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Bankenaufsicht : Bafin-Chef sieht Finanzzyklus an einem Wendepunkt

Seit August 2021 Präsident der deutschen Finanzaufsicht Bafin: Mark Branson. Bild: dpa

Branson verteidigt höhere Kapitalpuffer angesichts des riskanten Umfelds . VDP-Präsident Reutter erwartet Rückgang bei Immobilienkrediten.

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          Eine spürbar gestiegene Bereitschaft zum Austausch hat der Präsident des Verbandes deutscher Pfandbriefbanken (VDP), Georg Reutter, bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) festgestellt, seitdem Mark Branson im August 2021 Präsident der Behörde wurde. Trotz der freundlichen Begrüßung durch den Vorstandsvorsitzenden der DZ Hyp hat der frühere Chef der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht auf dem Jahresempfang des Verbandes, dem die wichtigsten deutschen Immobilienfinanzierer angehören, klare Kante gezeigt.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Der Finanzzyklus befindet sich an einem Wendepunkt“, sagte Branson. Die aktuelle Lage, gekennzeichnet durch die Risiken des Ukrainekriegs, der hohen Inflation und der steigenden Zinsen, wertete der Brite mit Schweizer Staatsbürgerschaft als äußert komplex. Zwar bescheinigte Branson den Banken eine hohe Widerstandsfähigkeit, doch diese müsse nun umso mehr bewahrt werden. Schließlich stünden die Kunden der Banken, die Unternehmen und die Haushalte vor großen Herausforderungen angesichts hoher Preissteigerungen und drohender Rezession. „Dies ist nicht die Zeit, um Eigenkapital freizusetzen“, verteidigte Branson die am 1. Februar 2023 in Kraft tretenden antizyklischen Kapitalpuffer, die vor einem Jahr die Bafin zusammen mit dem ihr übergeordneten Bundesfinanzministerium und der Bundesbank beschlossen hatte.

          „Goldene Periode vorerst vorbei“

          Diese zusätzlichen Eigenkapitalanforderungen zielen auch auf den Immobilienmarkt, an dem die Preise in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind. Doch zuletzt hatte sich die Entwicklung gedreht. Der VDP stellte im dritten Quartal erstmals seit dem Jahr 2011 wieder einen Preisrückgang fest. „Die goldene Periode ist damit wohl vorerst vorbei“, sagte VDP-Präsident Reutter. Dafür machte er die gestiegenen Zinsen und Inflationsraten, reale Einkommenseinbußen bei potentiellen Käufern sowie politische und wirtschaftliche Unsicherheiten verantwortlich. „Wir rechnen für die nächsten Quartale – und vielleicht auch länger – mit moderaten Preisrückgängen. Von einem Preisrutsch gehen wir allerdings nicht aus“, sagte er. Dazu ist für ihn der deutsche Immobilienmarkt insgesamt zu stabil und die zugrunde liegende Finanzierungspraxis der Institute solide. „Die Kreditvergabe war und ist risikobewusst“, fügte Reutter hinzu.

          Branson verwies auf die gegenwärtig nicht allzu hohe Risikovorsorge. Er empfahl den Instituten eine sehr konservative Vorsorgepolitik, um sich für Kreditausfälle zu wappnen. Dabei sollten die Banken auch die Schmerzgrenzen der Wirtschaftsprüfer testen. Branson verwies auf die höheren Risiken bei den Immobilienfinanzierungen. So seien im ersten Halbjahr 15 Prozent der neu vergebenen Kredite an Schuldner geflossen, die für den Schuldendienst 50 Prozent ihrer Nettoeinnahmen aufwenden müssten. Eine harte Landung hält Branson am gewerblichen Immobilienmarkt für möglich.

          Rückgang bei Immobilienkrediten

          Deshalb verteidigte er die Kapitalpuffer, die Reutter zuvor kritisiert hatte. Der VDP-Präsident hält die Eigenkapitalausstattung der Banken für so komfortabel, dass sie auch schwierigere Phasen gut überstehen könnten. So hat die Bundesbank Ende September das überschüssige Eigenkapital, das im deutschen Bankensystem über die aufsichtsrechtlichen Vorgaben hinausgeht, auf 150 Milliarden Euro beziffert. „Deutschland braucht jede neu geschaffene Wohnung. Eine Regulierung, die die Kreditvergabe verknappt und verteuert, passt nicht dazu“, warnte Reutter. Er erwartet im Gesamtjahr 2022 nach einem starken ersten Halbjahr eine stark rückläufige Vergabe von Immobilienkrediten. Der Rückgang der Kreditvergabe wird sich zumindest werde sich voraussichtlich bis Mitte 2023 fortsetzen.

          Für Branson sind die antizyklischen Kapitalpuffer ein Instrument für gute Zeiten, um die Resilienz in Krisen zu bewahren. Er erwartet trotz höherer Zinserträge ein schwaches Jahr für deutsche Banken. Diese lägen in Europa in der Profitabilität auf dem vorletzten Platz, vor den griechischen Banken. Eine hohe Belastung resultiert aus der Zinswende, die zu Bewertungsverlusten in den Anleihebeständen führt. Laut Bundesbank sind die stillen Bewertungsreserven von Sparkassen und Volksbanken im ersten Halbjahr um 21,8 Milliarden Euro gefallen.

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