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Billig durch Europa : Nie war Fliegen so bunt wie heute

Es wird darum günstigere Flüge über den Atlantik geben, auf die Seychellen oder gar nach Ostasien. Der Grund dafür: Die Lufthansa muss sich gegen arabische und asiatische Luftfahrtgesellschaften wie Etihad, Emirates und Qatar zur Wehr setzen. Die Golf-Airline Etihad beispielsweise stieg erst Anfang des Monats mit 49 Prozent bei Alitalia ein und kann damit indirekt nun auch aus Europa heraus Langstreckenflüge anbieten. Das setzt die angestammten europäischen Fluggesellschaften unter Druck. Auch sie müssen ihren Kunden Angebote machen, die günstiger sind als ein Linienflug und berechenbarer verfügbar als die seltenen Schnäppchen nach New York. Und es ist wichtig, sich dabei vor allem um Privatpersonen zu kümmern, wie das Beispiel Deutschland zeigt: Drei Viertel der interkontinentalen Reisen, die die Deutschen unternehmen, sind privat motiviert. Und Privatpassagiere wollen nun einmal billig fliegen.

„Die Langstrecke ist die Königsklasse“

Wird man sogar noch von mehr träumen dürfen – gar von einem Netz von Low-Cost-Verbindungen kreuz und quer durch die Welt? Wird die europäische Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte jetzt sogar zur Blaupause für eine neue globale Flugwelt? Ganz so einfach ist es nicht. Dass neue Strecken an großen Verkehrsknotenpunkten vorbei (man denke in Europa nur Girona–Maastricht) plötzlich überall entstehen werden, ist eher unwahrscheinlich. Aber eines ist sicher: Auch auf den langen Strecken wird es billiger werden.

„Die Langstrecke ist die Königsklasse“, sagt der Verkehrswissenschaftler Johannes Reichmuth von der RWTH Aachen und gleichzeitig Direktor des Instituts für Flughafenwesen und Luftverkehr des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt DLR. „Für sie braucht man andere Flugzeuge, mehr Kapital und in der Regel ein Zubringernetzwerk, um die größeren Langstreckenflugzeuge zu füllen.“ Das Geschäft sei damit deutlich komplexer als die recht einfache Bedienung von Stadt zu Stadt im Pendelverkehr, bei dem die Maschinen kaum 25 Minuten am Boden verharren. Die sogenannten Fixkosten liegen sehr viel höher, was den Gestaltungsspielraum der Fluggesellschaften verringert. Trotzdem: Dass es auf langen Strecken immer mehr Anbieter geben wird, die dauerhaft Billigflüge auf der Langstrecke anbieten, ist für den Experten jetzt schon klar. „Denn die Menschheit will fliegen“, sagt Reichmuth und verweist auf die Prognosen der großen Flugzeughersteller – die im Übrigen auch von Flughäfen und Regierungen als relativ treffsicher angesehen werden. Airbus zum Beispiel rechnet mit einem Wachstum der Verkehrsleistung in der Luft von jährlich fast fünf Prozent – und das in einer Prognose bis zum Jahr 2032.

Für knapp 208 Euro von Berlin nach Florida

Die Fluggesellschaften lernen jedenfalls dazu. Aus dem Scheitern der amerikanischen People-Express Anfang der achtziger Jahre oder dem Untergang der Oasis Hongkong Airline 2008, die sich an Billigangeboten von Hongkong nach London für umgerechnet 110 Euro verhob, haben sie ihre Lehren gezogen. „Es gibt inzwischen wirtschaftlich stabilere Ansätze“, sagt Carl-Stefan Neumann, Senior-Partner bei McKinsey, spezialisiert unter anderem auf den Luftverkehrsmarkt. Darunter ganz vorne die malaysische „Air Asia X“, die in der Luftfahrtbranche als Musterbeispiel gilt. Sie bietet Flüge von Kuala Lumpur nach Adelaide mit einer Flugzeit von über sieben Stunden in der Economyclass für derzeit gerade einmal 110 Dollar an. „Die vielversprechenderen Strategien setzen auf dichte Bestuhlung, treibstoffeffiziente Flugzeuge und die bereits aus dem Kurzstreckenbereich bekannten kostenpflichtigen Zusatzleistungen“, sagt Neumann.

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