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Digitale Geschäftsmodelle : Deutsche Banken tun sich schwer in der Plattform-Welt

Bekannte Plattform-Unternehmen sind Amazon, Facebook, Google und Apple. Bild: Reuters

Schon ihre Rolle in einem digitalen Ökosystem zu bestimmen, fällt vielen Banken nicht leicht. Mit pfiffigen Ideen fällt die Volksbank Raiffeisenbank Würzburg auf.

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          Die deutschen Banken haben bekanntlich zu kämpfen. Ihre wichtigste Ertragsquelle, der Zinsüberschuss, schmilzt seit Jahren. Die Eigenkapitalrendite betrug nach Daten der Bundesbank zuletzt rund 2 Prozent – kein Unternehmer würde ein Bankrisiko bei einer derart (geringen) Gewinnaussicht eingehen. „Die Banken betreiben Kapitalvernichtung“, sagt Jürgen Moormann dazu. Der Professor für Bank- und Prozessmanagement an der Frankfurt School rät Banken, nicht nur ihre Kosten zu verringern, wie es Deutsche Bank und Commerzbank mit umfangreichem Stellenabbau und Filialschließungen gerade tun. „Mit Effizienzsteigerungen ist man schnell am Limit“, sagt Moormann. Auch wichtig sei, das Geschäftsmodell zu erneuern, um das Ertragspotential zu steigern.

          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dabei müssen sich Banken nach Ansicht Moormanns stärker darauf besinnen, dass im Internet leicht zugängliche Strukturen („Plattformen“) entstehen, die von der Interaktion von Anbietern und Kunden oft getrieben durch Daten leben. Eine Bank stehe künftig weniger im Wettbewerb mit einer anderen Bank als mit großen Plattformen wie Amazon oder Facebook. Diese Plattformen schüfen Wert durch die Verknüpfung verschiedener Akteure: ein rechtlicher Eigentümer („Orchestrator“) und ein Betreiber der IT-Infrastruktur bringen Konsumenten (Nutzer) und Anbieter zusammen. „Bankvorstände müssen sich fragen: Welche Rolle kann unsere Bank in einem solchen digitalen Ökosystem einnehmen?“, sagt Moormann. Eine Möglichkeit sei, die eigene Dienstleistung auf Plattformen wie Amazon und Google anzubieten. Der Professor nennt eine Umfrage der Beratungsgesellschaft PWC, worin sich 95 Prozent der befragten Banken für einen Aufbau eigener Ökosysteme aussprachen, aber davon die Hälfte dafür weniger als 500.000 Euro im Jahr ausgeben wollten. „Lächerlich“, hält Moormann diesen Betrag am Donnerstag im Gespräch mit Journalisten, davon lasse sich schließlich kaum mehr als ein Mitarbeiter bezahlen.

          COMMERZBANK AG

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          Als Kontrastprogramm verweist Moormann auf den chinesischen Versicherer Ping An, der 20.000 IT-Entwickler beschäftigt und Ökosysteme nicht nur für Finanzdienstleistungen, sondern inzwischen auch für Autovermietung, Online-Arztbesuche (250 Millionen registrierte Nutzer), Wohnungskauf und Plätze in Altersheimen aufgebaut hat. „Banken müssen IT-Unternehmen werden“, schließt der Bankprofessor daraus. Sie müssten ihre Daten genauer analysieren, selbst Software entwickeln und ihre IT-Infrastruktur anschlussfähig machen, sodass sich andere Plattformteilnehmer über offene Schnittstellen (API) daran andocken könnten. Eine veraltete IT, die Bankdaten über die erforderlichen und wichtigen Datensicherheitsvorgaben hinaus unnötig abschotten, gilt dafür als das größte Hindernis. Chancen für deutsche Banken sieht Moormann am ehesten in regionalen Ökosystemen, er hält die Rechenzentren der Sparkassen (Finanz Informatik) und der VR-Banken (Fiducia & GAD) in der Pflicht, dafür die nötige IT-Infrastruktur zu schaffen.

          Auch VR-Bank Würzburg pfiffig

          Die VR-Bank Würzburg gehört zu den wenigen Kreditinstituten, die als innovativ im Aufbau neuer Geschäftsfelder im Netz gelten. Die Genossenschaftsbank mit 2,3 Milliarden Euro Bilanzsumme, 300 Mitarbeitern und 80.000 Kunden hat sich schon 2016 aufgemacht, um etwas gegen wegbrechende Zinseinnahmen in siebenstelliger Höhe zu tun. Inzwischen gleiche sie ein Drittel davon mit Digital-Geschäften aus, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Joachim Erhard im Gespräch mit der F.A.Z.

          Zu den neuen Geschäftsfeldern gehört ein in Kooperation mit dem Fintech CrowdDesk betriebenes Internetportal namens VR-Crowd, auf dem die VR-Bank Würzburg von ihr geprüfte Immobilienprojekte von Bauträgern anbietet. Gegen eine feste Zinszusage können die Bankkunden Geld zwischen 250 und 250.000 Euro zur Verfügung stellen. Weil man auf die Beteiligung vieler Privatkunden setzt, nennt man dies „Schwarmfinanzierung“. Zehn Projekte sind in den vergangenen eineinhalb Jahren so schon finanziert worden, inzwischen bieten zwanzig weitere Banken auf dem Portal Immobilienprojekte an. Sie lassen sich für die Kapitalvermittlung bezahlen und können dem Bauträger anschließend mit einer Kreditfinanzierung beiseitestehen.

          Darüber hinaus will die VR-Bank Würzburg auch zum digitalen „Netzwerkknoten“ werden, indem sie ihren Privatkunden gegen Entgelt allerhand Dienstleistungen abnimmt, etwa die Digitalisierung privater Unterlagen. Oder Handwerker in der Region vermittelt. Oder Industriekunden mit (günstigen) Energieversorgern zusammenbringt. Für all diese mehr oder weniger banknahen Ideen braucht es anfangs strategische Fantasie, bei der Umsetzung ist vor allem Verständnis für Prozesse gefordert.

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