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Börse : Den Pharmaaktien fehlen positive Impulse

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Der Vioxx-Skandal tut der Pharma-Industrie weh Bild: dpa

Trotz guter Marktvoraussetzungen reiht sich eine schlechte Nachricht an die andere: Kaum Neueinführungen, dagegen eine Serie von spektakulären Medikamentenrückrufen. Ein Kostenabbau könnte den Pharmatiteln Schub geben.

          Die Arzneimittelindustrie gibt ihren Anlegern im Moment wenig Anlaß zur Freude. Die Aktien von Pharmakonzernen haben sich in jüngster Zeit deutlich schwächer entwickelt als der Gesamtmarkt. Dazu hat die Branche selbst mit einer Flut schlechter Nachrichten beigetragen: Erhoffte Neueinführungen von Medikamenten mit Umsatzpotential in Milliarden-Dollar-Höhe waren Mangelware. Und die bestehenden Produktpaletten kamen mit einer Serie von spektakulären Medikamentenrückrufen wegen Nebenwirkungen unter Druck: Im vergangenen Herbst machte der amerikanische Pharmakonzern Merck & Co. mit dem Vermarktungsstopp für das Schmerzmittel Vioxx den Anfang, und erst in der vergangenen Woche lieferten die beiden Biotechnologie-Unternehmen Biogen Idec und Elan eine Enttäuschung mit dem vorläufigen Ende für das Medikament Tysabri zur Behandlung von Multipler Sklerose.

          Der Fall Tysabri verdeutlicht wohl wie kein anderer das Problem der Pharmaindustrie: Das Mittel war einer der wichtigsten Hoffnungsträger in der Branche mit der Chance auf Milliardenumsätze und war erst im vergangenen November auf den Markt gekommen. Nur wenige Monate später folgte das jähe Ende, nachdem in klinischen Tests tödliche Nebenwirkungen aufgetreten waren.

          25 Millionen Dollar Verlust an einem Tag

          Die von den Rückrufen betroffenen Unternehmen mußten dramatische Kurseinbrüche hinnehmen: Merck & Co. verlor am Tag des Rückrufs mehr als 25 Milliarden Dollar an Börsenwert. Das Papier notiert heute bei knapp 32 Dollar noch immer deutlich unter dem Wert am Tag vor dem Vermarktungsstopp (44,50 Dollar). Analysten raten bei Merck weiterhin zur Vorsicht, solange nicht mehr Klarheit über das Ausmaß möglicher Schadenersatzzahlungen für die Vioxx-Affäre besteht. Die Kursrückgänge für Biogen und Elan waren noch drastischer als bei Merck & Co., weil diese beiden Unternehmen über eine viel dünnere Produktpalette verfügen.

          Merck & Co. war im vergangenen Jahr die Aktie mit der schlechtesten Kursentwicklung im Dow-Jones-Index der dreißig führenden Industriewerte, aber auch die meisten Wettbewerber schnitten schlecht ab. Der Branchenindex Amex Pharmaceutical hat in den vergangenen zwölf Monaten rund 6 Prozent an Wert verloren, während der S&P 500 im gleichen Zeitraum um 6 Prozent zugelegt hat. Schon vor dem Vioxx-Rückruf befanden sich viele Pharmaunternehmen im Abwärtstrend.

          Trotz Kaufempfehlungen kommt Pfizer nicht voran

          Das gilt zum Beispiel für den weltgrößten Pharmakonzern Pfizer. Die Aktie von Pfizer kostet heute mehr als 25 Prozent weniger als noch vor einem Jahr. Auf Basis des erwarteten Gewinns für 2005 kommt das Papier nur auf ein mageres Kurs-Gewinn-Verhältnis von 12. Dabei hat das Unternehmen im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 52,5 Milliarden Dollar einen satten Nettogewinn von 16,1 Milliarden Dollar eingefahren. „Die Profitabilität von Pfizer im Vergleich zu fast jedem Großkonzern in der Welt ist beeindruckend“, schreibt Analyst David Risinger von Merrill Lynch in einer Studie. Außerdem hat Pfizer 2004 einen Meilenstein erreicht: Der Cholesterinsenker Lipitor wurde zum ersten Medikament in der Industrie mit einem Jahresumsatz von mehr als 10 Milliarden Dollar. Analysten erklären Pfizer seit Jahren regelmäßig zu ihrem Favoriten. Auch im Moment überwiegen die Kaufempfehlungen klar, und dennoch kommt der Aktienkurs nicht voran.

          Auch Pfizer ist in den Sog der Vioxx-Affäre geraten: Das Unternehmen hat zwei ähnliche Schmerzmittel (Celebrex, Bextra), die im vergangenen Jahr zusammen für einen Umsatz von 4,6 Milliarden Dollar standen. Auch die Sicherheit von Celebrex und Bextra wurde zunehmend in Frage gestellt, was die Umsätze der Medikamente belasten könnte. Daneben steht Pfizer aber noch vor anderen Herausforderungen: Die „Pipeline“ mit neuen Medikamenten im Entwicklungsstadium gilt unter Analysten als durchschnittlich.

          Günstiges Umfeld

          Außerdem werden zahlreiche Produkte in den kommenden Jahren ihren Patentschutz verlieren und der Konkurrenz durch billige Nachahmerprodukte (Generika) ausgesetzt sein. Selbst der Verkaufsschlager Lipitor könnte aufgrund eines Patentstreits mit einem Generikahersteller früher als geplant Billigkonkurrenz bekommen.

          Pfizer und seine Wettbewerber befinden sich eigentlich in einem günstigen Umfeld: Die demographische Entwicklung in den Industrieländern hin zu einer älter werdenden Gesellschaft sollte den Bedarf an Arzneimitteln steigen lassen. Das Potential zeigt sich an den explodierenden Gesundheitskosten, die viele Unternehmen in Amerika für ihre Mitarbeiter zu tragen haben. Der Autokonzern General Motors zum Beispiel erwartet allein in diesem Jahr einen Anstieg dieser Aufwendungen um fast ein Viertel auf mehr als 5 Milliarden Dollar.

          Hoffnung Kostensenkungen

          Die derzeitigen Schwierigkeiten werden die Pharmabranche aber vielleicht trotzdem zwingen, verstärkt auf die Kostenseite zu blicken. Pfizer deutete kürzlich an, nach Wegen zur Rationalisierung zu suchen. Daraufhin spekulierten Analysten bereits über Entlassungen von vielen tausend Mitarbeitern. Möglicherweise gibt Pfizer auf einer Analystenkonferenz am 5. April Einzelheiten bekannt. Die Schritte werden mit Spannung erwartet, denn auf Einschnitte des Marktführers müßte womöglich auch die Konkurrenz reagieren.

          Kostensenkungen könnten nach Ansicht von Analysten den Kursen von Pharmaunternehmen wieder Impulse geben. Daneben könnten aber auch Übernahmen für Bewegung sorgen: Mehrere Pharmaunternehmen haben in jüngster Zeit wegen einer neuen Steuerbegünstigung Milliardengewinne ausländischer Tochtergesellschaften rückgeführt und könnten dieses Kapital für Akquisitionen einsetzen. Merrill Lynch nennt als Kandidaten für eine Übernahme die amerikanischen Unternehmen Wyeth und Bristol-Myers Squibb, auch Schering-Plough wird immer wieder gehandelt. In dieser Woche gab es an der Wall Street außerdem Gerüchte, daß Biogen Idec nach dem Rückruf von Tysabri übernommen werden könnte.

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