlecht.“ Es ist eine der Aufgabe von Fonds, Einfluß auf die Unternehmenspolitik zu nehmen. Sie haben jedes Recht, freche Fragen zu stellen, zu bohren, wenn Bonus und Aktienoptionen zu üppig sind, wenn Manager Millionen kassieren, obwohl der Aktienkurs fällt. Dieser in Deutschland bis vor kurzem noch unbekannte Aktionismus ist unbequem. Aber er tut Unternehmen und Aktienkursen meist gut.

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