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Bericht vom internationalen Finanzmarkt : Ein Festival für Markthistoriker und Statistiker

  • -Aktualisiert am

Der Dow-Jones-Index kletterte erstmals über 13.000 Punkte Bild: REUTERS

Nie zuvor war der Gesamtwert aller Aktien auf der Welt so hoch. Der Markt befindet sich derzeit im Rausch neuer Rekorde. Nun werfen immer mehr Skeptiker das Handtuch. Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt.

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          Es hagelt täglich Rekorde, Höchst- oder Tiefststände - ein wahres Festival für die Markthistoriker und Statistiker unter den Anlegern. Nie zuvor war der Gesamtwert aller Aktien auf der Welt so hoch. Der Weltindex und auch der Schwellenländerindex von Morgan Stanley Capital International (MSCI) sind in der vergangenen Woche jeweils auf Rekordwerte gestiegen, und auch der populäre Dow-Jones-Index kletterte erstmals über die Marke von 13.000 Punkten. Im Devisenhandel wiederum markierte der Euro gegenüber Dollar und Yen ein historisches Hoch, während der Dollar-Index, der die Wechselkurse gegenüber allen wichtigen Handelspartnern Amerikas gewichtet, ein historisches Tief erreicht hat.

          Solche Extrempunkte sind erfahrungsgemäß oft Wegmarken, die das Ende einer zyklischen Bewegung einleiten. Doch weder am Aktienmarkt noch im Devisenhandel wird derzeit einer Trendumkehr das Wort geredet. Im Gegenteil, gerade im Euro-Raum, wo sich Deutschland langsam als konjunktureller Schrittmacher entpuppt, werfen immer mehr Skeptiker das Handtuch. Der Deutsche Aktienindex Dax ist zwar einer der wenigen Indizes, die im Laufe dieser Hausse noch kein neues historisches Hoch markiert haben. Deutsche Aktien zeigen in diesem Jahr aber eine weit bessere Wertentwicklung als die Aktien anderer großer Industrienationen.

          Wertentwicklung deutscher Aktien nachvollziehbar

          Aus gutem Grund: Die deutsche Wirtschaft ist eine der großen positiven Überraschungen dieses Jahres. Noch zu Jahresbeginn war auch im Ausland unterstellt worden, dass die kräftige Mehrwertsteuererhöhung und die schleichende Euro-Aufwertung konjunkturellen Gegenwind bescheren würden. Die Frühindikatoren signalisieren aber keine Bremsspuren: Der Ifo-Geschäftsklimaindex lag im April nur hauchdünn unter dem 16-JahresHoch vom Dezember 2006. Die Konsensprognose für das deutsche Wirtschaftswachstum steigt denn auch stetig. Manche Fachleute glauben inzwischen sogar, dass am Ende des Jahres eine 3 vor dem Komma stehen wird.

          Die starke Wertentwicklung deutscher Aktien ist somit durchaus nachvollziehbar. Seit Jahresbeginn steht für den Dax ein Plus von 11,8 Prozent zu Buche. In Amerika ist die relativ robuste Entwicklung des Aktienmarktes dagegen etwas rätselhaft. Warum erklimmt der DowJones-Index ausgerechnet dann ein neues Hoch, wenn die amerikanische Wirtschaft außer Tritt zu geraten scheint?

          Wachstum in Amerika wieder unterhalb von 3 Prozent

          Nach einer ersten Schätzung ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den ersten drei Monaten mit einer Jahresrate von nurmehr 1,3 Prozent gewachsen - der schwächste Quartalswert seit vier Jahren. In vier aufeinanderfolgenden Quartalen lag das amerikanische Wachstum jetzt unterhalb von 3 Prozent. Das ist in den vergangenen sechzig Jahren nie passiert, ohne dass unmittelbar danach eine Rezession gefolgt wäre. Doch von Rezession ist kaum die Rede, allenfalls von Stagflation, weil die Preissteigerungsraten in dieser Schwächephase beunruhigend hoch sind.

          Auf den zweiten Blick gibt es aber durchaus Argumente, die auch für den amerikanischen Aktienmarkt sprechen. Zum einen enthalten die jüngsten BIP-Zahlen auch eine positive Botschaft. Der private Konsum, der für fast 70 Prozent der amerikanischen Wirtschaft steht, ist im ersten Quartal um 3,8 Prozent gestiegen, hat also kaum an Dynamik eingebüßt. Zum anderen hatten die Anleger die Messlatte für die Unternehmensgewinne zuletzt sehr niedrig gelegt. Die jüngsten Quartalszahlen überraschen deshalb fast ausnahmslos positiv.

          Europäische Gewinnrendite liegt mit rund 7 Prozent

          Im direkten Vergleich schneiden europäische Aktien freilich weit besser ab als amerikanische - selbst wenn man den Währungsaspekt ausklammert. Europäische Dividendentitel weisen - gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis - immer noch einen Bewertungsabschlag von 10 bis 15 Prozent gegenüber amerikanischen Aktien auf. Dieser war in der Vergangenheit gerechtfertigt, weil die amerikanische Wirtschaft die höhere Wachstumsdynamik aufwies. Davon kann zumindest in diesem Jahr keine Rede mehr sein. Zum anderen spricht auch die relative Bewertung von Aktien gegenüber Zinstiteln für Europa.

          Die Gewinnrendite europäischer Aktien liegt mit rund 7 Prozent (reziproker Wert des KGV) immer noch deutlich über der Rendite von Unternehmensanleihen. In Amerika ist das nicht mehr der Fall. Das bedeutet auch, dass sich fremdfinanzierte Übernahmen in Europa weit besser rechnen als in Amerika. Das Übernahmefieber wird deshalb im Euro-Raum so schnell nicht abflauen. In der zurückliegenden Woche kam es zum bisher größten Leveraged Buyout in Europa: Der amerikanische Finanzinvestor KKR übernimmt für umgerechnet 22 Milliarden Dollar den Pharmahändler Alliance Boots, ein Unternehmen aus dem FT-SE-100-Index (Footsie).

          Gewinnprognosen werden wohl nach oben korrigiert

          Übernahmespekulationen und überraschend gute Quartalsergebnisse sind derzeit die treibenden Kräfte des Aktienmarktes. Gleichwohl tritt der Markt in eine saisonal schwierige Periode ein. Es ist statistisch belegt, dass sich Aktienkurse im Zeitraum von Mai bis Oktober signifikant schlechter entwickeln als in der Periode von November bis April. Die alte Börsenweisheit „Sell in May and go away“ war zum Beispiel im vergangenen Jahr, als es im Mai zu einer kräftigen Korrektur kam, ein guter Rat gewesen.

          In den Sommermonaten ist der Bedarf, die Gewinnschätzungen für die kommenden zwölf Monate nach unten zu revidieren, erfahrungsgemäß stark ausgeprägt, heißt es in einer Analyse der Helaba. Das könnte freilich in diesem Jahr genau anders herum laufen. Das unerwartet starke Wirtschaftswachstum im Euro-Raum dürfte eher dazu führen, dass die Gewinnprognosen nach oben korrigiert werden.

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