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Negativzinsen : „Verwahrentgelte sorgen für eine Flucht wie sonst nur die Steuer“

Die Innenräume des Schlosshotels Kronberg dienten als Kulisse für den Kinofilm „Spencer“. Bild: dpa

Privatbanker Andreas Rapp vom Bankhaus Ellwanger & Geiger berichtet beim Thema Negativzinsen von Aufregung auch unter sehr vermögenden Bankkunden. Er meint: Aufpassen, aus reiner Vermeidungsstrategie heraus nicht in die falschen Anlagen zu laufen.

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          Zwischen Golfspielen, Charity, Arbeit und Urlaub scheint auch ein eher trockenes Thema vermögende Privatkunden im Augenblick sehr zu beschäftigen: Die „Verwahrentgelte“, auch Negativzinsen oder Guthabengebühren genannt, die von immer mehr Banken erhoben werden. „In ganz vielen Kundengesprächen ist das im Moment ein Thema“, sagt Andreas Rapp, der sich als Leiter des „Private Banking“ beim Stuttgarter Bankhaus Ellwanger & Geiger um vermögende Privatkunden kümmert. „Die Summen, die da gezahlt werden müssen, sind ja oft nicht gerade gewaltig – aber vielen vermögenden Privatkunden, gerade auch bei uns in Schwaben, geht es in dem Fall ums Prinzip.“

          Die Erben stört es nicht so

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dabei hat Rapp eine interessante Beobachtung gemacht: „Diejenige Generation in den Unternehmer-Familien, die das Vermögen selbst aufgebaut hat, stört sich besonders an den Verwahrentgelten.“ Den Erben machten die Verwahrentgelte offenbar weniger aus.

          Der Private-Banker hat eine kühne These: Das, was früher in der Beratung vermögender Kunden die Steueroptimierung war, ist heute die Umgehung des Verwahrentgelts. „Ich erinnere mich noch genau, als ich Anfang der 2000er Jahre in der Beratung angefangen habe, war die Steueroptimierung ein wichtiges Thema, das viele vermögende Kunden sehr bewegt hat“, sagt Rapp. „Jetzt ist es die Vermeidung von Verwahrentgelten.“ Der Mechanismus sei ähnlich: Ein Impuls, der die Menschen emotional bewege, und ein Reflex darauf.

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          Der Banker meint allerdings, wie damals bei der Steueroptimierung sei es nicht klug, sich allein von diesem Motiv treiben zu lassen und sich dann nicht genau anzugucken, in welche Anlagen man sein Geld stecke. „Die Flucht vor dem Verwahrentgelt darf nicht der Hauptgrund sein, warum jemand von sicherer Liquidität in Aktien wechselt“, meint Rapp. Ohnehin sei es nicht klug, jetzt mit einem Schwung gewaltige Beträge vom Konto in Aktien umzuschichten. Schließlich seien viele hoch bewertet, zum Teil stünden die Indizes sogar auf Allzeithochs: „Klüger ist es, sich Zeit zu nehmen, eine Strategie zu entwickeln, und dann über zwölf bis 24 Monate in Aktien zu investieren.“

          Die Privatbank Ellwanger & Geiger profitiert nach Rapps Worten davon, dass andere Banken Negativzinsen einführen, kommt selbst aber auch nicht ganz um solche Regelungen herum. Man versuche das möglichst individuell mit jedem Kunden zu lösen – das könne eine kleine Privatbank einfacher als ein Masseninstitut.

          Unter den Strategien, wie man Verwahrentgelten entkommen kann, hält der Banker keineswegs alle für gleich gut. In einer Umfrage sagte unlängst fast jeder zweite, er würde seine Bank wechseln, wenn diese Negativzinsen einführe. „Diese Strategie stößt ja an Grenzen. Wenn ich zu einer Bank wechsele, die eine Grenze für Negativzinsen von 100.000 Euro hat, und die senkt die dann auf 50.000 Euro, bin ich mit einem Betrag darüber ja schon wieder betroffen“, sagt er. „Zins-Hopper“ habe es auch bei positiven Zinsen schon gegeben – die gebe es auch jetzt bei den negativen Zinsen. Aber das seien meistens nicht die wirklich vermögenden Kunden.

          Auch ganz Reiche sind betroffen

          Die Strategie, das Geld auf mehrere Banken aufzuteilen, hält Rapp nicht für schlecht. Zwar sei es gut, als erstes das Gespräch mit seiner Bank zu suchen. Gerade für vermögenden Kunden gebe es oftmals auch eine bankinterne Lösung. „Aber bei zwei oder drei Banken zu sein, ist für vermögende Kunden nicht schlecht – dann sieht man auch, welche Bank welche Ideen hat.“

          Bargeld in einem Tresor einzulagern und zu versichern, wie es große Banken zum Teil machten, lohne sich für die meisten Privatkunden noch nicht, meint Rapp. Es zu Hause zu lagern, sei ohnehin zu gefährlich. „Die Kosten für die professionelle Lagerung liegen dicht bei den 0,5 Prozent Verwahrentgelt“, behauptet der Banker. „Wenn die Zinsen noch weiter ins Minus sinken, könnte sich das lohnen.“ Banken, die das mit ihren Geldern machten, ließen oftmals dreistellige Millionenbeträge bar einlagern. Dann lohne sich das.

          Rapp meint, er könne sich durchaus vorstellen, dass die Freibeträge für Negativzinsen weiter gesenkt würden. Als die ersten drei Banken Negativzinsen eingeführt hätten, habe das noch einen großen Aufschrei in den Medien gegeben. Damals habe keine Bank die böse sein wollen. Inzwischen aber hätten die Menschen sich so an die Entwicklung gewöhnt, dass es für eine Bank imagemäßig nicht mehr viel ausmache, den Freibetrag beispielsweise von 100.000 auf 50.000 Euro zu senken – oder auch noch weiter.

          Auch die ganz Reichen kämen oftmals nicht so ganz leicht um Negativzinsen herum, sagt Rapp. Je nachdem, wie sie ihr Geld anzulegen pflegten: „Wenn jemand 20 Millionen Euro bei seiner Bank hat, aber davon sind 15 Millionen in Wertpapiere investiert, wird es nicht das Problem sein, die restlichen 5 Millionen ohne Negativzinsen auf dem Konto zu halten“, sagt Rapp. „Aber wenn jemand die ganzen 20 Millionen auf dem Konto hält, hat die Bank einigen Druck, dafür ein Verwahrentgelt zu verlangen.“

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