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Ausleseprozess : Nur jede zehnte Bank gewinnt

Eine Bank, die zu den Gewinnern zählt: die amerikanische J.P. Morgan. Bild: AFP

Für die Berater von McKinsey trennt sich die Spreu vom Weizen. Nur ein Zehntel der Institute wird die Gesamtgewinne der Branche verbuchen.

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          Die Banken haben die Corona-Pandemie besser weggesteckt, als vor einem Jahr erwartet worden war. Zu diesem Ergebnis kommen die Berater von McKinsey in ihrer aktuellen Bankenstudie, die an diesem Donnerstag veröffentlicht wird und der F.A.Z. vorab vorlag. Hatten die Berater vor einem Jahr noch eine Insolvenzwelle mit hohen Kreditverlusten und einem Vorsorgebedarf in Billionenhöhe angenommen, sind ihre Befürchtungen bislang nicht eingetreten. Denn die Weltwirtschaft hat sich besser entwickelt, und damit fallen die Kreditverluste geringer aus als in den Prognosen vor einem Jahr.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zwar rechnen die McKinsey-Berater nun mit einer Erholung der Banken mit steigenden Eigenkapitalrenditen bis zum Jahr 2025. Doch teilt sich nach Ansicht von Max Flötotto, Senior Partner und zuständig für Banken in Deutschland, die globale Bankenlandschaft immer mehr in Gewinner und Verlierer auf. Seit Beginn der Pandemie hat nach Berechnung von McKinsey die Finanzbranche an den Börsen 1,9 Billionen Dollar an Marktkapitalisierung hinzugewonnen. Davon entfiel der Studie zufolge mehr als die Hälfte auf neue Finanztechnologieunternehmen im Bereich Zahlungsverkehr sowie auf Börsen und einige Wertpapierhäuser.

          „Universalbank unter Druck“

          In Zukunft wird sich noch deutlicher die Spreu vom Weizen trennen. Die McKinsey-Berater erwarten, dass nur noch ein Zehntel der Institute die gesamten Gewinne der Branche für sich verbuchen kann. Klassische Banken werden es immer schwerer haben, Investoren von sich zu überzeugen. „Das Modell der Universalbank steht unter Druck“, sagt Flötotto im Gespräch mit der F.A.Z. Es gebe wenige Beispiele, die sehr erfolgreich seien. Die große Mehrheit habe seit 2010 entweder geringe Kursgewinne erzielt oder an Wert verloren.

          „Sie brauchen mutige und zügige Wachstumsschritte, um längerfristig mithalten zu können“, empfiehlt Flötotto. „Die Gewinner der Branche zeigen, dass es geht. Sie vereinen ein digitales Kundenerlebnis, eingebettete Finanzdienstleistungen, schlanke Prozesse und einen Fokus auf kontinuierliche Innovation“, fügt der McKinsey-Berater hinzu.

          Klassisches Modell wird durch neues ersetzt

          Spezialisierte Finanzdienstleister, insbesondere im Zahlungsverkehr, hätten zuletzt ein sehr hohes Wachstum aufweisen können, was sich auch in den Bewertungen widerspiegele. Doch auch hier sei zu beobachten, dass diese Spezialisten von einem gewissen Punkt an ihr Angebot mit klassischen Bankprodukten ergänzten. „Möglicherweise wird die klassische Universalbank durch ein neues Modell abgelöst, das den vorhandenen Kundenstamm nutzt, über das traditionelle Bankangebot hinausgeht und Einnahmen durch Zusatzleistungen steigert“, erwartet Flötotto.

          Viele der jungen Angreifer, also der Fintechs, seien aber noch weit von der Profitabilität entfernt. Die Spezialisierung zahle sich zunächst aus, weil die Angreifer auf ein Thema setzten und hier eine hohe Innovationskraft aufwiesen. „Doch irgendwann muss der Schritt vom reinen Fokus auf Kundenwachstum zur Profitabilisierung folgen.“

          Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die deutschen Bankbilanzen waren nach Angaben von Flötotto bislang weniger schlimm als vor einem Jahr noch befürchtet. Deutsche Institute weisen nach seiner Meinung im internationalen Vergleich weiterhin einen großen Aufholbedarf auf. Das zeigt sich an den niedrigen Börsenwerten von Deutscher Bank und Commerzbank, die aktuell auf 23 beziehungsweise 8 Milliarden Euro kommen. Im Vergleich dazu hat die amerikanische Großbank J. P. Morgan eine Marktkapitalisierung von 414 Milliarden Euro.

          Im Sommer hatte McKinsey den deutschen Banken ein hohes Erholungspotential attestiert (F.A.Z. vom 20. Juli). Die Institute könnten ihre Ertragskraft deutlich verbessern, wenn sie zu einem „ambitionierten Erneuerungskurs“ bereit wären. Darunter verstehen die Berater schnellere strategische Antworten auf sich immer rascher verändernde Wettbewerbsbedingungen, Kundenanforderungen und Technologien.

          Neues Ertragsverhältnis

          Denn das Ertragsverhältnis im Bankgeschäft habe sich deutlich verändert, sagt Flötotto. Klassische Zinserträge hätten an Gewicht verloren, während Transaktionserträge, Konsumentenkredite oder die Vermögensberatung immer wichtiger würden. „Da sich die Bankenlandschaft immer mehr in Gewinner und Verlierer teilt, wird sich die Konsolidierung unter den Banken in den kommenden Jahren deutlich beschleunigen. Das verlangt vom Management beherztes Handeln und klare strategische Schritte“, sagt er.

          Schwächere Institute können nach Meinung der McKinsey-Berater aufholen, aber die Zeit dränge. Zwei Drittel des während eines gesamten Konjunkturzyklus generierten Wertes wie zum Beispiel in der Marktkapitalisierung würden in den ersten zwei Jahren nach einer Krise geschaffen.

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