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Bilanzsaison : Wall Street erwartet Erholung der Finanzbranche

  • -Aktualisiert am

Bild: dapd

Die schwierige Börsenphase dürfte Banken an der Wall Street das Quartal verhagelt haben. Für den Rest des Jahres rechnen Analysten allerdings mit kräftigem Gewinnwachstum.

          3 Min.

          Kurz vor Auftakt der Bilanzsaison der amerikanischen Banken macht sich an der Wall Street nach einer langen Durststrecke Optimismus für die Finanzbranche breit. Das Branchenbarometer KBW Bank Index ist in den ersten Handelstagen des neuen Jahres um mehr als 10 Prozent gestiegen - fast dreimal so stark wie der breit gefasste Aktienindex S&P 500. Dabei erwarten die Auguren an der Wall Street eher gemischte Resultate, wenn das führende Institut JP Morgan Chase am Freitag als erste Großbank den Geschäftsbericht für das vierte Quartal vorlegen wird. Vor allem für Banken, die auf Wertpapiergeschäfte spezialisiert sindwie Goldman Sachs oder Morgan Stanleywerden schwache Ergebnisse erwartet, weil sich deren Kunden wegen der unsicheren Börsenlage in den vergangenen drei Monaten mit Engagements zurückgehalten haben.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Das Kapitalmarktgeschäft wird nach Ansicht von Analysten auch die Gesamtergebnisse großer Universalbanken wie JP Morgan oder der Bank of America belasten, die auch große Kreditsparten besitzen. Die Nachfrage nach Krediten, vor allem seitens mittelständischer Firmen ist aber robuster als erwartet. Nach Angaben der Notenbank Fed ist das Firmenkreditvolumen im vergangenen Jahr um 12 Prozent gestiegen. Allein im vierten Quartal hatte sich das Volumen um 4 Prozent erweitert. „Die Gewinne der beiden Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley werden nicht großartig sein“, prognostiziert Analyst Richard Bove vom Wertpapierhaus Rochdale Securities. Für Universalbanken dürften die Ergebnisse besser ausfallen, aber am besten dürften nach Ansicht von Bove aber Regionalbanken abschneiden, die in der Regel keine großen Wertpapiersparten haben.

          Für JP Morgan ist das Investmentbanking, also der Handel mit Wertpapieren, die Beratung bei Fusionen und Übernahmen von Unternehmen sowie das Emissionsgeschäft mit Anleihen und Aktien traditionell eine wichtige Gewinnquelle. An der Wall Street dürften die Einkünfte aus dem Beratungs- und Emissionsgeschäft im Vergleich zum dritten Quartal insgesamt stagniert haben, meint Analyst David Trone vom Wertpapierhaus JMP Securities. Die Einkünfte aus dem Handel mit Wertpapieren dürften sogar gefallen sein. Schon das dritte Quartal war für Investmentbanken schwierig gewesen, weil es wegen der starken Schwankungen der Aktienkurse unter anderem wochenlang keine Börsengänge gegeben hatte. Für JP Morgan, die als stärkste amerikanische Bank aus der Finanzkrise hervorgegangen war, wird das schwache Kapitalmarktgeschäft in einem Rückgang des Gewinns um 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr resultieren - falls die Analysten richtig schätzen.

          Für die Konkurrenten Citigroup, Wells Fargo und Bank of America, die in der kommenden Woche berichten werden, erwarten Analysten allerdings ein Gewinnwachstum. Insgesamt kalkulieren Analysten nach Angaben des Informationsdienstes Thomson Reuters für die im S&P 500 abgebildeten Finanzwerte im Durchschnitt mit einem Gewinnzuwachs von knapp 10 Prozent. Seit Anfang des Quartals haben die Auguren ihre Prognosen jedoch deutlich reduziert. Das gilt auch für den gesamten S&P 500, für den Analysten derzeit ein Gewinnwachstum von knapp 8 Prozent avisieren.

          Für Goldman Sachs und Morgan Stanley, die ebenfalls in der kommenden Woche ihre Zahlen vorlegen werden, haben Analysten die Gewinnerwartungen in den vergangenen Wochen drastisch eingedampft. Sollten die Vorhersagen eintreten, würde Goldman mit Einkünften von 30 Milliarden Dollar das schwächste Jahresergebnis seit zwei Jahren ausweisen. In den ersten neun Monaten des Jahres stammten mehr als 60 Prozent der Einkünfte von Goldman Sachs aus dem Handelsgeschäft. An der Wall Street wird wegen des schwachen Geschäftsumfelds schon mit schrumpfenden Bonuszahlungen gerechnet. Dazu verlassen die bisherigen Leiter der Handelssparte von Goldman Sachs, Edward Eisler und David Heller, die Bank. Wall-Street-Banken hatte zuletzt auch Tausende Mitarbeiter entlassen.

          Für 2012 rechnen Analysten wieder mit einer Erholung der Finanzbranche, die stark von der konjunkturellen Entwicklung abhängt. Nach Schätzungen dürften die Gewinne der Finanztitel im S&P 500 im laufenden Jahr um 23 Prozent steigen. Das wäre das kräftigste Wachstum aller Segmente. Die Entwicklung der Banken wird den gesamten Trend stark beeinflussen. Nach Berechnungen von Morgan Stanley wird allein die Bank of America rund 14 Prozent zum gesamten Wachstum im S&P 500 beitragen.

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