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Auslandsmarkt : Mit SPACs will Singapur nach vorn

Hier leben auch normale Menschen: Straßenszene in Singapur Bild: AFP

Der Finanzplatz will der erste asiatische Markt für Spacs werden, also an die Börse gebrachte Aktienmäntel. Das soll auch im Rennen mit Hongkong helfen.

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          Wie viel kann man Menschen unter Druck zumuten? Singapur, die Insel am Äquator, bekannt als Millionärsmetropole, will seine Mehrwertsteuer erhöhen. Dabei leben in der Stadt mit ihren gut 5,7 Millionen Einwohnern durchaus normale Menschen mit normalen Einkommen – selbst hier fährt nicht jeder Lamborghini und verbringt seine Abende in Sternerestaurants.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Eigentlich wollte die Regierung die Mehrwertsteuer schon im Jahr 2018 von 7 auf 9 Prozent anheben. Mit dem Anstieg, so die Politiker der seit Staatsgründung im Jahr 1965 an der Macht stehenden Regierungspartei, sollten steigende Sozial- und Gesundheitskosten gedeckt werden. Im Jahr 2007 hatte der Stadtstaat die Mehrwertsteuer schon von 5 auf 7 Prozent erhöht. Zwischen Ankündigung und Anstieg lagen damals fünf Monate. Dieses Mal sind über die Pandemie bald vier Jahre verstrichen. Und ein weiterer Aufschub wird debattiert. Dabei federt der Staat ab, was er kann, um die Unzufriedenheit am unteren Rande der Gesellschaft nicht zu groß werden lassen – das Rezept, das den reichen, strengen Stadtstaat mehr als ein halbes Jahrhundert mit den Immergleichen am Ruder hat überleben lassen. Und so diskutiert nun das Parlament in Singapur, die zuletzt um 3,8 Prozent gestiegenen Preise abzufedern. Ein Paket im Wert von umgerechnet 3,9 Milliarden Euro soll die Teuerung für die meisten Haushalte über mindestens fünf Jahre ausgleichen, für die Geringverdiener soll der Zeitraum sogar zehn Jahren betragen.

          Arme mögen auf Mitgefühl hoffen dürfen, Anleger erwartet auch in Singapur keine Gnade. Wer an die Börse strebt, muss Widerstandskraft besitzen. Natürlich gibt es auf dem Parkett die hier übliche Auswahl: die Singapurer Banken, allen voran die DBS Group, die immer noch keine Abwehr gegen die Digitalangriffe gefunden haben, Singapore Airlines, die staatliche Fluggesellschaft, die auf einen Wiederaufschwung und mehr Reisende nach der Pandemie hofft, oder Singapore Telecommunications. Sie schnitten in der vergangenen Woche gut ab, in der der Markt insgesamt 2,3 Prozent gutmachte. Aber auch Immobilienpapiere wie Keppel Reit oder Ascott Residence waren gefragt. Und das trotz einer auf nun 30 Prozent angehobenen Kaufsteuer für Ausländer.

          Kein Bedarf zur Beschwerde über höhere Mehrwertsteuer

          Wagemutigere Anleger schauen nun künftig auf der Tropeninsel auch auf SPACs – Kapitalhüllen, die an die Börse gehen und später mit möglichst erfolgreichen Unternehmen gefüllt werden. Auf absehbare Zeit werden die Unternehmen dann mit Gewinn verkauft. Der Finanzmarkt am Äquator ist der erste Markt Asiens, der SPACs an seiner Börse erlaubt. Und so werden in der nächsten Woche die ersten beiden SPACs an der Singapurer Börse SGX erwartet. Da sie in den vergangenen Jahren Schwierigkeiten hatte, Kandidaten zu finden, könnten SPACs ihr Weg sein, mit dem politisch gebeutelten Hongkong gleichzuziehen, hofft man im Stadtstaat. Im Pandemie-Jahr 2021 hatte die SGX nur acht Neulinge begrüßen können, die nicht mehr als eine Milliarde US-Dollar einbrachten. Lange aber wird Corona nicht mehr als Entschuldigung herhalten können.

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          Natürlich ist in Singapur der Staatsfonds Temasek bei der SPAC-Premiere mit an Bord: Die Vertex Technology Acquisition Corporation wird von Vertex Venture Holdings im Besitz des Staatsfonds geführt und konzentriert sich auf Digitalunternehmen. Sie möchte mindestens 170 Millionen Singapur-Dollar einnehmen. Pegasus Asia, hinter der die Tikehau Capital SCA steht, will mit 150 Millionen Singapur-Dollar etwas weniger erlösen. Pegasus sucht Unternehmen aus dem Feld Gesundheits- und Finanztechnologie. Novo Tellus Capital Partners hat ebenfalls schon die Genehmigung für einen SPAC erhalten. Zum Vergleich: Rund um die Welt nahmen SPACs im vergangenen Jahr rund 170 Milliarden US- Dollar von Anlegern ein.

          Im September hatte die Börse Regeln für die SPACs veröffentlicht. Gelistete SPACs bekommen zum Beispiel eine Frist von zwei Jahren, um Unternehmen zu kaufen; sie kann um ein Jahr verlängert werden. Dass Temasek den ersten SPAC in Singapur stützt, soll für Vertrauen im Markt sorgen. Alle am Finanzplatz spüren, wie immer mehr Geld und Talente aus dem von China kontrollierten Hongkong nach Singapur drängen. Pekings massive Eingriffe in den Markt und die Übernahme Hongkongs „wird Singapur zu einem bevorzugten Platz machen, Geld aufzunehmen“, lässt sich Robson Lee, Partner von Gibson, Dunn and Crutcher in der staatlichen Zeitung „The Business Times“ zitieren. Aber natürlich haben asiatische Anleger Alternativen. Der amerikanische Markt für SPACs ist inzwischen riesig. Mit dem Onlinemarktplatz Carousell strebt ein Singapurer Unternehmen über den amerikanischen SPAC L Catterton Asia Acquisition Corp in New York an die Börse. Für andere südostasiatische „Einhörner“ – Firmen mit einer Marktkapitalisierung von mehr als einer Milliarde Dollar – könnte Singapur nach dem Herauslösen aus dem SPAC ein attraktiver Markt für eine zweite Börsennotierung werden.

          Wer über solche Investitionen nachdenkt, sollte über die höhere Mehrwertsteuer nicht klagen. Seine Zeit wäre besser eingesetzt, sich mit den neuen Unternehmen und ihren Übernahmekandidaten auseinanderzusetzen.

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