https://www.faz.net/-gv6-7206a

Assekuranzen : Versicherer stecken in der Niedrigzinsfalle

Auch die Folgen von Naturkatastrophen - wie hier nach dem schweren Erdbeben in Japan - versichert Munich Re. Bild: dapd

Die Versicherungskonzerne stecken in der Niedrigzinsfalle. Selbst bei Allianz und Munich Re leidet die Rendite bei der Wiederanlage.

          3 Min.

          Euro-Krise und volatile Märkte machen den Versicherungskonzernen seit geraumer Zeit schwer zu schaffen. Noch härter trifft sie jedoch die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Ob Allianz-Chef Michael Diekmann oder sein Munich-Re-Kollege Nikolaus von Bomhard: Beide klagten jüngst zur Vorlage der jeweiligen Halbjahresbilanzen über die gewaltigen Herausforderungen, welche die historisch niedrigen Zinsen für ihr Kerngeschäft bedeuten.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Lebensversicherungen müssen das Kapital langfristig und risikoarm anlegen, um die Garantien zu erfüllen, die sie den Kunden einst bei Abschluss der Police gegeben haben. Der Garantiezins für Neuverträge beträgt aktuell 1,75 Prozent, zuzüglich der Überschussbeteiligung macht das für den Kunden 3,9 Prozent. Noch zehren viele Konzerne von den guten Abschlüssen aus Zeiten, als die Zinsen hoch waren. Bleiben die Zinsen über weitere Jahre so niedrig wie heute, wird es immer schwieriger, das gegebene Renditeversprechen einzuhalten. Denn gegenwärtig erwirtschaften die Versicherungsunternehmen, als Kapitalsammelstellen seit jeher große Investoren in Staats- und Unternehmensanleihen, mit ihren Kapitalanlagen immer geringere Gewinne, von Quartal zu Quartal schrumpft die Wiederanlage-Rendite.

          Abzulesen ist dies auch im Zahlenwerk der Munich Re. Der größte Rückversicherer der Welt steht mit seiner Erstversicherung Ergo in der Pflicht gegenüber Lebensversicherungskunden. Weil die Munich Re in unsicheren Zeiten in immer sicherer erscheinende Anlagen wie deutsche und amerikanische Staatsanleihen oder Pfandbriefe flüchtet, sinkt die Rendite weiter. Im zweiten Quartal waren es nur noch 3,4 Prozent, bei der Wiederanlage im ersten Halbjahr noch 2,8 Prozent. Damit liegt die Verzinsung der gesamten Kapitalanlagen schon unter dem Garantiezins der Lebensversicherung.

          Selbst die Allianz, die dank ihrer beiden Vermögensverwaltungen Pimco und Allianz Global Investors das operative Anlageergebnis im zweiten Quartal sogar noch gesteigert hat, steht grundsätzlich vor demselben Dilemma. Denn rund drei Viertel der Kapitalanlagen von 1,75 Billionen Euro wird „für Dritte“ verwaltet, also nicht für die eigenen Versicherungskunden. Eine Aussage von Allianz-Chef Diekmann ließ dann aber doch aufhorchen: Selbst wenn die Zinsen in den kommenden zwei Dekaden so niedrig blieben, würde Europas größter Versicherungskonzern alle Garantien einhalten können. Das hat die Allianz in einem sogenannten Worst-Case-Szenario schon einmal durchgerechnet.

          An der Börse wird der sichere Kurs, den Munich Re und Allianz steuern, ganz überwiegend honoriert. Nach Vorlage der Halbjahresbilanz haben mehrere Banken und Analystenhäuser ihre Schätzungen überarbeitet. So erhöhte die Landesbank Baden-Württemberg das Kursziel für die Munich-Re-Aktie von 115 auf 120 Euro. Ein noch höheres Kursziel von 146 Euro auf Sicht von zwölf Monaten hat JP Morgan Cazenove festgesetzt. Dazwischen liegt die Commerzbank, die ihre Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 135 Euro versehen hat. Am Donnerstag pendelte der Kurs nahe seinem 52-Wochen-Hoch um 118,50 Euro. Von 42 Analysten empfiehlt die Hälfte, die Munich-Re-Aktie zu halten, 19 raten zum Kauf, nur zwei empfehlen den Verkauf.

          Ähnlich sieht das Bild bei der Allianz aus. Auch hier sind die Analysten überwiegend zufrieden mit der Entwicklung. Für die Aktie gibt es 27 Kauf- und 14 Halteempfehlungen; nur einmal wird zum Verkauf geraten. Am Donnerstag notierte der Wert bei gut 86 Euro zehn Prozent unterhalb seines Höchststandes. Die Fachleute der HSBC bekräftigten ihre Kaufempfehlung und setzten das Kursziel von 105 auf 110 Euro herauf. Auch die Analysten der Credit Suisse erhöhten das Ziel leicht von 103,99 auf 104,60 Euro und beließen ihre Einstufung auf „Outperform“.

          Abgesehen von den Herausforderungen durch die Niedrigzinspolitik der Zentralbank verliert ein anderes Branchenthema immerhin allmählich seinen Schrecken. Lange bereiteten die Pläne der Europäischen Kommission, die Eigenkapitalanforderungen für Versicherer im Rahmen von „Solvency II“ zu erhöhen, den Managern in den Chefetagen enormes Kopfzerbrechen. Nun zeichnet sich ab, dass die Europäische Union den Unternehmen die Umstellung auf die neuen Kapitalvorschriften erleichtern will. Keinesfalls solle Solvency II abrupt eingeführt werden, verlautete zuletzt aus Brüssel. Stattdessen solle es eine Übergangsregelung geben, ein Zeitraum von drei bis fünf Jahren scheint denkbar. Und vielleicht entspannt sich für die Versicherer in diesem Zeitfenster auch die Situation der niedrigen Zinsen bei der Kapitalanlage.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Milliardenhilfe : Gegenwind für die Lufthansa-Rettung

          Nach langen Verhandlungen einigen sich Bundesregierung und Lufthansa auf ein Rettungspaket aus Steuergeldern. Brüssel sagen die Pläne aber nicht zu. Kanzlerin Merkel will kämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.