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Christine Lagarde : Auf den Spuren Karl Otto Pöhls

EZB-Präsidentin Christine Lagarde kündigt an: Ein dauerhaftes Inflationsproblem wird die EZB nicht zulassen. Bild: Reuters

EZB-Präsidentin Lagarde hält einen Vortrag zu Ehren von Karl Otto Pöhl. Der frühere Bundesbankpräsident galt als Symbol für die Stabilitätspolitik zu D-Mark-Zeiten. Was folgt daraus für die EZB?

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          Von dem 2014 verstorbenen früheren Bundesbankpräsidenten Karl Otto Pöhl sind allerhand markige Sprüche überliefert. Besuchern, die in den oberen Stockwerken der Frankfurter Bundesbankzentrale die schöne Aussicht lobten, sagte er gern, glücklicherweise könne man das Betongebäude selbst von diesem Ort aus ja nicht sehen. Über die Inflation sagte Pöhl, sie sei wie Zahnpasta: „Ist sie einmal heraus aus der Tube, bekommt man sie kaum mehr rein.“ Man solle daher „nicht zu fest drücken“. Und Jens Weidmann, der Jahre nach Pöhls Zeit von 1980 bis 1991 später das Amt als Bundesbankpräsident innehatte, hatte er einen Rat mit auf den Weg gegeben: „Hart bleiben.“

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Als deshalb Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), an diesem Dienstagabend antrat, in Frankfurt die „Karl Otto Pöhl Lecture“ zu halten, einen Vortrag zum Andenken an den streitbaren früheren Bundesbankpräsidenten, der sich gern mal mit Bundeskanzler Helmut Schmidt angelegt hatte, da sorgte schon die Konstellation für ein interessantes Spannungsverhältnis. Weidmann hatte die Lecture 2015 gehalten – und für kleine Seitenhiebe gegen die lockere Geldpolitik der EZB genutzt. Nun übernahm die EZB-Spitze erstmals selbst die Rede.

          Karl Otto Pöhl war von 1980 bis 1991 Präsident der Deutschen Bundesbank. Er starb 2014 in der Schweiz. Seinem Andenken ist die „Karl Otto Pöhl Lecture“ gewidmet.
          Karl Otto Pöhl war von 1980 bis 1991 Präsident der Deutschen Bundesbank. Er starb 2014 in der Schweiz. Seinem Andenken ist die „Karl Otto Pöhl Lecture“ gewidmet. : Bild: dpa

          Lagarde eröffnete mit einem Zitat Pöhls, das sich später nicht mehr im Redemanuskript auf der Internetseite der EZB wiederfinden sollte. „Es ist ja nicht naturgegeben, dass wir auf einer ,Insel der Stabilität’ leben können – das muss man sich durch eine konsequente Stabilitätspolitik verdienen“, hatte der frühere Bundesbankpräsident einst gewarnt und Lagarde erinnerte jetzt daran.

          Freundlich-kritisch war die EZB-Präsidentin an diesem Abend schon mit dem Hinweis auf aktuell 9,1 Prozent Inflation im Euroraum begrüßt worden – von Jürgen Götz, dem Präsidenten der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft. Diese traditionsreiche Organisation richtet die Pöhl-Lecture regelmäßig aus.

          Jürgen Götz ist Präsident der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft.
          Jürgen Götz ist Präsident der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft. : Bild: Frank Rumpenhorst

          In Pöhls Amtszeit fiel die zweite Welle der Ölpreisschocks in den frühen 1980er Jahren. Zweistellige Inflationsraten, wie sie jetzt Deutschland nach Einschätzung der Bundesbank in den nächsten Monaten zu erwarten sind, hatte es in seiner Amtszeit aber nicht gegeben.

          Niedrigere Inflation nach Rezession?

          Lagarde sucht den historischen Rückblick an diesem Abend beispielsweise in der Frage, ob denn eine möglicherweise bevorstehende Rezession im Euroraum zu einer deutlichen Verringerung der Inflation führen werde. „Bei manchen früheren Rezessionen seit den 1970er Jahren sank die Gesamtinflation ein Jahr nach der Rezession um etwa 1,1 Prozentpunkte“, sagt die EZB-Präsidentin. Diese Regel sei aber „nicht in Stein gemeißelt“. In einigen Rezessionsphasen, beispielsweise wenn diese den sich verschlechternden Angebotsbedingungen zuzuschreiben waren, sei die Inflation gleich geblieben oder habe sogar zugenommen. Auch jetzt hält die EZB-Präsidentin es zumindest für möglich, dass das Wirtschaftswachstum stärker einbricht als erwartet – und die Inflation trotzdem höher ausfällt als bislang prognostiziert.

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