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Attraktive Arbeitsplätze : Silicon Valley jagt Wall Street die Talente ab

  • -Aktualisiert am

Bytes statt Bank: Ruth Porat ist neue Finanzchefin bei Google . Bild: AFP

Der Wechsel einer Spitzenbankerin von Morgan Stanley zu Google sorgt für Unruhe in Manhattan. Banken werden als Arbeitgeber unattraktiver.

          3 Min.

          Der Wert der neuen Finanzchefin Ruth Porat für den Internetkonzern Google misst sich nicht nur an ihrer vereinbarten Vergütung von 70 Millionen Dollar für die kommenden anderthalb Jahre. Als der Wechsel von Porat von der Investmentbank Morgan Stanley zu Google bekannt wurde, schwoll der Börsenwert des kalifornischen Unternehmens an nur einem Tag um rund 8 Milliarden Dollar an. Porat, die bei Morgan Stanley 10 Millionen Dollar pro Jahr verdient hat, ist nicht die einzige prominente Spitzenkraft an der Wall Street, die in jüngster Zeit ins Silicon Valley umgezogen ist, das Zentrum der amerikanischen Technologiebranche an der Westküste.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Der seit vergangenem Jahr amtierende Finanzvorstand des Kurznachrichtendienstes Twitter, Anthony Noto, war davor als Analyst in Diensten der Investmentbank Goldman Sachs bekannt geworden – und war der führende Banker beim Börsengang von Twitter. Nachdem Marissa Mayer 2012 Vorstandsvorsitzende des Internetunternehmens Yahoo geworden war, rekrutierte sie Jacqueline Reses, die als Chefentwicklerin für Akquisitionen verantwortlich ist. Reses hatte ihre Karriere bei Goldman Sachs begonnen und arbeitete in den Jahren vor ihrem Wechsel zu Yahoo bei der Beteiligungsgesellschaft Apax Partners.

          Absolventen zieht es ins Silicon Valley

          Der Wettbewerb um Talente beschränkt sich zudem nicht auf die Spitzenkräfte. Auch Absolventen der Eliteuniversitäten, traditionell ein wichtiger Nährboden für die amerikanische Finanzbranche, starten ihre berufliche Karriere zunehmend in der Technologieszene. Der Prozentsatz von Absolventen der Harvard Business School, die an der Wall Street anheuern, ist im vergangenen Jahr auf 33 Prozent zurückgegangen. Im Jahr 2006, dem Jahr vor der Finanzkrise, hatten noch 42 Prozent der Absolventen das Angebot einer Bank oder eines Wertpapierhauses akzeptiert. Der Anteil von Absolventen, die zu einem Technologieunternehmen gehen, ist im gleichen Zeitraum von 7 Prozent auf 17 Prozent gewachsen.

          Für Banken ist das ein gefährlicher Trend, weil Technologie auch in der Finanzbranche eine immer wichtigere Rolle spielt. Allein der Wertpapierhandel ist mittlerweile weitgehend computergesteuert. Sogar die Börsenaufsicht war gezwungen, technologisch und personell aufzurüsten, um den von promovierten Mathematikern bevölkerten Hochfrequenzhändlern überhaupt noch Paroli bieten zu können. Verantwortlich für das neue Computersystem der Behörde, mit dem sich Milliarden von Handelsdaten schnell auswerten lassen, ist ein Atomphysiker mit einem Doktorgrad der Eliteuniversität Princeton. Bei Goldman Sachs gibt es eine eigene Gruppe, die „Strats“, in der ausgebildete Mathematiker, Natur- und Ingenieurwissenschafter technologische Lösungen für Unternehmensfinanzierung, regulatorische Reformen, Analyse und automatisierten Handel entwickeln.

          Dazu machen junge Technologieunternehmen wie der Zahlungsabwickler Square Banken in angestammten Geschäften Konkurrenz. Die Attraktivität von Technologiefirmen als Arbeitgeber wächst, weil sich die Branche im Aufschwung befindet. Gleichzeitig leiden die Banken immer noch unter den Folgen der Finanzkrise. Die Regulierung der Finanzbranche ist schärfer geworden, was kreativen Köpfen weniger Freiräume bietet.

          Banken bieten keine Tischtennisplatten

          Zudem gibt es kulturelle Unterschiede. Banken sind traditionell hierarchischer strukturiert. Zudem ist der Kleidungsstil konservativer, obwohl es auch bei Goldman Sachs hin und wieder Mitarbeiter mit wilden Bärten gibt. Der Vorstandsvorsitzende Lloyd Blankfein lässt sich seit geraumer Zeit einen für die Branche unkonventionellen Stoppelbart stehen. Aber vom ungezwungenen Stil junger Technologieunternehmen ist die Wall Street dennoch weit entfernt. Im Gegensatz zu den Büros von Google gibt es in den Wolkenkratzern der Wall Street keine Tischtennisplatten und bunte Spielräume. „Die Arbeitsatmosphäre in Start-up-Unternehmen ist viel attraktiver und lässiger als in einer Investmentbank, wo 100-Stunden-Wochen keine Seltenheit sind“, sagt der ehemalige Investmentbanker Benedikt von Schröder, der in junge Technologieunternehmen investiert.

          Nach der Finanzkrise hat der „Coolness-Faktor“ der Wall-Street-Banken für Top-Absolventen gelitten. Mehrere Investmentbanken hatten sich daher bereit erklärt, ihren Trainees wenigstens einige Tage an Wochenenden freizugeben. Dazu wurden die Einstiegsgehälter etwas angehoben. Immerhin die Absolventen dieser üblicherweise zweijährigen Traineeprogramme wanderten zuletzt noch nicht in Scharen zu Technologieunternehmen ab. Nach Angaben der Personalberatung Vettery wechselten 2012 nur 4 Prozent der Absolventen zu einem Start-up im Silicon Valley. Aber die Investmentbanken haben noch andere Konkurrenz. Mehr als ein Drittel der frisch ausgebildeten Investmentbanker heuerte bei einer Beteiligungsgesellschaft an. In der Private-Equity-Branche locken noch höhere Gehälter.

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