https://www.faz.net/-gv6-a7zu7

Finanzaufsicht : Bafin zeigt Mitarbeiter wegen Wirecard-Insiderhandels an

Sitz der Bafin in Frankfurt Bild: dpa

Haben Mitarbeiter der Finanzaufsicht Insider-Wissen genutzt, um mit Wirecard-Aktien zu handeln? Der Chef der Behörde hat sich wiederholt vor seine Mitarbeiter gestellt. Nun hat die Behörde wegen eines Verdachts einen eigenen Mitarbeiter angezeigt.

          3 Min.

          Die Finanzaufsicht Bafin hat einen Mitarbeiter der Wertpapieraufsicht wegen des Verdachts des Insiderhandels bei Wirecard angezeigt. Der Beschäftigte habe am 17. Juni 2020 strukturierte Produkte mit dem Basiswert Wirecard verkauft, teilte die Bafin am Donnerstag mit. Einen Tag später machte der Zahlungsdienstleister ein Bilanzloch von 1,9 Milliarden Euro öffentlich. Ende Juni musste Wirecard dann Insolvenz anmelden.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der im Wirecard-Skandal ins Kreuzfeuer geratene Bafin-Chef Felix Hufeld hatte sich wiederholt vor seine Mitarbeiter gestellt. Die Mitarbeiter, die mit Wirecard-Aktien handelten, hätten nichts unrechtes getan. Allerdings dauerten die Untersuchungen an, sagte er etwa im November. Nun hat die Bafin nach eigenen Angaben bei ihrer Sonderauswertung den Insiderhandels-Verdacht entdeckt. Die Finanzaufsicht habe den Beschäftigten sofort freigestellt und ein Disziplinarverfahren eröffnet.

          Am Mittwoch sei der Insiderhandels-Verdacht bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart angezeigt worden. Bafin-Beschäftigte hatten in den Monaten vor der Wirecard-Pleite verstärkt mit Wirecard-Papieren gehandelt. Erst im Oktober verschärfte die Behörde die Compliance-Regeln für die privaten Wertpapiergeschäfte ihrer Mitarbeiter.

          Bafin-Chef Felix Hufeld
          Bafin-Chef Felix Hufeld : Bild: dpa

          Der politische Druck auf Bafin-Chef Felix Hufeld wächst weiter. Als erster reagierte der Linken-Abgeordnete Fabio De Masi. Die Strafanzeige der Bafin strafe Hufeld und seine Stellvertreterin Elisabeth Frau Roegele selbst Lügen, urteilte der Obmann der Linksfraktion im Untersuchungsausschuss Wirecard. Hufeld habe kürzlich noch behauptet, alles sei bei der Bafin  korrekt gelaufen. Der Grünen-Politiker Danyal Bayaz sagte der F.A.Z., die Liste der Fehler der Finanzaufsicht im Zuge des Wirecard-Skandals werde immer länger. „Uns helfen bessere Regeln aber wenig, wenn sich an der Aufsichtskultur an der Spitze nicht grundsätzlich etwas ändert“, betonte er. „Warum der zuständige Finanzminister Scholz immer noch glaubt, dass Herr Hufeld für den notwendigen Kulturwandel der Richtige sei, bleibt sein Geheimnis.“

          Der FDP-Abgeordnete Florian Toncar urteilte, „wenn ein Mitarbeiter mit Insiderwissen, der also mit dem Fall Wirecard persönlich zu tun hatte, des Insiderhandels beschuldigt wird, kann man nicht mehr von einem Fehler eines einzelnen sprechen“. Der Vorgang greife das Vertrauen in die Finanzaufsicht in seinem Kern an. „Die Strategie von Scholz und Hufeld, die vielen Versäumnisse bei der BaFin zu leugnen, ist gescheitert“, sagte Toncar der F.A.Z. Wem an einer schlagkräftigen, angesehenen Finanzaufsicht gelegen sei, der müsse jetzt für einen konsequenten Neuanfang an der Spitze der Bafin sorgen. „Wenn die Führungskraft von Olaf Scholz dafür nicht ausreicht, muss er sich fragen, ob er als Finanzminister geeignet ist. Die Frage seiner Eignung als Kanzler beantwortet er damit im Grunde selbst“, hob der FDP-Finanzpolitiker hervor.

          Auch in der Regierungskoalition nimmt  die Kritik zu. „Dieser neuerliche Fall von Handel mit Wirecard-Aktien und Produkten in der Bafin zeigt erhebliche Compliance-Mängel in der Aufsichtsbehörde“, sagte der CSU-Finanzpolitiker Hans Michelbach der F.A.Z. Dass der Vorgang zudem mehr als ein halbes Jahr unentdeckt geblieben sei, sei ein Alarmzeichen, dass es Führungsprobleme bei der Bafin gebe. „Nach diesem neuerlichen Vorgang und dem Versagen der Bafin bei der Geldwäscheaufsicht, die am Freitag im Wirecard-Untersuchungsausschuss erneut offensichtlich wurde, wird es für Bafin-Präsident Hufeld immer enger“, meinte Michelbach.

          In der Opposition kursieren zwei Theorien, warum Finanzminister Olaf Scholz von der SPD noch an Hufeld festhält. Erstens brauche er einen Puffer zwischen sich und dem Skandal: Das wären dann Finanzstaatssekretär Jörg Kukies und eben Hufeld. Wenn die Folgen des Wirecard-Skandals für ihn wirklich zu heiß werden sollten, könnte er sich vor der Wahl von ihnen trennen – und so den Eindruck erwecken, konsequent durchzugreifen. Zweitens halte Scholz an Hufeld fest, weil der Preis geringer sei, als wenn er ihn feuere und dieser dann im Untersuchungsausschuss ohne Rücksicht auf Verluste auspacke – weil er keine Lust habe, die Schuld allein auf sich zu nehmen.

          Scholz selbst sprach von einem schwerwiegender Vorgang. Er belege den Reformbedarf, der bei der Bafin herrsche. „Neben den gesetzgeberischen Initiativen, die wir bereits auf den Weg gebracht haben, läuft seit Herbst eine Untersuchung zur organisatorischen Neuaufstellung der Bafin, deren Ergebnisse ich in den nächsten Tagen vorlegen werde.“

          Der angezeigte Mitarbeiter soll nach Informationen der F.A.Z. in der Abteilung für Marktaufsicht gearbeitet haben. Diese ist für die Überwachung der Finanzmärkte zuständig und damit unter anderem für die Verfolgung von Marktmanipulationen, die Einhaltung der Regeln für Mitteilungspflichten börsennotierter Unternehmen (Ad-hoc-Publizität), Leerverkäufe und Insiderinformationen. Die Abteilung ist der für Wertpapieraufsicht zuständigen Bafin-Exekutivdirektorin und -Vizepräsidentin Elisabeth Roegele unterstellt, die im Februar 2019 für das umstrittene Leerverkaufsverbot von Wirecard-Aktien zuständig war.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Söder gegen Laschet : „Es geht um so viel für unser Land“

          Am Dienstag werben Armin Laschet und Markus Söder in der Unionsfraktion um Zustimmung im Kampf um die Kanzlerkandidatur. Der CDU-Vorsitzende wirbt zuvor um ein „faires Miteinander“. Der CSU-Chef warnt vor einer „haushohen Wahlniederlage“.

          TV-Kritik: Hart aber fair : Showdown um das Kanzleramt

          Der Machtkampf um die Kanzlerkandidatur in den Unionsparteien erinnert an den Ausbruch eines Vulkans. Bei „Hart aber fair“ ist das Grund genug für eine kurzfristige Themenänderung.
          Wollte nicht auf  einen Weißen Ritter  warten: Yvonne von Langsdorff   hat für ihre Hausgemeinschaft den Immobilienkauf in der Zossener Straße in Berlin-Kreuzberg organisiert.

          Wohnungsmarkt : So funktioniert der Mieterkauf

          Wird das Haus ­verkauft, fürchten viele Mieter den Verlust der ­Wohnung. Dabei haben sie oft ein Vorkaufsrecht. Selbst fehlendes Eigenkapital muss kein ­Hindernis sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.