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Tech-Unternehmen : So viele Aktienrückkäufe an Wall Street wie nie

  • -Aktualisiert am

Der eine designt, der andere taktiert mit den Aktien: Apple-Vorstandschef Tim Cook (rechts) mit Chef-Designer Jonatahn Ive (links). Bild: AFP

Nach der Steuerreform unter Präsident Trump investieren vor allem Technologieunternehmen Milliardensummen in eigene Aktien. Das wirkt sich nicht nur auf die eigene Gewinnsteigerung aus.

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          Die Ende des vergangenen Jahres vom amerikanischen Kongress verabschiedeten Steuersenkungen haben weiterhin immense Konsequenzen für die Wall Street. Die Steuererleichterungen stützen die allgemeine Gewinnentwicklung amerikanischer Aktiengesellschaften. Dazu ermöglichen sie den Unternehmen zusätzliche Rückkäufe eigener Aktien – ein wichtiger Stützungsfaktor für die Börsenkurse.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Die im amerikanischen Aktienindex S&P 500 abgebildeten Unternehmen haben im zweiten Quartal dieses Jahres die Rekordsumme von 190,6 Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe ausgegeben – knapp 60 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Die Summe übersteigt nach Angaben des Indexanbieters S&P Dow Jones Indices leicht den bisherigen Rekord von 189,1 Milliarden Dollar aus dem ersten Quartal 2018. „Angesichts der Rekordgewinne, der starken Barmittelzuflüsse, der Forderungen von Investoren und der Mitteilungen der Unternehmen deutet alles darauf hin, dass das hohe Niveau auch im Rest des Jahres anhält“, prognostiziert Howard Silverblatt, Analyst bei der Indexgesellschaft.

          Apple kauft Aktien im Wert von fast 22 Milliarden Dollar zurück

          In keinem der sechs Quartale vor der Steuerreform hatten Aktienrückkäufe die Summe von 137 Milliarden Dollar überstiegen. Der S&P 500 ist in diesem Jahr um fast 10 Prozent gestiegen und notierte zuletzt knapp unter dem in der vergangenen Woche erzielten Rekordhoch. Technologiewerte, die in diesem Jahr mit 17 Prozent im Plus liegen, waren bisher die wichtigste Triebfeder für den allgemeinen Kursanstieg.

          Die Steuerreform sieht unter anderem eine Senkung des Körperschaftsteuersatzes von 35 Prozent auf 21 Prozent vor. Dazu können Unternehmen Vermögen, das bei Tochtergesellschaften im Ausland liegt, einmalig günstiger versteuern, wenn sie es in die Vereinigten Staaten transferieren. Amerikanische Konzerne, vornehmlich aus der Technologiebranche, hatten Billionen von Dollar im Ausland geparkt.

          Einen Teil dieser Gelder geben die Unternehmen nun in Form von Aktienrückkäufen an Aktionäre zurück. Die gemessen am Börsenwert größte amerikanische Aktiengesellschaft, der Elektronikkonzern Apple, spielt auch in diesem Bereich in einer eigenen Liga. Apple kaufte im zweiten Quartal Aktien im Wert von 21,9 Milliarden Dollar zurück. Das war zwar knapp eine Milliarde weniger als noch im ersten Quartal. Aber die Rückkäufe von Apple entsprachen mehr als einem Zehntel der von Unternehmen im S&P 500 insgesamt getätigten Rückkäufe – und fast einem Drittel der gesamten Rückkäufe von Technologieunternehmen. Neben Aktienrückkäufen haben S&P-500-Konzerne im zweiten Quartal auch das Volumen ihrer Dividendenausschüttungen gegenüber dem Vorjahr um 7 Prozent auf 111,6 Milliarden Dollar erhöht.

          Gewinnsteigerung durch Aktienrückkäufe möglich

          Investoren schätzen Aktienrückkäufe, weil sich dadurch die Zahl der umlaufenden Papiere verknappt. Damit steigt der auf eine einzelne Aktie entfallende Gewinn. Der Gewinn je Aktie ist für Analysten die entscheidende Größe bei der Bewertung der Ergebnisse. Unternehmensgewinne sind langfristig der wichtigste Faktor für den Trend der Aktienkurse, weil Aktien Anteile an Unternehmen verbriefen.

          Kritiker von Aktienrückkäufen wie der Investor Carl Icahn hatten die Praxis in der Vergangenheit allerdings als Trugbild bezeichnet, um Gewinne rechnerisch zu erhöhen. Im Extremfall wird wie zuletzt bei der Fluggesellschaft Southwest Airlines aus nachlassendem Nettogewinn per Aktienrückkauf ein gestiegener Gewinn je Aktie. Nach Angaben des Informationsdienstes Thomson Reuters war der durchschnittliche Gewinn je Aktie für die S&P-500-Unternehmen im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 25 Prozent gestiegen – 2 Prozentpunkte mehr als der Nettogewinn. „Man kann durchaus annehmen, dass das alles auf Rückkäufe zurückgeht“, sagte David Aurelio, Analyst bei Thomson Reuters gegenüber dem „Wall Street Journal“.

          Gerüchte über unzureichende Investitionen

          Kritiker werfen Unternehmen auch vor, die für Rückkäufe verwendeten Mittel nicht in Wachstumsstrategien wie Forschung und Entwicklung oder die Übernahme anderer Unternehmen zu investieren. Amerikanische Konzerne investieren derzeit allerdings einen wachsenden Teil ihrer Überschüsse in neue Projekte. Nach Einschätzung der Investmentbank Goldman Sachs dürften die Investitionsausgaben amerikanischer Unternehmen in diesem Jahr so stark steigen wie seit mindestens einem Vierteljahrhundert nicht mehr.

          „Die Gerüchte über den Tod von Investitionen sind stark übertrieben“, schrieb David Kostin, der bei Goldman Sachs für den amerikanischen Aktienmarkt zuständige Anlagestratege in Abwandlung eines berühmten Zitats des Schriftstellers Mark Twain. Apple will nicht nur weitere Aktien zurückkaufen, sondern in den kommenden fünf Jahren auch 350 Milliarden Dollar in amerikanische Standorte investieren. Apple rechnet mit 20.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen.

          Unter den zehn Unternehmen mit den höchsten Aktienrückkäufen im S&P 500 befanden sich im zweiten Quartal neben Apple noch vier weitere Unternehmen aus der Technologiebranche: Cisco Systems (6,1 Milliarden Dollar), Broadcom (5,4 Milliarden), Oracle (5,0) und Intel (4,4). Zwei Unternehmen, AbbVie (7,5) und Celgene (3,4), kommen aus der Pharmabranche. Die Großbanken JP Morgan Chase und Bank of America (jeweils 5,0) gehören ebenfalls zu den größten Käufern eigener Aktien. Die Frachteisenbahngesellschaft Union Pacific ist mit Aktienrückkäufen von insgesamt 5,5 Milliarden Dollar der größte Industriewert.

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