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Bankgeheimnis : Wie einem Bankier die heile Schweiz zusammenbricht

  • -Aktualisiert am

Ein Hort der Diskretion: Die schweizer Bank Bild: AP

Ausgerechnet Hans J. Bär, der Doyen der Zürcher Bankiers, greift das Bankgeheimnis an. Für den Tabubruch auf den letzten Seiten seiner sehr interessanten und höchst amüsanten Autobiographie gibt es mehrere Gründe.

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          Früher mußte man ein Linker sein, um zum Schweizer Nestbeschmutzer zu werden. Beim besonders heiklen Bankgeheimnis kann selbst ein Konservativer gelegentlich zum vaterlandslosen Gesellen werden. Das widerfährt ausgerechnet Hans J. Bär, dem Doyen der Zürcher Bankiers, der nicht allein mit seiner schieren Größe viele Manager des Finanzplatzes überragt, sondern auch mit der Fülle seiner geistigen und musischen Interessen.

          Der 76 Jahre alte Bär hat es in einem Buch gewagt, an ein Tabu zu rühren, und seitdem wurde er gewissermaßen aus der Gilde der ehrenwerten Bankiers ausgeschlossen, obwohl die Bank Julius Bär zu den nobelsten Häusern der Bahnhofstraße zählt, wo viele Reiche aus aller Welt diskret ihre Millionen deponieren.

          Kulturkritische Sentenzen

          Auf den letzten Seiten seiner sehr interessanten und dazu höchst amüsanten Autobiographie "Seid umschlungen, Millionen" (Verlag Orell Füssli) hat Bär sich nicht nur zu einigen kulturkritischen Sentenzen hinreißen lassen über das Zeitalter der Gier ("Vorstandsbezüge im zweistelligen Millionenbereich sind eine Anstiftung zum Klassenkampf"), sondern auch ein paar Sätze formuliert, die seine Kollegen schockierten. "Das Bankgeheimnis macht uns fett und impotent", so schreibt er. "Es ist ein defensives Instrument, das die Schweiz vom allgemeinen Wettbewerb verschont."

          Dies allein ist schon starker Tobak, doch in einem Interview mit der "Weltwoche", bei dem es ebenfalls um sein gerade erschienenes Buch ging, wurde er noch deutlicher. Der Autor wertet es als ethisch fragwürdig, nur bei Steuerbetrug dem ausländischen Fiskus Auskunft zu erteilen, nicht aber beim Delikt der Steuerhinterziehung. Er würde das Bankgeheimnis nicht abschaffen, so Bär, den Schutz aber begrenzen.

          2000 Milliarden Franken ausländischer Gelder

          Solch eine harsche Kritik am Bankgeheimnis, wie sie Bär nun vorbrachte, gab es bisher nur von Schweizer Sozialdemokraten und von Dritte-Welt-Organisationen - und natürlich vom deutschen Finanzminister Hans Eichel. Denn die schlaumeierische Unterscheidung zwischen zwei fiskalischen Vergehen, dem strafbaren Betrug und der weniger anstößigen Hinterziehung, macht die Schweiz zur Oase für unversteuertes Geld, lockte etwa 2000 Milliarden Franken ausländischer Gelder ins Land.

          Banker argumentieren, sie schützten bloß die Privatsphäre ihrer Kunden, tatsächlich aber leisten sie, weil sie keine Rechtshilfe gewähren, mit Unschuldsmiene Beihilfe zur Steuerhinterziehung, die in der Schweiz selbst keinesfalls als Kavaliersdelikt gilt. Man schätzt, daß ohne das Bankgeheimnis etwa ein Drittel der ausländischen Gelder abfließen würde.

          Mögliche Gründe für den Fauxpas: "Herkunft und Religion"

          Hans Bär wird von seinen Kollegen zwar nicht lauthals beschimpft, denn Schweizer Banker haben Manieren. Die öffentliche Kritik kommt vornehm, aber gleichwohl schneidend daher. Sie hat diesen sonst selbstbewußten und weltgewandten Mann derart verunsichert, daß er kürzlich in einem Fernsehgespräch um seine Thesen ziemlich herumlavierte, um nicht - wie er sagte - "noch mehr Öl ins Feuer zu gießen". Es war sein letztes Interview, seitdem schweigt er.

          Die Schweizerische Bankiervereinigung beteuert zwar, als freier Bürger könne Bär natürlich seine persönliche Meinung äußern, doch man versucht den Autor als einen Alten darzustellen, der nicht mehr ganz von dieser Welt ist und nichts mehr vom aktiven Geschäft versteht. Die Bank Bär, in der heute sein Sohn Raymond Verwaltungsratspräsident ist, weist darauf hin, daß sie andere Maximen vertritt. Der Genfer Privatbankier Ivan Pictet lobt den Kollegen zwar als große Persönlichkeit, verweist aber darauf, daß Bär seit zehn Jahren nicht mehr aktiv ist. Ferner erwähnt er noch als mögliche Gründe für den Fauxpas "Herkunft und Religion".

          Der Hinweis auf den jüdischen Glauben von Bär (seine deutschen Vorfahren stammen aus Worms und Bruchsal) kommt zwar nur sehr vorsichtig, wie das in der Schweiz halt Sitte ist. Der religiöse Aspekt spielt aber im Hintergrund der Debatte eine wichtige Rolle.

          „Die helvetische Variante, der unorganisierte Diebstahl"

          Die Banker ärgert es eben nicht nur, daß Bär gerade in der jetzigen Auseinandersetzung mit der EU um die Zinsbesteuerung das Bankgeheimnis attackiert. Es wurmt sie vermutlich noch mehr, daß er in seinem Buch die Schweizer Banken wegen ihrer mangelnden Einsicht in der Holocaust-Affäre angreift. Sie haben daraus nichts gelernt, schreibt er, sondern die Milliardenzahlung an die jüdischen Organisationen vor allem als Ergebnis einer antischweizerischen Verschwörung angesehen.

          Die jahrzehntelange Weigerung, Auskunft zu geben über nachrichtenlose Konten von Nazi-Verfolgten, hängt nach Ansicht von Bär auch mit dem eifrig gehüteten Bankgeheimnis zusammen. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe es zwar keine "große Ausplünderung" dieser Konten gegeben, so der Autor, wohl aber "die helvetische Variante, den unorganisierten Diebstahl". Ihm ist angesichts dessen "ein heiles Stück Schweiz zusammengebrochen".

          Sich der jüdischen Wurzeln erst in der Volcker-Kommission bewußt geworden

          Diese bitteren Sätze, die in dem lebenssatten und anekdotenreichen Buch eine Ausnahme sind, schreibt Bär ausdrücklich als Jude. Er hat sich lange nicht als solcher gefühlt, weil er säkular erzogen wurde in der Schweiz und in Amerika. Seine jüdischen Wurzeln seien ihm erst bewußt geworden, so Bär, als er Mitglied der Volcker-Kommission wurde, die Ende der neunziger Jahre das Verhalten der Schweizer Banken in der Nazi-Ära untersuchte.

          Der Bericht von Bär über jene Zeit ist nicht nur spannend, sondern auch ein zeitgeschichtliches Dokument. Es hilft zu erklären, warum die Schweizer trotz der Holocaust-Affäre ihr Selbstbild nicht änderten, warum sie mehrheitlich weiterhin davon überzeugt sind, in der Nazi-Zeit - abgesehen von einigen fragwürdigen Goldgeschäften - letztlich keine historische Schuld auf sich geladen zu haben.

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