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Bargeld : Genosse Geldautomat hat weniger zu tun

Gut gestückelt: Am Geldautomaten einer Sparkasse Bild: dpa

Wegen der Pandemie bricht die Nachfrage nach Banknoten ein. Kersten Trojanus von der Arbeitsgemeinschaft Geldautomaten spricht über die Krisenfolgen.

          3 Min.

          Zu Anfang der Corona-Krise sind viele Leute auch in Deutschland zum Geldautomaten gelaufen, um sich vorsichtshalber mit einem Bargeldvorrat einzudecken. Mittlerweile aber hat sich das umgekehrt – und viele Geldautomaten haben mit einem Besuchermangel zu kämpfen. Manche werden sogar schon vorübergehend stillgelegt und gar abgebaut, wie Kersten Trojanus sagt, der Geschäftsführer des Geldautomaten-Betreibers IC Cash und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Geldautomaten, die Geldautomatenbetreiber jenseits der Geschäftsbanken vertritt. Trojanus spricht von einem „Einbruch der Nachfrage nach Bargeld an den Geldautomaten“.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ein Rückgang der Abhebevorgänge sei schon im Verlauf des ersten Shutdowns zu beobachten gewesen – jetzt im zweiten Shutdown sei es wieder so ähnlich. „Die Nachfrage nach Bargeld an Geldautomaten der Arbeitsgemeinschaft Geldautomaten beträgt im Moment lediglich etwa 30 Prozent des Normalzustands.“ Der Verbandsvertreter führte weiter aus, er halte die rückläufige Nachfrage nach Bargeld aber für ein vorübergehendes Phänomen: „Das dürfte sich nach der Corona-Krise wieder normalisieren – zumindest bis fast auf den alten Zustand.“

          Vor allem an touristischen Standorten wie an Hauptbahnhöfen, Flughäfen oder an der Berliner Mauer werde derzeit weniger Bargeld nachgefragt – da spüre man die Abwesenheit der Touristen, die immer sehr „bargeldaffin“ seien. „Auch in manchen Innenstädten ist die Bargeldnachfrage stark rückläufig, weil kaum jemand zum Shoppen in die Geschäfte geht und mehr Leute als sonst vieles im Internet bestellen.“

          Geräte teils schon stillgelegt

          Einige Anbieter von Geldautomaten hätten Geräte schon stillgelegt oder sogar abgebaut, sein Unternehmen IC Cash beispielsweise in einer Größenordnung von 20 oder 30 Automaten. „Das ist vor allem da der Fall, wo die Mieten für die Geldautomaten-Standorte hoch sind“, sagte Trojanus. Die Zahl der Geldautomaten, die jetzt noch in Betrieb seien, sei deshalb geringfügig niedriger als vor der Pandemie. Insgesamt kämen die Drittanbieter in Deutschland, also die Nicht-Geschäftsbanken, auf gut 5000 Geldautomaten, das seien ungefähr 10 Prozent aller Geräte.

          Die Banken und Sparkassen hätten jetzt zum ersten Mal seit der Erfindung des Geldautomaten die Zahl ihrer Geräte in Deutschland verringert, auf gut 51000, sagte Trojanus weiter, vor allem durch Filialschließungen. Dieser Abbau von Banken-Geldautomaten werde weitergehen. An attraktiven Standorten sei das manchmal auch eine Chance für Drittanbieter: „Es gibt aber natürlich auch kleine Orte, in denen sich Geldautomaten nicht lohnen – manchmal verhandeln wir dort mit der Gemeinde über eine Unterstützung.“

          Die wenigen Geldautomaten im Lebensmittelhandel hingegen liefen ungewöhnlich gut. Und das, obwohl viele Supermärkte zum Zahlen mit Karte rieten, sagte Trojanus. Offenbar hätten manche Supermärkte die Auszahlung von Bargeld an der Kasse etwas zurückgefahren – und auch manche Kunden wollten offenbar derzeit lieber „frische Banknoten“ aus dem Geldautomaten als die Scheine aus der Supermarktkasse. Während bei vielen Banken das Geldabheben für eigene Kunden kostenlos ist, nehmen die Drittanbieter für Abhebungen Gebühren, im Durchschnitt 3,95 bis 4,95 Euro je Abhebevorgang, wie Trojanus ausführte. Das sei so ähnlich wie bei vielen Banken-Automaten für Kunden fremder Banken: „Es gibt aber auch einzelne Geldautomaten an viel frequentierten und teuren Standorten, an denen die Gebühren höher sind.“

          Wird es wieder wie früher?

          Der Handel versuche zum Teil, mit der Begründung der Corona-Pandemie das Bargeld zurückzudrängen, glaubt der Verbandsvertreter: „Da frage ich mich dann allerdings schon manchmal, ob es wirklich unbedingt gesünder ist, auf dem Pin-Pad an der Kasse für die Geheimzahl herum- zutippen, das vorher von vielen Menschen benutzt wurde, als Bargeld zu verwenden.“

          Er glaube, nach der Pandemie würden die Leute wieder mehr Bargeld verwenden – wenn auch vielleicht nicht ganz so viel wie früher. Der digitale Euro, mit dem die Europäische Zentralbank gerade experimentiert, werde das Bargeld nicht so schnell verdrängen, meint Trojanus. Es dauere sicher noch vier bis fünf Jahre, bis die EZB so weit sei: „Wir sind da nicht China, da geht das alles schneller mit Beschluss von oben.“ Bis der digitale Euro dem Bargeld nennenswert Marktanteile abgenommen habe, werde es sicher noch acht bis zehn Jahre dauern, meint Trojanus: „Ganz verschwinden wird das Bargeld nach meiner Einschätzung aber nicht, auch wenn sein Einsatz im täglichen Zahlungsverkehr weiter zurückgehen wird.“

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