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EZB-Posten : Applaus für Lagarde – und ein paar Buhrufe

Christine Lagarde Mitte Juni während einer Pressekonferenz in Luxemburg Bild: AFP

Mit Christine Lagarde als EZB-Chefin wird die Geldpolitik locker bleiben. Ihre Kompetenz ist unbestritten. Kritiker erinnern aber an ihre Rolle in der Euro-Krise.

          Die Nominierung der bisherigen IWF-Chefin Christine Lagarde als künftige Präsidentin der Europäischen Zentralbank hat in der Politik und unter Ökonomen viel Zustimmung gefunden, doch es gibt auch kritische Einwände gegen sie. Die 63 Jahre alte frühere französische Finanzministerin, die seit 2011 den Internationalen Währungsfonds in Washington leitet, werde den EZB-Kurs des billigen Geldes ihres Vorgängers Mario Draghi fortführen, wird allgemein erwartet. Draghis Amtszeit endet im Oktober.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          „Unter Lagarde wird es dem Euro gutgehen“, bekräftigte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Lagardes Nominierung bedeutet, dass Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der ebenfalls als kompetenter Kandidat für die EZB galt, den Kürzeren gezogen hat. Er war als Draghi-Kritiker besonders in Südeuropa unbeliebt. Weidmann gilt im 25-köpfigen Rat als Vertreter der Minderheit von „Falken“, die für eine straffere Geldpolitik stehen. Lagarde steht nach allgemeiner Einschätzung im Lager der „Tauben“. Erst kürzlich rief der Währungsfonds die Notenbanken auf, mit einer expansiven Politik die schwächere Konjunktur zu unterstützen.

          Der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman nannte ihre Berufung eine gute Nachricht. Draghi sei „erstaunlich gut gewesen“, aber Lagarde sei ebenfalls flexibel, was der EZB gut tue „sicherlich verglichen mit den Hardlinern“, so Krugman. Dass Lagarde studierte Juristin und keine Ökonomin sei, wurde nicht als großes Problem angesehen. Lagarde habe als Finanzministerin und IWF-Direktorin sich genügend geldpolitisches Wissen aneignen können, sagte der in Princeton lehrende deutsche Ökonom Markus Brunnermeier der F.A.Z. Neben der Französin wird künftig der neue irische EZB-Chefvolkswirt Philip Lane eine besonders wichtige Rolle bei der Festlegung der Geldpolitik in Europa spielen.

          Kein Hardliner-Ruf

          Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) kann offenbar gut mit Lagarde als nächster EZB-Präsidentin leben. Das Ministerium verbinde mit der IWF-Direktorin eine „langjährige und konstruktive Zusammenarbeit“, sagte eine Sprecherin. Der Chef des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Clemens Fuest, nannte Lagarde eine sehr gute Besetzung. Sie habe genügend Gewicht, um die Unabhängigkeit der EZB gegen politische Übergriffe zu verteidigen. An den Börsen gab es in Erwartung einer weiter lockeren Geldpolitik Kursgewinne, am Anleihemarkt fielen die Renditen auf neue Tiefstände. Unter Draghi hat die Zentralbank die Leitzinsen auf null Prozent gesenkt, der Einlagenzins liegt bei minus 0,4 Prozent.

          Draghi hat im Juni signalisiert, dass noch eine Senkung denkbar ist. Auch eine Wiederaufnahme des billionenschweren Anleihekaufprogramms haben einige EZB-Räte vorgeschlagen. Der Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer erwartet, dass unter Lagarde die Zinswende im kommenden Jahr ausfällt. Er rechne nicht mehr mit höheren Leitzinsen in den nächsten Jahren. Auch der Konjunkturprognosenchef Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft sieht keine Abkehr vom ultraexpansiven Kurs. „Damit rückt die Normalisierung der Zinsen in weitere Ferne, und das größte monetäre Experiment der Nachkriegszeit in Europa geht in die nächste Runde“, sagte Kooths.

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