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BIZ-Jahresbericht : Märkte in Gefahr

Dass die Geldpolitik an ihre Grenzen angelangt sei, machen die BIZ-Volkswirte auch an den verstärkten Kursschwankungen der Finanzmärkte fest. Die sich ausbreitenden negativen Zinsen betrachtet die BIZ als Anomalie. Nach Angaben von Borio habe sich der Bestand an Staatsanleihen, die mit negativen Renditen gehandelt werden, in den zwölf Monaten bis Mitte Juni von 2 Billionen auf 9 Billionen Dollar erhöht. Der größte Teil davon entfällt auf japanische Staatsanleihen. Von den Staatsanleihen im Euroraum über insgesamt knapp 6 Billionen Euro befindet sich inzwischen die Hälfte im negativen Renditebereich. „Die Grenzen des Undenkbaren werden immer weiter ausgedehnt“, sagte Borio.

Caruana wies auf die Gefahren der niedrigen Zinsen hin. Sie führten zu einer Verringerung der Risikoprämien und einer Überbewertung an den Finanzmärkten, was diese anfälliger für abrupte Abwärtskorrekturen mache. Die Zinsmargen der Banken erodierten, die Versicherer seien mit einer wachsenden Diskrepanz zwischen Erträgen und Verpflichtungen konfrontiert und die Pensionskassen mit höheren Belastungen. Schließlich könnten negative Zinsen das Vertrauen der Sparer erschüttern und deren Verhalten auf schwer vorhersehbare Art und Weise erschüttern, sagte Caruana.

Die Inflation bleibt niedrig

Trotz der massiven Zentralbankmaßnahmen seit der Krise bleibe die Inflation auf einem niedrigen Niveau. So liegt die Europäische Zentralbank (EZB) noch immer von der Zielrate für die Teuerung von 2 Prozent weit entfernt, obwohl sie im März 2015 ein Anleihekaufprogramm aufgelegt hat, das inzwischen 1,7 Billionen Euro umfasst. Die BIZ macht für die weit verbreitete Skepsis an den Märkten auch die Maßnahmen in Reaktion auf die Finanzkrise verantwortlich. Zwar gelang es den Entscheidungsträgern die Wirtschaft zu stabilisieren, aber tiefgreifenden Maßnahmen wie eine Bilanzsanierung der Banken oder strukturelle Reformen seien zu wenig Beachtung geschenkt worden.

Die BIZ-Volkswirte befürchten nun eine größere, unvermeidliche und auch notwendige Anpassung. In den Schwellenländern steuerten die Finanzzyklen auf ihre Höhepunkte zu oder hätten diesen schon überschritten. Ein Beispiel dafür ist der deutliche Kurseinbruch an den chinesischen Aktienmärkten. In diesen aufstrebenden Volkswirtschaften verlangsame sich das Wachstum, als Folge davon fielen die Rohstoffpreise wie etwa der Ölpreis. Die Straffung der amerikanischen Geldpolitik habe zudem den Dollar verteuert, was die Finanzierungsbedingungen der in dieser Währung verschuldeten Schwellenländer verschärft habe. Dazu zählen Unternehmen aus China oder Brasilien. Wie BIZ-Chefvolkswirt Hyun Song Shin ausführt, ist die Wertentwicklung der Währungen aus Schwellenländern eng korreliert mit den Finanzierungskonditionen. Werde die Landeswährung schwächer, dann würden die Konditionen schärfer.

Deshalb fordert Caruana eine langfristige Perspektive in der wirtschaftspolitischen Ausrichtung. Zu den erforderlichen langfristigen Maßnahmen zählt die BIZ Änderungen in den Steuer- und Subventionssystemen, so dass kein verzerrender Anreiz mehr für die Schuldenaufnahme bestehe. Die BIZ spricht sich deshalb gegen die bevorzugte Behandlung von Staatsanleihen in Bankbilanzen aus. Nach der Nullgewichtung müssen die Banken kein Kapital als Verlustpuffer für die Risiken von Staatsanleihen vorhalten. Das hat sich seit dem Schuldenschnitt Griechenlands als falsche Annahme erwiesen. Darüber hinaus hält die BIZ auch die steuerliche Bevorteilung von Schulden im Vergleich zum Eigenkapital bei Unternehmen für verkehrt ebenso wie die steuerlichen Erleichterungen für Hypothekenkredite.

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