https://www.faz.net/-gv6-a1z46

Ende der Führungskrise : Die Commerzbank hat einen neuen Chefaufpasser

Weiter in Unruhe: Was wird aus der Commerzbank? Bild: dpa

Der Aufsichtsrat der Commerzbank hat Hans-Jörg Vetter zum künftigen Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt. Damit verpufft die heftige Kritik des Investors Cerberus am Kandidaten zunächst.

          3 Min.

          Der Aufsichtsrat der Commerzbank hat am Montag Hans-Jörg Vetter zum künftigen Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt. Damit setzte die Bundesregierung ihren Kandidaten durch und beendete einen Teil der Führungskrise der Commerzbank. Der deutsche Staat ist mit fast 16 Prozent ihr größter Aktionär und stellt zwei von zwanzig Aufsichtsräten. Vetter, bald 68 Jahre alt und früher Vorstandschef der Landesbank Baden-Württemberg und der Landesbank Berlin, gilt als konsequenter und unabhängig agierender Sanierer.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Da Vetter aber nicht unumstritten ist, war die Aufsichtsratssitzung mit Spannung erwartet worden. Doch nach Vorstellungsgesprächen am Montagvormittag signalisierten Aufsichtsräte der F.A.Z., dass Arbeitnehmervertreter Vetter bei einer Wahl mittragen werden. Am späten Nachmittag stimmten nach Informationen der F.A.Z. tatsächlich alle zehn Arbeitnehmervertreter für Vetter. (Wer ist Hans-Jörg Vetter? Lesen Sie hier ein Porträt.)

          Ein Arbeitsplatzabbau steht bevor

          Begleitet wurde die Aufsichtsratssitzung von scharfer Kritik des seit Juni 2017 mit rund 5 Prozent der Commerzbank-Aktien zweitgrößten Aktionärs Cerberus an Vetter. Nachdem in den vergangenen Tagen schon Unzufriedenheit des Finanzinvestors mit dem Personalvorschlag des Bundes nach außen gedrungen war, schrieb Cerberus auch noch einen Brief an alle Aufsichtsratsmitglieder, den dritten in zwei Monaten. Cerberus hat mit seinen Commerzbank-Aktien rund 450 Millionen Euro verloren und ist im Aufsichtsrat nicht vertreten. Im Juni forderte der Finanzinvestor für sich zwei Aufsichtsratsmandate und kritisierte den Vorstand heftig.

          Daraufhin stellten vor einem Monat der Vorstandsvorsitzende Martin Zielke und der Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann gleichzeitig ihre Posten zur Verfügung. In die Suche nach einem Nachfolger für Schmittmann schaltete sich Cerberus lange kaum ein – erst als der Personalvorschlag des Bundes bekanntwurde und ohne dass – zu seinem erkennbaren Ärger – der Finanzinvestor darüber vorab informiert worden war. In seinem jüngsten Brief mit Datum 2. August, also einen Tag vor der entscheidenden Sitzung, bietet Cerberus nun an, zwei Kandidaten vorzustellen, die geeigneter seien als Vetter. Im Umfeld der Bundesregierung wurde dies als zu später Versuch eines frustrierten Investors gedeutet – schließlich hatte sich der Bund längst auf Vetter festgelegt.

          Hans-Jörg Vetter wurde zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt.
          Hans-Jörg Vetter wurde zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt. : Bild: dpa

          Allerdings war am Montagmorgen noch offen gewesen, wie sich die Arbeitnehmer zu Vetter stellen würden. Ihnen droht in den nächsten Monaten angesichts der niedrigen Gewinne und hohen Kosten der Commerzbank ein schmerzhafter Arbeitsplatzabbau. Obwohl Vetter in seiner Zeit bei der LBBW jede vierte Stelle gestrichen hat, wählten alle Arbeitnehmervertreter im Commerzbank-Aufsichtsrat am Montag Vetter. Seine Wahl erfolgte, obwohl ihn das Amtsgericht noch nicht einmal zum einfachen Aufsichtsratsmitglied bestellt hat. Diese Bestellung werde in den nächsten Tagen erwartet, teilte die Commerzbank am Montagabend mit.

          Ende der schwersten Führungskrise

          Durch Vetters schon erfolgte Wahl unter dem Vorbehalt der gerichtlichen Bestellung tritt ein anderes Szenario nicht ein. So war zuvor erwogen worden, dass Uwe Tschäge, Vorsitzender des Commerzbank-Betriebsrats, vorübergehend den Aufsichtsratsvorsitz übernimmt. Das wäre ungewöhnlich gewesen, denn üblicherweise übernimmt die Eigentümerseite auch in paritätisch besetzten Aufsichtsräten den Vorsitz. Eines der seltenen Gegenbeispiele ereignete sich im April 2015 im VW-Konzern, als der Vorsitzende Ferdinand Piëch und seine Frau Ursula nach einem Eklat den Aufsichtsrat verließen und der Gewerkschaftsführer Berthold Huber immerhin für sechs Monate den Vorsitz übernahm.

          Damals hatten die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat des teilstaatlichen Automobilkonzerns die Mehrheit, Huber leitete auch eine Hauptversammlung, und es dauerte bis Oktober 2015, bis sich die Eigentümer auf den bisherigen VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch als neuen VW-Aufsichtsratschef verständigten.

          Nachdem in der Commerzbank nun Vetter zum künftigen Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt ist, kann er die schwerste Führungskrise des 150 Jahre alten Kreditinstituts lösen. Eine der ersten Aufgaben Vetters wird es sein, den Vorstandsvorsitz zu besetzen. Als interne Kandidaten gelten Firmenkundenvorstand Roland Boekhout und Finanzchefin Bettina Orlopp.

          Comdirect ist der Corona-Gewinner

          Erhalten bleiben werden der Commerzbank vermutlich unangenehme Forderungen des zweitgrößten Aktionärs Cerberus. Auf Nachfrage sagte ein Sprecher des Finanzinvestors der F.A.Z., bei seinen Vorschlägen für neue Mitglieder des Aufsichtsrats handele sich nicht um Cerberus-Leute, sondern um Kandidaten, die eigentlich auf jede Auswahlliste gehörten: deutsche Muttersprachler, jünger als Vetter, frühere Bankvorstände mit Verständnis von Digitalisierung und der Fähigkeit, alle Interessengruppen zu einen. „Wir haben ernsthafte Zweifel, dass Hans-Jörg Vetter die richtige Person für diese Aufgabe und ist und über die richtige Erfahrung hier verfügt“, schreibt Cerberus.

          Dass die Commerzbank einen Sanierer mit Verständnis für Digitalisierung in der Führungsspitze gut gebrauchen kann, dürfte unstrittig sein. Gut läuft es eigentlich derzeit nur in der filiallosen Tochtergesellschaft Comdirect. Die Direktbank ist ein echter Corona-Gewinner. Wie die Comdirect gerade mitteilte, haben ihre 2,9 Millionen Kunden im ersten Halbjahr 2020 so viele Wertpapieraufträge online oder per Telefon aufgegeben wie noch nie. Damit klingelt Comdirects Kasse: 146 Millionen Euro hat die Direktbank im ersten Halbjahr 2020 vor Steuern verdient.

          Der Commerzbank selbst, die ihre Geschäftszahlen am Mittwoch bekanntgibt, trauen Analysten nur einen Nettogewinn im zweiten Quartal von 150 Millionen Euro zu. Damit würde die Commerzbank nach einem Nettoverlust im ersten Quartal von 233 Millionen Euro auch nach sechs Monaten nicht über die Gewinnschwelle springen. Dabei geht der 146 Millionen Euro große Vorsteuergewinn der Comdirect vollständig an die Commerzbank.

          Weitere Themen

          An den Börsen herrscht Ausverkaufsstimmung

          Aktienmarkt : An den Börsen herrscht Ausverkaufsstimmung

          Die Furcht vor neuen Beschränkungen wegen steigender Coronavirus-Infektionen hat Europas Börsen auf Talfahrt geschickt. Das Risiko eines zweiten Lockdowns mache Investoren nervös, heißt es.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.