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Bezahlen in der Pandemie : Bargeldeinsatz sinkt um mehr als 70 Milliarden Euro

Nur Bares ist Wahres? In der Pandemie wird weniger mit Bargeld gezahlt, dafür offenbar mehr gehortet. Bild: dpa

Durch Corona bezahlen die Deutschen deutlich weniger mit Bargeld. Die Werttransport-Branche reduziert Fuhrpark und Personal. Manche Unternehmen verdienen an der Einlagerung von Bargeld für Banken.

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          Die Corona-Pandemie hat den Bargeldeinsatz in Deutschland etwa so stark zurückgedrängt, wie das sonst in sieben bis zehn Jahren passiert. Darauf reagiert die Werttransport-Branche, indem sie die Zahl der Geldtransporter und der Mitarbeiter verringert. Im Handel seien durch die verstärkte Kartenzahlung im vergangenen Jahr mehr als 70 Milliarden Euro Bargeld weniger eingesetzt worden als im Vorjahr, sagte Harald Olschok, der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste, der F.A.Z. Für die Werttransportbranche habe das einen Umsatzrückgang um 25 Prozent bedeutet, von 600 auf 450 Millionen Euro. Die Transportunternehmen hätten die Zahl der Geldtransporter um rund 6 Prozent auf 2280 verringert, knapp 300 Arbeitsplätze seien in diesem Zusammenhang abgebaut worden.

          Christian Siedenbiedel
          (sibi.), Finanzen, Wirtschaft

          Normalerweise sinke der Anteil des Bargeldes im Handel langsam, aber stetig um etwa einen Prozentpunkt im Jahr. Mit der Pandemie habe sich das deutlich beschleunigt auf zuletzt weniger als 40 Prozent des Volumens der Zahlungen im Handel. Man rechne zwar damit, dass das Volumen der Zahlungstransaktionen im Handel nach dem Lockdown wieder steige – der Anteil der Barzahlungen aber werde wohl nicht wieder auf das alte Niveau zurückkehren.

          In der Pandemie werde zwar weniger Bargeld im Handel eingesetzt, dafür sei die Nachfrage nach Bargeld zum Horten stark gestiegen. Nur verdienten die Transportunternehmen daran nur einmal, wenn das Geld dann beim Empfänger verbleibe. „Im Februar und März vergangenen Jahres ging die Bargeldnachfrage drastisch nach oben“, sagte Olschok. „Unsere Geldtransporter sind Tag und Nacht gefahren.“ Der Bargeldumlauf im Euroraum sei auf Jahressicht um 11 Prozent auf 1,1434 Billionen Euro gestiegen – das sei der stärkste Anstieg seit der Euroeinführung gewesen. Aber das Geld werde nicht mehr so stark bewegt.

          Weniger Geldautomaten, weniger Bankfilialen

          Die Arbeitsgemeinschaft Geldautomaten, in der unabhängige Automatenaufsteller zusammengeschlossen sind, habe im Zuge der Pandemie bis zu 10 Prozent ihrer Automaten abgebaut. Bei den Banken und Sparkassen, die nicht von den Automaten leben müssten, sei die Entwicklung langsamer. In der Kreditwirtschaft mache sich aber bemerkbar, dass die Krise dafür genutzt werde, das Zweigstellennetz zu verringern. Der Verband schätzt, dass es 2025 nur noch 15.000 Bankfilialen in Deutschland geben wird – nicht mal mehr die Hälfte früherer Jahre. Auch die Bundesbank verringere die Zahl ihrer Dependancen im Zuge des geringeren Bargeldeinsatzes, zuletzt in Nordrhein-Westfalen durch den Aufbau einer „Superfiliale“.

          Ein neues Geschäftsmodell hätten manche Geld- und Wertdienste durch die Negativzinsen der Europäischen Zentralbank entdeckt. „Es gibt Kreditunternehmen, die Milliarden bei unseren Unternehmen in bar einlagern“, sagte Olschok. Sie vermieden dadurch, selbst Negativzinsen zahlen zu müssen. Vor einigen Jahren hatte die Münchner Rück mal öffentlich über solche Pläne spekuliert.

          Olschok warb noch einmal fürs Bargeld, seine Anonymität und die Möglichkeit, dass jeder Zugang dazu habe. Der Verband unterstützt eine neue Initiative „Bargeld zählt!“ und spricht sich dafür aus, eine Art Recht aufs Barzahlen auch gesetzlich zu verankern. Strengere Obergrenzen für Barzahlungen lehnt er ab. „Schwarzarbeit, Prostitution, Korruption – alles wird immer dem Bargeld zugeschrieben“, sagte Olschok. Dabei zeige aus seiner Sicht beispielsweise der Fall des Online-Zahlungsdienstleisters Wirecard, dass es auch andere Möglichkeiten als Bargeld gebe, Geld zu verbrennen.

          Die Einstellung des 500-Euro-Scheines durch die EZB vor einiger Zeit, sonst von Bargeldfreunden oftmals auch scharf kritisiert, sieht Olschok für seine Branche sogar eher als Vorteil. Schließlich übernähmen kleinere Geldscheine jetzt die Rolle des großen: „Wenn jetzt jemand 10.000 Euro in seinem Tresor einlagern will, entsteht aus unserer Sicht ein größeres Bargeld-Transportvolumen als früher.“

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