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Scherbaums Börse : Das Aufwachen an der Börse

  • -Aktualisiert am

Die Angst ist zurück: Statue des Fearless Girl vor der New Yorker Börse Bild: Reuters

Die Probleme der Realwirtschaft in Amerika scheinen nun an den Börsen angekommen zu sein. Die Hoffnung auf eine V-förmige Erholung der Wirtschaft schwindet, der Buchstabe U bereitet nun den Anlegern Sorge. Hinzukommt ein hausgemachtes amerikanisches Problem.

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          Am Aktienmarkt hat der deutsche Leitindex Dax zuletzt drei Tage in Folge Kursverluste erlitten. Auch in New York brachen die Kurse am Donnerstag auf breiter Front zusammen. Der Dow Jones gab fast 7 Prozent ab. Kommt jetzt langsam die Realität bei den Anlegern an, nachdem Amerikas Notenbank-Chef Jerome Powell mit seinen trüben Wirtschaftsprognosen zur Wochenmitte aufwartete?

          Noch in der vorausgegangenen kurzen Pfingst-Handelswoche hatten wir in Deutschland eine Dax-Erholung quasi mit „Wumms!“ miterleben können. Das Feiern des Konjunkturpakets, bevor es da ist und wir wissen ob und wie es wirkt, hatte den einen oder anderen wohl zum Kauf animiert. Und nun das: Eine Börse, die massive Einbußen hinnehmen muss, weil augenscheinlich die Angst an die Märkte zurückgekehrt ist.

          Abgesehen vom bisherigen Chartverlauf des Dax ist dieser mittlerweile recht teuer bewertet. Aktuell werden die Unternehmen im bekanntesten deutschen Börsenbarometer mit rund dem 17-fachen der erwarteten Gewinne bewertet. Zum Vergleich: Unmittelbar nach dem Corona-Crash lag diese Kennzahl bei 9. Langfristig ist ein Dax-KGV von 12-14 als normal einzuordnen.

          Hätten wir jetzt parallel dazu ebenso gesunde Konjunkturdaten, wäre die aktuelle Bewertung in Ordnung – schließlich wird an der Börse die Zukunft gehandelt und Investoren könnten optimistisch nach vorne blicken. Die Realität ist aber (wohl) eine andere.

          Deutliche Aussagen von Fed-Chef Powell

          Diese große Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit am deutschen Aktienmarkt war bisher an der New Yorker Wall Street noch viel größer gewesen. Die Börse boomt und die Realwirtschaft kommt aber zur gleichen Zeit nicht auf die Beine. Hinzu kommt, dass Amerika in diesen Tagen von einem Bild des bürgerlichen Aufbegehrens mit anhaltenden Protesten gegen Rassismus auf der einen und auf der anderen Seite von einer massiven Präsenz von Polizei geprägt ist.

          Ganz neben sehen wir einen Arbeitsmarkt in Amerika, bei dem das Risiko besteht, dass sich dieser sehr viel langsamer erholt könnte als die Produktion, da die besonders von den Kontaktbeschränkungen betroffenen Sektoren auch die meisten Menschen beschäftigen.

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          Das alles zusammen ist eine Situation, die in der Vergangenheit – egal in welchem Land – für Unruhe an den Finanzmärkten gesorgt hätte. Doch das alles schien dieses Jahr, dem Präsidentenwahljahr in den Vereinigten Staaten, völlig an der Wall Street vorbeizugehen. Besser noch. Genau in solchen Tagen meldeten Amerikas Indizes historische Bestmarken.

          Es musste wohl erst der Fed-Chef persönlich sein, der die Amerikaner an die Realität erinnerte – da Präsident Donald Trump seine Prioritäten in diesen Tagen bei anderen Themen sieht. Die Aussagen von Powell am Mittwoch waren deutlich und haben die Angst vor dem „U“ geschürt. Nämlich, dass viele Mneschen auf längere Zeit arbeitslos bleiben werden und die Wirtschaft keine wie bisher gehoffte V-förmige Erholung erleben wird. Diese hätte nach dem heftigen Absturz im April/Mai eine ebenso rasche Erholung bedeutet. Eine U-förmige Bewegung entspricht dagegen einer deutlich längeren Krisenphase, bevor die Erholung einsetzt.

          Amerika im Sog der Schulden

          Hätte es die Aussagen von Powell am Mittwoch nicht gegeben, wäre wohl die Börse weiter „ihrer“ Realität gefolgt. Und das vor dem Hintergrund, dass diese Kursgewinne mehr oder weniger in einer Phase passieren, in der die Vereinigten Staaten schon im großen Sog von Schulden stecken: „Ein entscheidendes Problem stellt die bereits vor der Krise sehr hohe Staatsverschuldung der USA dar“, sagt  Ivan Mlinaric, Marktexpewrte bei Quant Capital.

          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. : Bild: Christoph Scherbaum

          Im Gegensatz zu den meisten Staaten der Eurozone habe Amerika die vergangenen Jahre des wirtschaftlichen Wachstums nicht genutzt, um die eigene Verschuldung zu reduzieren. Die Neuverschuldung stieg dagegen kontinuierlich schneller an als das BIP.

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