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Wechsel im Vorstandsvorsitz : 80 Prozent der Bankchefs treten plötzlich oder erzwungen ab

Der frühere Commerzbank-Chef Martin Zielke musste im zweiten Halbjahr 2020 gehen. Bild: Reuters

Nach einer Studie von PWC laufen Führungswechsel in europäischen Banken selten nach Plan ab. Immerhin wird der Vorstandschef in gut der Hälfte der Fälle durch einen internen Kandidaten nachbesetzt. Frauen aber rücken selten auf.

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          Gut 14 Jahre nach der Insolvenz der US-Bank Lehman Brothers, mit der im September 2008 die größte Banken- und Finanzkrise seit den 1920/30-er Jahren ausbrach, wirkt die Finanzbranche saniert. Schon in der Corona- und nun auch in der Energiekrise verhinderten die Banken mit ihren Krediten und Liquiditätshilfen Unternehmensinsolvenzen und seien somit „Teil der Lösung“, sagt Christian Sewing, seit April 2018 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank und ab kommendem Frühjahr auch Präsident des Europäischen Bankenverbandes, gebetsmühlenartig. Auch wenn daran vieles stimmt, so zeigt doch eine noch unveröffentlichte Studie von Strategy&, der Strategieberatung des Wirtschaftsprüfers PWC, dass zumindest an der Führungsspitze auch in den vergangenen drei Jahren keine große Kontinuität in den europäischen Banken geherrscht hat und immer wieder die Notwendigkeit von Strategiewechsel zumindest aus Sicht der Eigentümer bestand.

          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          So gab es in deutschen Banken etwa in der Commerzbank und der Aareal Bank Wechsel auf dem Vorstandsvorsitz, auch bei ABN Amro und ING in Holland, bei UBS und Credit Suisse in der Schweiz oder bei Lloyds in Großbritannien. Nimmt man wie PWC die wichtigsten europäischen Banken und untersucht dort Nachfolgelösungen im Vorstandsvorsitz in den vergangenen drei Jahren, kommt man zu dem Schluss: Nur in 20 Prozent der rund 30 Fälle waren sie von langer Hand geplant. „Plötzliche oder erzwungene Wechsel im Vorstandsvorsitz sind in der europäischen Bankenlandschaft ein gängiges Nachfolgemuster“, lautet für Philipp Wackerbeck, Partner bei Strategy&, ein Ergebnis der Studie.

          Selten rücken Frauen auf

          PWC wollte auch herauszufinden, warum in 48 Prozent der Fälle ein neuer Vorstandsvorsitzender von außen geholt und in 52 Prozent der Fälle ein interner Kandidat auf den Vorstandsvorsitz berufen wurde. Dies hänge stark von der Geschäftslage der Bank ab, heißt es in der Studie. Haben sich die Geschäftszahlen der Bank unter dem alten Vorstandsvorsitzenden verbessert, sind die Chancen gut, dass sein Nachfolger aus den eigenen Reihen kommt. Laufen die Geschäfte dagegen (unverändert) schlecht und die Strategie des alten Vorstandschefs schlägt kaum an, wie es etwa in der Commerzbank unter Martin Zielke zwischen Mai 2016 und Sommer 2020 zu beobachten war, wird tendenziell ein Nachfolger von außen berufen, in der Commerzbank eben Manfred Knof von der Deutschen Bank.

          Weibliche Vorstandsvorsitzende sind in europäischen Banken selten. Nur bei jedem zehnten Wechsel auf dem Vorstandsvorsitz war eine Frau entweder Abtretende oder Nachfolgerin. So wurde etwa Kjerstin Braathen im September 2019 zur Vorstandsvorsitzenden der norwegischen Bank DNB Bank ASA berufen. Abberufen dagegen wurden im August 2022 Francesca McDonagh als Vorstandsvorsitzende der Bank of Ireland und Simone Westerfeld als Interim-Vorstandschefin der Basler Kantonalbank im September 2019. Ein weiblicher Aufstieg allerdings ist in Deutschland in Sicht: Anfang 2023 übernimmt Marion Höllinger in der Hypo-Vereinsbank den Vorstandsvorsitz von Michael Diederich, der Finanzvorstand des Fußballvereins FC Bayern München wird.

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