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Inflationsschub : Zinserhöhung in London erwartet

Andrew Bailey: Auf seine Stimme kommt es an. Bild: Reuters

Schon im November könnte die Bank of England den Leitzins auf 0,25 Prozent erhöhen. Danach dürften weitere Zinsschritte folgen. Das erste Wehklagen der Markteilnehmer hat begonnen.

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          Die jüngsten Äußerungen führender britischer Notenbanker haben zu einem starken Meinungsumschwung an den Finanzmärkten geführt. Nun erwartet eine große Mehrheit schon bald eine Anhebung des Leitzinses, der seit März 2020 beim Rekordtief von 0,1 Prozent steht. Am Wochenende hatte der Chef der Bank of England (BoE), Andrew Bailey, betont, dass die Notenbank „handeln muss“, um mittelfristigem Inflationsdruck zu begegnen. Nach den Zinssätzen am Terminmarkt erwarten nun etwa 90 Prozent der Anleger, dass die Bank of England schon auf ihrer Sitzung am 4. November den Leitzins auf 0,25 Prozent erhöht. Sie wäre damit die erste große Notenbank der Welt, die ihre Geldpolitik strafft. 

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Als Reaktion auf die nun für sehr wahrscheinlich gehaltene Zinserhöhung sind die Kurse für britische Staatsanleihen deutlich gefallen und die Renditen entsprechend gestiegen. Dieser Trend zeigt sich schon seit einigen Wochen, hat sich jetzt aber verschärft. Noch im September lag die Rendite für zweijährige Staatspapiere bei 0,2 Prozent, jetzt ist sie auf etwa 0,7 Prozent geklettert. Die Rendite zehnjähriger Papiere ist von 0,7 bis auf 1,17 Prozent gestiegen. Dies zeigt sowohl gestiegene Inflationssorgen als auch die Erwartung nahender Zinserhöhungen. Viele Marktteilnehmer halten eine zweite Leitzinserhöhung im Dezember auf 0,5 Prozent für wahrscheinlich. Nach den Kursen am Terminmarkt gehen die Anleger nun davon aus, dass der Leitzins bis Ende 2022 über 1 Prozent liegen soll. Einige erwarten sogar 1,25 Prozent – dies wäre der höchste Stand seit der Finanzkrise 2008/2009.

          Märkte stellen sich auf Zinserhöhung ein

          Bailey hatte in seinen Bemerkungen beim Finanzforum „Group of Thirty“ zwar betont, dass er den Anstieg der Inflationsrate noch immer für temporär halte, aber die jüngste starke Verteuerung von Energie den Inflationsschub größer mache und länger andauern lasse als zuvor erwartet. Die Notenbank könne zwar keine angebotsseitigen Probleme beheben, nämlich die Engpässe, die mit der Erholung nach der Corona-Rezession einhergehen. Aber die Geldpolitik müsse verhindern, dass sich die Inflationserwartungen festsetzten und eine Spirale aus steigenden Preisen und Löhnen beginne.

          Die Inflation in Großbritannien ist schon deutlich über 3 Prozent gestiegen. Während die BoE den Höhepunkt bei 4 Prozent prognostiziert, halten viele Volkswirte einen Anstieg bis auf 5 Prozent für gut möglich. Aufseiten der „Falken“ im Geldpolitikausschuss der Notenbank hatte sich zuvor schon Michael Saunders zu Wort gemeldet, wogegen die Ökonomin Silvana Tenreyro eine Zinserhöhung als potentiell kontraproduktiv bewertete. Was aber zählt, ist Baileys Stimme. Seine Aussagen seien sehr explizit gewesen, sagte Jim Reid, leitender Kreditstratege in der Deutschen Bank.

          Während sich die Märkte auf eine Zinserhöhung einstellen, hat auch das Wehklagen einiger Marktteilnehmer darüber begonnen. In der Londoner Finanzpresse häuften sich die Warnungen vor einem „Fehler“ der BoE, wenn sie die Geldpolitik zu schnell straffe.

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