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Blick auf den Finanzmarkt : Deutsche Aktien tendieren schwach

  • Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET-Jan Bazing

Am deutschen Aktienmarkt geben die Kurse weiter nach. Händler sagen, die Eurozonen-Krise führe zu weiterem Kapitalabzug von den Börsen der Mitgliedsländer.

          Die zunehmende Unsicherheit um Italien belastet den deutschen Aktienmarkt auch am Donnerstag. Mit einem Minus von 1,5 Prozent auf 5743 Punkte schließt der Dax an seine sehr schwache Vortagestendenz an. Der marktbreite FAZ-Index fällt um 1,4 Prozent auf 1297 Zähler.

          Am Vortag waren die Renditen italienischer Staatsanleihen drastisch auf neue Rekordstände gestiegen und hatten die Stimmung an den Weltbörsen nochmals eingetrübt. Normalerweise würde eine ganze Flut von Zahlen aus dem HDax die Aufmerksamkeit der Börsianer binden - dies wird aber derzeit stark von der sehr angespannten Gemengelage überlagert.

          Allein aus dem Dax legten die Schwergewichte Siemens, RWE, Deutsche Telekom > sowie K+S Zahlen vor. Dass der Düngemittelproduzent K+S seine Prognosespanne für 2011 etwas nach unten angepasst hat, drückt den Aktienkurs um mehr als 6 Prozent.

          Den Zahlen von Siemens und RWE konnten Börsianer sowohl etwas Positives als auch Negatives abgewinnen. Beide enttäuschten vor allem mit ihrem Gewinn. Den Ausblick bewerteten Händler bei beiden dagegen als beruhigend. Die Aktien geben beide um zwei Prozent nach und fallen damit stärker als der Gesamtmarkt. Die Deutsche Telekom schnitt mit ihrem Geschäftsbericht dagegen deutlich besser als erwartet ab. Die Aktie kann sich mit einem Plus von 0,9 Prozent gegen den schwachen Trend stemmen.

          Italien-Krise treibt Rentenmarkt auf Allzeit-Hoch

          Der Ausverkauf italienischer Staatsanleihen beflügelt die deutschen Rentenmärkte. Der richtungweisende Terminkontrakt auf die zehnjährige Bundesanleihe, der Bund-Future, steigt um 62 Basispunkte auf ein Allzeithoch von 139,43 Prozent, der kürzer laufende Bobl-Future steigt um 22 Basispunkte auf 124,02 Prozent.

          Die Renditen der zehnjährigen Anleihen Italiens stiegen am Mittwoch über 7 Prozent. Die Marke gilt als psychologisch wichtig. Schon Griechenland, Irland und Portugal hatten internationale Hilfen in Anspruch nehmen müssen, nachdem ihre Refinanzierungskosten
          auf dieses Niveau gestiegen waren.

          Euro stabilisiert um 1,35 Dollar

          Mit kleineren Stabilisierungsversuchen ist der Euro am Donnerstag in den europäisch dominierten Handel gestartet. Händler hoffen, dass der Kursabsturz im aktuellen Bereich um 1,3520 Dollar ein Ende findet. Die Panik-Attacke in Italiens Anleihen am Vortag hatte die Gemeinschaftswährung um volle drei Cents zum Dollar nach unten geschickt.

          „Nachrichtlich dreht sich alles weiter um Italien“, so ein Händler. Jede noch so kleine Andeutung aus der Politik oder von Seiten der EZB könne weiter für kräftige Kursbewegungen sorgen. Viel zeichne sich hier aber noch nicht ab. Im Gegenteil waren auch die Börsen in den Vereinigten Staaten und Asien abgestürzt, nachdem Berichte über Gespräche innerhalb der deutschen und französischen Regierung, Ländern der Eurozone die Option einzuräumen, die Währungsunion zu verlassen, herumgingen. Damit sei das bisherige Tabu - der unbedingte Erhalt der Eurozone - untergraben worden.

          Auch der italienische Anleihemarkt wird mit Argusaugen beobachtet. Die Rendite-Abstände italienischer Anleihen zu Bundesanleihen seien nun größer als vor der Einführung des Euro. Am Berichtstag findet eine Auktion italienischer Papiere mit einer Laufzeit von 12 Monaten statt, die mit Spannung beobachtet werde.

          Zunehmend macht sich die Schuldenkrise in der Eurozone in internationalen Wirtschaftsdaten bemerkbar, so den Handelszahlen aus China. Der Export nach Italien ist im Oktober um 17,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen. Auch die Maschinenaufträge in Japan im September blieben mit einem Minus von 8,2 Prozent deutlich unter den Erwartungen von einem Minus von 7,1 Prozent.

          Italien-Krise zieht Börsen in Fernost ins Minus

          Die Furcht vor einer Verschärfung der Euro-Krise hat am Donnerstag die Aktienmärkte in Fernost schwer belastet. Analysten sprachen von der Sorge, die Entwicklung in Italien könne außer Kontrolle geraten. Die Schuldenkrise hatte bereits die amerikanischen Märkte ins Minus gezogen.

          In Tokio schloss der 225 Werte umfassende Nikkei-Index 2,9 Prozent tiefer bei fast genau 8500 Punkten. Der breiter gefasste Topix-Index gab um 2,6 Prozent nach auf 730 Zähler. Auch die anderen großen Märkte in der Region - ob Hongkong, Australien, Singapur, Schanghai, Südkorea oder Taiwan - wurden von dem Sog erfasst. In Hongkong und Südkorea lag das Minus dabei jeweils bei fast fünf Prozent.

          Su-Lin Ong von RBC Capital Markets sagte, die Maßnahmen der Euro-Staaten im Kampf gegen die Krise dürften nicht ausreichen. „Was auch immer ihnen einfallen wird, es wird nicht genug sein, um eine Rezession in Europa zu vermeiden“, sagte er. Jetzt gehe es nur noch darum, wie tief die Rezession in Europa sein werde und ob die Krise auf das Bankensystem übergreife.

          Die Finanzinstitute mussten in Japan besonders starke Abschläge hinnehmen. Die Sumitomo Mitsui Financial Group schloss 4,7 Prozent im Minus, die Mizuho Financial Group 3,8 Prozent und Mitsubishi UFJ 2,7 Prozent. Die Aktien des Kameraherstellers Olympus gaben um 17,1 Prozent nach. Das Unternehmen hatte eingeräumt, jahrelang Verluste verheimlicht zu haben.
           

          Aktienbörse in China im Verlauf sehr schwach

          Die Staats- und Schuldenkrisen in Europa sowie schwach ausgefallene chinesische Exportdaten sorgen im Verlauf des Handels am Donnerstag für deutlicher nachgebende Aktienkurse in Schanghai und Hongkong. Der Shanghai Composite Index 1,1 Prozent auf 2.496 Punkte, während der HSI in Hongkong wie üblich stärker auf die Vorgänge in Europa reagiert und um 4,5 Prozent auf 19.118 Zähler regelrecht abstürzt.

          Nach dem Anstieg der italienischen Renditen am Vortag auf deutlich über 7 Prozent greife die Angst vor einer Ausweitung der Euro-Schuldenkrise wieder stärker um sich, heißt es in Hongkong. Gleichwohl äußern sich einige Akteure zuversichtlich und erwarten trotz der Probleme in Europa keine Kurseinbrüche wie noch im August und September, da sich die Situation in den Vereinigten Staaten und auch in China inzwischen günstiger darstelle. So setze der Markt in China auf eine lockerere Geldpolitik, nachdem dort der inflationäre Druck zuletzt etwas nachgelassen habe.

          In Schanghai hätten sich die Gewinnmitnahmen nach dem Vortagesplus mit der Nachricht eines verlangsamten Exportwachstums im Oktober ausgebaut, berichten Händler. Unter den Einzelwerten geht es hier für die Finanztitel ICBC um 1,4 Prozent und für China Life Insurance um 2,1 Prozent nach unten. In Hongkong belasten zusätzlich starke Verluste des Indexschwergewichts HSBC von über 8 Prozent den Index. Das Unternehmen hatte am Vortag schwache Drittquartalszahlen berichtet.

          Nachbörsliche Kurse und Meldungen aus Amerika

          Fester präsentierten sich die Aktienkurse im nachbörslichen amerikanischen Handel am Mittwoch im Vergleich zum regulären Geschäft. Der Nasdaq After Hours Indicator stieg um 0,11 Prozent auf 2373,67 Zähler.

          Cisco verteuerten sich, nachdem das Unternehmen die Investoren positiv überrascht hatte. Während Analysten für das erste Geschäftsquartal im Schnitt einen Gewinn je Aktie von 0,40 Dollar anvisiert hatten, hatte Cisco auf bereinigter Basis 0,43 Dollar vorzuweisen. Für das laufende Quartal erwartet das Unternehmen nun einen Gewinn je Aktie zwischen 0,42 und 0,44 Dollar, während Analysten aktuell noch mit 0,42 Dollar rechnen. Der Kurs legte um 2,6 Prozent auf 18,07 Dollar zu.

          Green Mountain Coffee (GMC) brachen bei hohem Volumen um 34,3 Prozent auf 44,01 Dollar ein. Das Unternehmen verfehlte klar die Umsatzschätzungen der Experten. Statt der erhofften 760 Millionen Dollar wies GMC im vierten Geschäftsquartal lediglich einen Umsatz von 711,9 Millionen Dollar aus. Der Gewinn je Aktie traf die Erwartungen.

          Italien-Krise reißt Wall Street nach unten

          Die Krise in Italien hat am Mittwoch auch die Wall Street erschüttert. Der angekündigte Rücktritt von Regierungschef Silvio Berlusconi vermochte es nicht, den Anlegern die Furcht vor einer Zahlungsunfähigkeit Italiens zu nehmen. Italiens Bonds käme derzeit die Rolle eines neuen Angst-Index wie dem Volatilitätsindex VIX zu, sagte Charles Reinhard, Investmentstratege bei Morgan Stanley Smith Barney. „Und im Moment zeigen sie sehr viel Angst an.“ Nicht mehr Griechenland stünde im Zentrum der Schuldenkrise, sondern Italien.

          Der Dow-Jones-Index der Standardwerte gab um 3,2 Prozent auf 11.780 Punkte nach. Der breiter gefasste S&P-500 fiel 3,7 Prozent auf 1229 Zähler. Der Index der Technologiebörse Nasdaq verlor 3,9 Prozent auf 2621 Punkte.

          Besonders der Bankensektor litt unter den Hiobsbotschaften aus Europa. Die Anteilsscheine von Morgan Stanley verloren neun Prozent, das Papier von Goldman Sachs büßte 8,2 Prozent ein. „Das ist ein Weckruf für die Märkte“, sagte Seth Setrakian von First New York Securities über Nachrichten aus Italien. „Wir waren zu lange zu optimistisch, um die Realität zu akzeptieren. Jetzt müssen wir erkennen, dass es kein Spaziergang wird.“

          Die Schuldenkrise hinterlässt auch Spuren in der Bilanz des Autobauers General Motors. Die Opel-Mutter nahm ihr Ziel zurück, in Europa auf bereinigter operativer Basis im Gesamtjahr die Verlustzone hinter sich zu lassen. Das sei wegen der wirtschaftlichen Lage dort nicht zu schaffen, räumte der Konzern ein. Die Aktie gab knapp elf Prozent nach.

          Gestiegene Rohstoffkosten und ein verhaltener Ausblick auf das Weihnachtsgeschäft belasteten das Papier des Einzelhändlers Macy’s. Zwar konnte die Kaufhauskette stärker wachsen als die Konkurrenz, doch fiel die Bruttomarge auf 39,4 Prozent. Macy’s gab die gestiegenen Kosten für Baumwolle und Logistik an die Kunden weiter und erhöhte die Preise. Der Konzern erhöhte zwar die Prognose für das Gesamtjahr, jedoch nicht so stark wie von der Wall Street erhofft. Dies löste Besorgnis über das wichtige Weihnachtsgeschäft aus. Die Aktie gab um 5,3 Prozent nach.

          Im Blickpunkt der Anleger standen auch die Papiere von Adobe Systems. Der Softwarehersteller kündigte an, mehr als sieben Prozent seiner Stellen zu streichen. Außerdem gab Adobe bekannt, die Entwicklung des populären Flash-Players für Mobilgeräte einzustellen. Damit ist der Kampf um einen einheitlichen Standard für Videos und Grafiken im Internet praktisch zugunsten von Apple entschieden. Der iPhone-Hersteller baut bei seinen Mobilgeräten auf HTML5. Adobes Anteilsscheine brachen um knapp 7,7 Prozent ein. Apple-Papiere notierten 2,7 Prozent niedriger. Im Vorfeld der Quartalszahlen gaben Cisco Systems 3,8 Prozent nach. Der einstige Technologievorreiter informierte nach Börsenschluss über die jüngste Geschäftsentwicklung.

          Amerikanische Anleihen profitieren von Sorgen um Italien

          Mit sehr festen Kursen haben sich die Notierungen der amerikanischen Staatsanleihen am Mittwoch im späten New Yorker Handel gezeigt. Sorgen über einen möglicherweise bevorstehenden Zahlungsausfall Italiens trieben die Anleger in den vermeintlich sicheren Rentenhafen. Zu den schlechten Nachrichten aus Europa gesellten sich enttäuschende amerikanische Konjunkturdaten. Belastend wirkte dagegen eine Auktion zehnjähriger Notes, die auf eine schwache Nachfrage gestoßen war.

          Zehnjährige Anleihen mit einem Kupon von 2,125 Prozent stiegen um 1-01/32 auf 101-14/32 und rentierten mit 1,96 Prozent. Der mit 3,750 Prozent verzinste Longbond kletterte um 2-15/32 auf 114-06/32, seine Rendite sank damit auf 3,02 Prozent.

          Die Erleichterung über die Rücktrittsankündigung des italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi vom Vortag sei schnell verflogen, hieß es von Händlern, nachdem die Zinsen für zehnjährige italienische Staatsanleihen am Mittwoch auf über 7 Prozent gestiegen waren. „Das ist das Niveau auf dem andere Krisenländer der Eurozone pleite waren und gerettet werden mussten“, erklärte ein Marktteilnehmer. Die Anleger hätten realisiert, dass sich fundamental eigentlich nichts an der Situation geändert habe.

          Auftrieb bekamen die amerikanischen Anleihen zudem von Konjunkturseite. Die Lagerbestände im amerikanischen Großhandel sind im September überraschend um 0,1 Prozent gesunken, was auf eine erhöhte Vorsicht der Unternehmen hindeutet. Ökonomen hatten dagegen ein Plus von 0,6 Prozent erwartet.

          Eine schwach verlaufene Auktion zehnjähriger Notes brachte jedoch einen Dämpfer. Die Auktion sei auf eine relativ geringe Nachfrage gestoßen, sagen Beobachter. Die Zeichnungsquote (Bid-to-Cover) lag mit 2,64 auf dem niedrigsten Niveau seit Dezember 2009. Während der vorigen acht Auktionen wurde im Schnitt eine Quote von 3,12 erzielt.

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