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Lorenz von Stein : Der Mann, der den Sozialstaat erfand

Lorenz von Stein (1815–1890) Bild: AKG/Bearbeitung F.A.S.

Lorenz von Stein rief im Jahr 1850 nach einem „Königtum der sozialen Reform“. Das Risiko von Krankheit und Alter sollte der Staat versichern. Eine Idee, die Otto von Bismarck inspirierte und bis heute gilt.

          In Frankreich bekam es Lorenz Stein mit der Angst vor der Revolution zu tun. Der junge Jurist aus dem damals dänischen Eckernförde hatte gerade an der Kieler Universität seine Doktorarbeit eingereicht, als er mit einem Stipendium des Kopenhagener Königs nach Paris aufbrach. Mit nicht ganz 26 Jahren traf er im Oktober 1841 in der damaligen Weltmetropole ein, anderthalb Jahre sollte er bleiben. Er schloss Bekanntschaft mit französischen Frühsozialisten wie Louis Blanc, las die Schriften ihrer verstorbenen Gesinnungsgenossen wie Henri de Saint-Simon.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Eher theoretisch als aus eigener Anschauung studierte er das Elend der Arbeiterklasse, auch wenn er dabei an seine eigene schwere Jugend gedacht haben mag, die er nach dem frühen Tod des Vaters zeitweise in einem Armenpflegeheim verbrachte. Er entdeckte die Armut als „unvermeidliche Begleiterin und perennierendes Übel“ der heraufziehenden Industriegesellschaft. Die politische Revolution von 1789, so analysierte er, habe zwar die alten Vorrechte beseitigt und der Erwerbsgesellschaft den Weg gebahnt, gerade dadurch aber neue Unfreiheit begünstigt.

          Die Geschichte einer Gesellschaft - und die Lösung ihrer Probleme

          „Wer kein Kapital hat, kann zu keinem gelangen“, stellte er fest. „So wird aus der besitzenden und nichtbesitzenden Klasse ein besitzender und nichtbesitzender Stand.“ Und wer materiell von anderen abhänge, der sei eben nicht frei. Es war die Zeit des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe, dessen politisches Programm im Wesentlichen aus der Aufforderung an seine Untertanen bestand: „Bereichern Sie sich!“ Der Gast aus Norddeutschland befand, dass das nicht lange gutgehen könne – und dass diejenigen, die dabei leer ausgingen, irgendwann aufbegehren würden.

          Diese Ideen formulierte er noch von Paris aus in seiner Frühschrift „Der Socialismus und Communismus des heutigen Frankreichs“. Als sich Stein 1848 durch den Ausbruch der Revolution in seinen Prognosen bestätigt sah, erweiterte er seine Thesen zum dreibändigen Hauptwerk „Die Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich von 1789 bis auf unsere Tage“, das 1850 erschien.

          Die rund 1.500 Seiten mit dem etwas sperrigen Titel haben es in sich. Stein schrieb nicht nur als erster Autor in Deutschland die Geschichte einer ganzen Gesellschaft, anstatt sich nur mit Königen und Kriegen, mit Haupt- und Staatsaktionen zu befassen. Er lieferte die Lösung der Probleme gleich mit.

          Die preußische Reformbürokratie als Vorbild

          Um die Konflikte der bürgerlichen Gesellschaft zu überwinden und einen blutigen Zusammenstoß wie in Frankreich zu vermeiden, so glaubte er, bedürfe es einer neutralen, über den Interessen schwebenden Instanz. Niemand anderes als die preußische Monarchie sollte demnach in Deutschland die Aufgabe übernehmen, sich um des eigenen Überlebens willen in ein „Königtum der sozialen Reform“ zu verwandeln. Das war keine Utopie aus dem luftleeren Raum.

          Dem Autor stand vielmehr ein konkretes historisches Vorbild vor Augen: die preußische Reformbürokratie, die schon ein halbes Jahrhundert zuvor unter dem großen Staatskanzler Karl August von Hardenberg die moderne Erwerbsgesellschaft gegen die alten Privilegien durchgesetzt hatte – und damit den gewaltsamen Zusammenstoß mit dem Bürgertum wie in Frankreich vermied. Warum sollte der Berliner Verwaltung jetzt nicht auch der zweite, in Steins Augen logische Schritt gelingen: die Errichtung eines Sozialstaats, der allen gesellschaftlichen Schichten den Erwerb von Besitz und damit praktisch erlebbare Freiheit möglich machte?

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